Rostock-Lichtenhagen Als der rechte Mob wütete

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Vor 25 Jahren gingen die Bilder vom brennenden Rostocker Stadtteil Lichtenhagen um die Welt. Es waren die schlimmsten ausländerfeindlichen Krawalle seit 1945. Ein Stuttgarter, der dabei war, erinnert sich an die Ausschreitungen.

Brandschäden und kaputte Fenster: In Rostock  hatte vor 25 Jahren der rechts­extreme Mob der ganzen Welt sein hässlichstes Gesicht gezeigt. Foto: dpa
Brandschäden und kaputte Fenster: In Rostock hatte vor 25 Jahren der rechts­extreme Mob der ganzen Welt sein hässlichstes Gesicht gezeigt. Foto: dpa

Rostock - Es wird schnell klar, wie ernst, wie existenziell die Situation war: „Irgendwann habe ich mich gefragt: Was ist eigentlich besser: aus dem Fenster zu springen oder hier drinnen zu verbrennen?“, erinnert sich Thomas Höper. Der Stuttgarter war mitten hineingeraten in die Ausschreitungen. Der Kameramann arbeitete mit vier Kollegen des ZDF im sogenannten Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen, als Neonazis und Anwohner Wohnungen des Häuserblocks in Brand steckten. Dieser 24. August 1992 markierte den Höhepunkt fast einer ganzen Woche ausländerfeindlicher Krawalle im Stadtteil.

Für die Sendung „Kennzeichen D“ war Höper, der heute mit seiner Frau am Stuttgarter Killesberg wohnt, nach Rostock gekommen. Der Kameramann und seine Kollegen sollten den dritten Abend der Krawalle vor der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber begleiten. Bereits in den Tagen zuvor hatte es heftige Randale vor dem Gebäude gegeben. Das Haus war hoffnungslos überfüllt mit Flüchtlingen, darunter viele Sinti und Roma, die aus Rumänien und Polen gekommen waren. Sie kampierten vor dem Haus, ohne Verpflegung, ohne sanitäre Anlagen. Sie hatten kein Geld, umliegende Geschäfte klagten über Diebstähle. Trotz der Beschwerden der Anwohner unternahmen die Behörden nichts.

Am 22. August entlud sich zum ersten Mal die Wut der Menschen in Lichtenhagen. Es flogen Steine, Flaschen, Molotowcocktails und Feuerwerksraketen, begleitet von „Sieg Heil“- und „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“-Rufen. Während die einen randalierten, standen andere daneben, klatschten und jubelten. Es wurden Imbissbuden aufgebaut. Die Stimmung bewegte sich zwischen Pogrom und Volksfest.

Höper will Präsenz zeigen

Es ist kein Zufall, dass Thomas Höper wieder in Rostock ist. Er zeigt, wo damals die Proteste stattfanden. Auf der Wiese vor dem Haus befinden sich nun ein Supermarkt, ein Friseur und ein paar kleinere Läden. Höper beschleicht immer noch ein spezielles Gefühl, wenn er sich in Rostock aufhält. „Der Tag hat mein Leben verändert“, sagt der 55-Jährige. „Ich fühle mich verpflichtet, will Präsenz zeigen. Die Geschehnisse von damals sollen in Erinnerung bleiben.“

Am Nachmittag jenes 24. August war die Aufnahmestelle für Asylbewerber geräumt worden. Vor dem Sonnenblumenhaus versammelten sich weitere Anwohner und zugereiste Neonazis. Im Fokus stand nun das Heim für vietnamesische Vertragsarbeiter, das im gleichen Wohnblock untergebracht war. Höper zeichnete im sechsten Stock ein Interview mit einer vietnamesischen Familie auf. „Die Familie konnte kein Licht machen, da sie Angst hatte, entdeckt zu werden – wegen der Krawalle hatten sie seit zwei Tagen nicht geschlafen“, erinnert sich Thomas Höper. Während er und sein Team arbeiteten, zündeten die Randalierer die ersten Wohnungen in den unteren Stockwerken an.

Dass etwas nicht stimmte, bemerkte Höper, als er aus dem Fenster blickte: „Ich sah die Molotowcocktails, aber keine Polizei. Die war abgezogen.“ Ein Schock – zusammen mit den etwa 150 eingeschlossenen Vietnamesen rettete er sich auf das Dach des Hauses. Geduckt liefen sie über die Dächer weiter zu den anliegenden Häusern und brachten sich in Sicherheit. Als großes Glück beschreibt es Thomas Höper, dass sich Vietnamesen so gut auskannten. Überall Rauch, von unten drängten Randalierer ins Haus, sie riefen: „Wir kriegen euch alle“ und „Jetzt werdet ihr gegrillt!“ Die Feuerwehr rückte an, doch Menschen stellten sich ihr in den Weg. Erst viel später konnten die Brände gelöscht werden. Es grenzt an ein Wunder, dass es keine Toten gab.

