Rückkehr zur Präsenz in Stuttgart So soll Studieren vor Ort wieder gehen

Leere Hörsäle gehören zur Coronazeiten. Das macht den Studierenden zu schaffen. Foto: dpa/Martin Schutt
Leere Hörsäle gehören zur Coronazeiten. Das macht den Studierenden zu schaffen. Foto: dpa/Martin Schutt

Wer im ersten, zweiten oder dritten Semester studiert, kennt weder Campus noch Kommilitonen live und in Farbe. Das soll sich an der HdM Stuttgart und der Uni Hohenheim im Herbst ändern.

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Hohenheim/Vaihingen - Von morgens bis abends im Wohnheim-Zimmer, keine Struktur im Alltag – seit drei Semestern müssen Studierende wegen Corona digital lernen. Wer erst in Pandemiezeiten angefangen hat, kennt Kommilitonen und Campus so gut wie kaum live und in Farbe. Das soll sich vom kommenden Wintersemester an ändern – sofern es die Corona-Entwicklung zulässt.

Professor Alexander W. Roos, Rektor der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart-Vaihingen, sagt, es sei auch Zeit. „Die Konzentration auf diese Form des Studiums dauert schon sehr lange, belastet Studierende wie Lehrende vor allem an einer Hochschule für Angewandte Wissenschaften wie der HdM, bei der es auch um das praktische Machen geht“, erklärt er.

Diese Coronaregeln gelten im Hörsaal

Für die Entscheidung der Hochschulgremien relevant ist die Corona-Verordnung Studienbetrieb, die am 30. Juni 2021 erlassen wurde. Hiernach muss grundsätzlich ein Abstandsgebot von 1,5 Metern eingehalten werden. Ausnahmen sind Präsenzveranstaltungen mit Gruppengrößen von bis zu 35 Studierenden oder mit bis zu 60 Prozent der zugelassenen Raumkapazität. In beiden Fällen muss die 3-G-Regel eingehalten werden.

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Die HdM sei hier wenig eingeschränkt, sagt Roos. Von 101 Räumen hätten 79 Räume eine Kapazität für weniger als 35. Und das 300 Leute fassende Audimax sei für die größte Veranstaltung ausreichend.

Hybrides Konzept in Stuttgart-Hohenheim geplant

Die Uni Hohenheim plant indes ein Hybrid-Konzept. Bei Vorlesungen sei ein gewisser Anteil an digitaler Lehre unumgänglich. Seminare, Workshops, Tutorien, Praktika und Prüfungen sollen in Präsenz erfolgen. Für die Erstsemester planen beide Hochschulen kleine Begrüßungen, die von den Fachschaften der Studiengänge organisiert werden.

Wie wichtig die Rückkehr zur Präsenzlehre ist, zeigt ein offener Brief an die Politik, verfasst von der Fachschaft Agrar in Hohenheim am 24. Juni 2021. Er stützt sich auf eine uniinterne Befragung, laut der 65 Prozent der Studierenden angaben, dass sie durch die fast präsenzlose Lehre psychische Probleme hätten. „Einsamkeit, Isolation und ein fehlendes Netzwerk waren häufig genannte Punkte, aber auch fehlende Motivation oder das Problem der Strukturierung des Alltags“, erklärt die Studentin Marie-Luise Dralle.

Viele Studenten haben Prüfungen geschoben

Die psychologische Beratungsstelle des Studierendenwerks Stuttgart hat beobachtet, dass im zweiten Lockdown mehr Studierende Hilfe suchten. „Immer mehr berichteten, dass sie sich einsam fühlen, Schwierigkeiten haben, aus dem Bett zu kommen, und sich Sorgen machen um gefährdete Familienmitglieder. Viele zeigen Symptome einer Depression, was nicht verwunderlich ist “, sagt die Diplom-Psychologin Petra Kucher-Sturm.

Laut Universität Hohenheim hätten viele Studierende ihre Prüfungen geschoben. „Möglicherweise fühlen sie sich nicht gut genug vorbereitet“, so Florian Leonhardmair, Pressesprecher der Uni Hohenheim. Laut psychologischer Beratungsstelle sei eine Rückkehr zu Präsenz fürs kommende Wintersemester unverzichtbar.

HdM findet heraus: Mentale Verfassung 2021 besser als 2020

Dem entgegen steht eine hochschulinterne Evaluation der HdM. Danach hat sich die mentale Verfassung der Studierenden von Sommer 2020 bis Sommer 2021 verbessert. Auf einer Skala von eins bis fünf, wobei eins „sehr schlecht“ und fünf „sehr gut“ bedeutete, sei der Durchschnitt von 3,3 auf 3,7 angestiegen. „Ich will mir kein pauschales Urteil erlauben“, sagt HdM-Professor Mathias Hinkelmann. „Es gibt Studierende, die massiv gelitten haben und leiden, und Studierende, die gut zurechtkommen. Wie hoch der jeweilige Anteil ist, weiß ich nicht.“

Ob der Zutritt zu Präsenzveranstaltungen im Wintersemester nur für Personen erlaubt wird, die geimpft, genesen oder getestet sind, ist bisher unklar. Die Uni Hohenheim plant eine Corona-Teststation auf dem Campus. Laut einer von der HdM Mitte Juli durchgeführten Umfrage, an der 50 Prozent der Studierenden teilnahmen, gaben fast 85 Prozent an, bereits mindestens eine Impfung erhalten zu haben. Nur 2,8 Prozent der Studierenden seien noch auf der Suche nach einem Impftermin. Somit sei laut HdM zu erwarten, dass fast 90 Prozent der Studierenden und Beschäftigten der HdM zu Beginn des Wintersemesters einen vollständigen Impfschutz haben werden. „Die Werte sind sehr stabil und decken sich mit anderen Umfragen. Das stimmt uns sehr positiv“, kommentiert Hinkelmann die Ergebnisse.

Nachfrage nach Plätzen im Wohnheim wegen Corona gesunken

Auch der Wohnungsmarkt hat sich in der Coronazeit verändert. Das Studierendenwerk Stuttgart bietet in 35 Wohnanlagen 6830 Wohnplätzen, davon befinden sich 2891 in Stuttgart-Vaihingen. Über alle Standorte hinweg habe sich die Nachfrage nach Zimmern während der Coronapandemie verringert. Im Sommersemester 2020 sowie 2021 hätten noch zwischen 600 und 650 Zimmer freigestanden. Die Wartelisten seien im Universitätsjahr 2020/21 kurz gewesen, je nach Wohnlage könnten Studierende momentan direkt einziehen. Eine bisher unbekannte Situation.

 

 

 

 




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