Rückblick eines Tübinger Gelehrten Wie Hermann Bausinger sich an die „Nachkriegsuni“ erinnert

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Auch im 94. Lebensjahr darf man vom Tübinger Gelehrten Hermann Bausinger neue und interessante Bücher erwarten – wie jetzt pünktlich zu den Stuttgarter Buchwochen sein Erinnerungsbuch „Nachkriegsuni“.

Ein Blick auf Tübingen, Modellfall einer klassischen deutschen Universitätsstadt Foto: imago/Jochen Tack
Ein Blick auf Tübingen, Modellfall einer klassischen deutschen Universitätsstadt Foto: imago/Jochen Tack

Stuttgart - Welch ein Glück, wenn Hermann Bausinger Lebenserinnerungen veröffentlicht! Wobei sich sein neues Buch „Nachkriegsuni“ schon vom Titel her ja nur mit seiner Arbeitsstätte, der Universität Tübingen, befasst. Aber wer wollte bestreiten, dass just dieser akademische Ort einen Großteil seines Lebens ausmacht. Und wer könnte verkennen, dass im Grunde alles, was dieser auch in seinem 94. Lebensjahr erfreulich und berückend frische Kulturwissenschaftler, ach was: Großgelehrte seit Jahr und Tag zu Papier bringt, jede Lektüre wert und ein Gewinn ist – erst jüngst der wunderbare Gesprächsband „Heimat“, den er gemeinsam mit der Landtagspräsidentin Muhterem Aras herausgegeben hat.

Die Erinnerungen beginn 1945

Bausinger hat ja letztlich sein gesamtes akademisches Leben in Tübingen verbracht, vom Studium über Staatsexamen, Promotion und Habilitation bis zur Emeritierung und bis heute. Er hat sein Fach neu geprägt, er hat das Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft zur besten Adresse gemacht. Er steht für den Kreis Tübinger Gelehrter, die sich nie zu schade waren, auch in den politischen Debatten des Tages ihren Beitrag zu leisten – wobei es ihm anders als einigen Kollegen aber mehr darauf ankam, mit präziser wissenschaftlicher Expertise den Debatten die nötige Tiefe zu verleihen, anstatt öffentlichkeitswirksam diese oder jene Partei zu ergreifen.

Wenn es nun um die eigenen Erinnerungen geht, lässt es Bausinger aber dann doch erstaunlich großzügig angehen. Zwar beginnt er seine „kleinen Tübinger Rückblenden“ tatsächlich dort, wo vermutlich für die allermeisten Leser die Nachkriegszeit zu verorten ist, nämlich in den Jahren nach 1945 und der Frage, wie sich nach dem dramatischen Einschnitt des Zweiten Weltkriegs der Universitätsbetrieb überhaupt wieder einspielen konnte.

Auf dem Weg zur Vorlesung war eine Grenze zu überwinden

Da profitiert man zweifellos von seiner Zeitzeugenschaft. Wer etwa würde heute noch vermuten, dass viele Studenten damals allein deshalb zu spät zur Vorlesung kamen, weil sie vielleicht nur 16 Kilometer weiter nördlich von Tübingen eine Bleibe gefunden hatten und darum jeden Morgen erst die Pass- und Zollformalitäten zwischen der amerikanischen und der französischen Besatzungszone absolvieren mussten? Oder wo hätte man zuvor ebenso genau gelesen, dass die Bezeichnung „Kriegsteilnehmer“ für all jene Studenten, die zuvor an der Front hatten kämpfen müssen, natürlich einer der vielen frühen Versuche war, sich im Alltag mittels aseptischer Verwaltungssprache die traumatischen Erinnerungen an die jüngste Vergangenheit möglichst schnell vom Leibe zu rücken?

Bausinger definiert „Nachkriegszeit“ aber eben weitaus großzügiger, worüber er leider erst fast am Ende des Buchs explizit Auskunft gibt. Für ihn gehören auch die 60er und 70er Jahre dazu; im Grunde habe sie erst mit dem großen 500-Jahr-Jubiläum der Universität 1977 geendet. Also kann er auch viel Spannendes aus den Jahren der Studentenproteste und von der gesellschaftlichen Öffnung der Alma Mater berichten. Darüber geht die Stringenz seines Berichtens aber leider ein wenig verloren (und wurde vom Verlag offenbar auch nicht weiter angeregt). Und die Grundstimmung des Autors gerät über zahllose Schauplätze hinweg erstaunlich konziliant.

Krisen kommen, Krisen gehen, die Uni bleibt

Das verwundert schon, wenn man bedenkt, dass Bausinger selbst ja nun wirklich harte Kämpfe auszufechten hatte, um gegen die stark ideologisch vergiftete, volkstümelnd-völkische Tradition seines Fachs eine offene, moderne, vor allem wirklich empirische Kulturwissenschaft durchzusetzen. Aber gerade die Frage, mit welchem ideologischen Erbe die Nachkriegsuniversität Tübingen zu kämpfen hatte, welche zum Teil skandalöse Kontinuität in vielen Fachbereichen herrschte, warum die Aufklärung über die eigene NS-Verstrickung erst in den 70er und 80er Jahren begann, noch dazu lange Zeit behindert von vielen über die Jahre ergrauten Hochschuleminenzen – das spielt in diesem Band nur arg punktuell eine Rolle.

Hermann Bausingers Rückblenden erzeugen ein mildes Licht. Die Universität Tübingen erscheint als ein Ort, dessen Wurzeln eben weit über jede Nachkriegszeit zurückreichen und deren schönes Blätterwerk auch unbezweifelbar in die fernste Zukunft reicht. Krisen kommen, Krisen gehen, die Uni bleibt. Die Nöte der Gegenwart weiß sie stets zu verarbeiten, nicht konfliktlos, aber produktiv. Und wer wollte einem so verdienstvollen Gelehrten diese Sicht auf seine Uni auch verdenken? Letztlich ist es bei Fragen des Kulturbiotops Hochschule nicht anders als bei allen Themen der Kulturforschung: Weiterführend ist erst der kritische Blick von außen.

Hermann Bausinger: Nachkriegsuni.
Kleine Tübinger Rückblenden. Klöpfer-Narr-Verlag. 185 Seiten, 20 Euro.