Rostock ist durch die Vorfälle international bekannt geworden

Mit einer Gedenkwoche erinnern die Stadt Rostock und Vereine bis Samstag an die Ausschreitungen. „Die Stadtgesellschaft und ihre Institutionen haben damals versagt“, sagt Wolfgang Nitzsche, „heute müssen wir Verantwortung tragen.“ Der Präsident der Rostocker Bürgerschaft sitzt der „AG Gedenken“ vor, die das Programm organisiert hat. Am Dienstag sagte Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) bei einer Veranstaltung: „Ziel unseres Engagements muss sein, die Menschen vor Ort zu erreichen, gerade auch junge Menschen, die sich abgehängt fühlen, die dann leicht empfänglich sind für radikale Ideologien.“

Rostock sei international bekannt geworden. „Der Rassismus aber ist allgegenwärtig in der ganzen Bundesrepublik“, sagt Nitzsche. Deshalb sei es umso wichtiger, an das Pogrom zu erinnern. Es gebe immer wieder Vorfälle mit Nazis in der Stadt. Das Denkmal für Mehmet Turgut, einen vom NSU ermordeten türkischstämmigen Imbissverkäufer, war Anfang des Jahres beschmiert worden. Wegen rechter Proteste gegen eine Einrichtung für minderjährige Flüchtlinge in einem Randbezirk mussten die Jugendlichen auf andere Stadtteile verteilt werden.

Zugleich sei die Hilfsbereitschaft immens hoch gewesen, berichtet Nitzsche. Nachdem Nazis versucht hatten, in der Stadt Fuß zu fassen, bildete sich das Bündnis „Bunt statt Braun“. Und nach den Ausschreitungen 1992 gründeten die Vietnamesen den Verein „Diên Hông“, um auf die Rostocker zuzugehen, sich einzubringen.

Politik und Polizei versagten

Es waren Bilder, die um die Welt gingen. Ein arbeitsloser Baumaschinist im Deutschlandtrikot und mit eingenässter Hose, die Hand zum Hitlergruß gereckt. Bilder von Molotowcocktails, brennenden Autos, Polizeibeamten, die kapituliert hatten. Und 25 Jahre später? Flüchtlingsheime brennen immer wieder. Es gibt Vorfälle wie in Clausnitz oder in Heidenau. Seit 2015 ist die Anzahl der Gewalttaten mit rechtsextremem Hintergrund sprunghaft angestiegen. 2014, vor der Flüchtlingskrise, gab es 990 solcher Taten pro Jahr. 2015 waren es 1408, 2016 sogar 1600. Immerhin, die direkten Straftaten gegen Asylunterkünfte nehmen wieder ab.

Kann so etwas wie 1992 wieder passieren? Nicht in dem Ausmaß, glaubt der Bürgerschaftspräsident Wolfgang Nitzsche. „Dafür war die Solidarität in der Flüchtlingskrise zu hoch.“ Er sagt aber auch: „Es kann schon sein, dass es eine schweigende Mehrheit gibt, die sich dem Mob wieder anschließen und applaudieren würde.“

In Lichtenhagen versagten Politik und Polizei. Es war keine kleine braune Gruppe, die sich heimlich in das Sonnenblumenhaus schlich. Der rechte, mordlustige Mob randalierte vor laufender Kamera, vor den Augen der Polizei. Die nicht eingriff, sondern abzog. Die Bewohner waren in Todesangst und den Randalierern schutzlos ausgeliefert. Was folgte, waren immer mehr rechte Gewalttaten. In Mölln, in Solingen, in Magdeburg. Daraufhin wurden nicht etwa rechtsextreme Kriminelle härter bestraft, sondern das Asylrecht eingeschränkt.

Der Kameramann Thomas Höper sitzt in einer Eisdiele in Lichtenhagen, direkt vor dem Sonnenblumenhaus. Er und seine Frau bleiben die ganze Woche über in der Stadt. Gleich will er sich mit ehemaligen Kollegen und Bekannten treffen. Der Ausländerbeauftragte von damals, Wolfgang Richter, der mit dabei war, hat sie eingeladen. Er bekocht sie. Aus all dem Grauen sind Freundschaften entstanden, die seit 1992 halten. Höper glaubt, dass diese Woche das letzte große Gedenken in nächster Zeit sein wird: „Ab 30 Jahren interessiert das niemanden mehr.“ Er hofft, dass die Krawalle von damals trotzdem in Erinnerung bleiben – und sich nicht wiederholen.