InterviewSängerin Cassandra Steen „Man muss das Rassismus-Problem an der Wurzel packen“

Von Jan Geißler 

Die Ostfilderner Sängerin Cassandra Steen erzählt im Interview, wie beunruhigend sie es findet, dass Rassismus offenbar auch im Jahr 2020 noch immer in großem Maße in der Gesellschaft existiert und was ihrer Meinung nach getan werden muss, um das Problem in den Griff zu bekommen.

Die Sängerin Cassandra Steen kann nicht verstehen, wieso  Menschen auch im Jahr 2020 noch  wegen ihrer Hautfarbe benachteiligt werden. Foto: imago images
Die Sängerin Cassandra Steen kann nicht verstehen, wieso Menschen auch im Jahr 2020 noch wegen ihrer Hautfarbe benachteiligt werden. Foto: imago images

Stuttgart - Derzeit finden auf der ganzen Welt Demonstrationen gegen Rassismus und Polizeigewalt statt – ausgelöst durch den Tod des Afroamerikaners George Floyd, der bei einem brutalen Polizeieinsatz Ende Mai in den USA getötet wurde. Sängerin Cassandra Steen aus Ostfildern hält die Proteste für wichtig: „Ich habe den Eindruck, dass der Tod von George Floyd Menschen auf der ganzen Welt die Augen geöffnet hat.“ Und trotzdem müsse noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden. Denn nach wie vor habe sie den Eindruck, dass Rassismus „in großem Ausmaß in unserer Gesellschaft existiert“. Im Interview erzählt die 40-Jährige, wie wichtig es ist, dass jetzt jeder bei sich selbst mit Vorurteilen aufräumt und sich über die Vergangenheit informiert. Ihrer Meinung nach sollte im Jahr 2020 niemand mehr aufgrund seiner Hautfarbe benachteiligt werden.

Frau Steen, nach dem rassistischen Anschlag in Hanau Mitte Februar haben Sie die Trauerfeier eröffnet – was war Ihre Intention?

Ich wollte die Familien, die diese schweren Verluste erfahren mussten, so gut es geht mit der Musik trösten. Etwas Anderes kann man in solch einem Moment nicht machen. Dabei habe ich meine persönliche Sache, dass ich als Frau mit ausländischen Wurzeln indirekt ja auch angegriffen wurde, erst mal hinten angestellt. Denn vordergründig geht es darum, dass Menschen ihre Liebsten verloren haben. Und dennoch macht man sich über den Grund, warum all das passiert ist, natürlich trotzdem seine Gedanken. Schließlich sind die Menschen ja nicht als Opfer eines Unfalls gestorben, oder weil sie krank waren. Nein, der Grund war ein willkürlicher Anschlag, den man nur verurteilen kann.

Wie sahen diese Gedanken konkret aus?

Naja, man fragt sich schon, ob man das Rassismus-Problem jemals komplett beseitigen kann. Die Wahrnehmung, so subtil sehr viele Sachen davon sein mögen, dass Rassismus immer noch in großem Ausmaß in unserer Gesellschaft existiert, ist sehr beunruhigend. Ich finde das schade. Gleichzeitig zeigt es aber auch, dass es umso wichtiger ist, dass da jeder bei sich selbst mit Vorurteilen oder Formulierungen, die man schon immer gewählt hat, aufräumt. Solange, bis jeder weiß, dass gewisse Dinge einfach falsch sind.

Warum musste erst der US-Amerikaner George Floyd von einem Polizisten getötet werden, damit die Debatte über Rassismus in Deutschland so an Brisanz gewinnt?

Die Debatte hat ja nicht nur in Deutschland an Brisanz gewonnen. Ich habe den Eindruck, dass der Tod von George Floyd Menschen auf der ganzen Welt die Augen geöffnet hat. Obwohl das Problem nichts Neues ist: Der Gedanke, dass Schwarze Menschen zu nichts zu gebrauchen sind und deshalb benachteiligt werden, existiert ja im Prinzip schon seit 500 Jahren. Dabei haben die Schwarzen gerade in den USA doch die Basis des Landes aufgebaut, nachdem sie dort hingeschleppt und vergewaltigt wurden.

Und dennoch hat man den Eindruck, dass die Thematik erst jetzt so richtig nach Europa herübergeschwappt ist.

Ja, das stimmt. Woran das liegt, kann ich aber nicht erklären. Und dennoch finde ich es natürlich gut, dass das Thema Rassismus jetzt so im Fokus der Öffentlichkeit steht. Ich hoffe einfach, dass diese Aufmerksamkeit nun genutzt wird, den vorherrschenden Rassismus so zu minimieren, dass eine Hautfarbe nicht mehr als Waffe oder Abschussziel gesehen wird – vor allem in den USA, aber auch in Afrika und dem Rest der Welt. Schließlich handelt es sich dabei um ein Problem, das unsere weltweite Gesellschaft selbst geschaffen hat und worauf wir alles andere als stolz sein können. Deshalb ist es jetzt auch unsere Aufgabe, es von Grund auf zu bearbeiten und wieder gerade zu rücken.

Was empfinden Sie angesichts der Black-Lives-Matter-Proteste, bei denen sich nun so viele weiße Menschen mit der schwarzen Community verbünden, ihre Bereitschaft erklären, über Rassismus zu sprechen und vor allem ihr eigenes Handeln zu hinterfragen?

Ich finde es gut, auch wenn ich nicht sagen möchte, dass ich dankbar bin. Denn es gibt so viele Möglichkeiten, sich zu informieren. Leider machen die meisten das nicht, weshalb es im Endeffekt eine entschiedene Ignoranz ist. Man entscheidet sich aktiv dazu, wegzusehen. Allein auf Netflix gibt es unzählige Filme und Serien, die das Thema Rassismus behandeln – „Dear White People“ zum Beispiel. Das ist eine wahnsinnig gute Produktion, die genau von solchen Themen handelt. Da geht es um die Privilegien, die Menschen mit heller Haut nun mal haben. Ich spreche in diesem Zusammenhang gern von eingebildeten Privilegien, weil sich viele diese Rechte nur einbilden, sie dann aber doch ab einem gewissen Zeitpunkt für selbstverständlich halten. Auf einmal ist es normal, wenn man das N-Wort benutzt oder einfach gewisse Ansichten über Schwarze Menschen hat.

Glauben Sie, die Proteste werden dazu beitragen, dass die Menschen aufwachen?

Das weiß ich nicht. Aber für die schwarzen Amerikaner ist es schön zu sehen, dass sie offenbar nicht zu viel verlangen. Von hellhäutigen US-Amerikanern wird ja oft genug behauptet, dass die Schwarzen so einfach geboren sind. So ein Quatsch. Nur, seitdem Donald Trump das Amt des US-Präsidenten innehat, ist es eben noch mehr in allen Köpfen verankert und ein Stück weit legalisiert worden, auf Menschen mit dunkler Haut Jagd zu machen. Und ich rede hier nicht nur von Polizisten.

Was genau meinen Sie?

Vor dem Mord an George Floyd wurde in Brunswick in Georgia ein Schwarzer beim Joggen von Zivilisten gejagt und erschossen. Das kam zwei Monate nicht an die Öffentlichkeit. Weder CNN noch irgendein anderer Sender haben über dieses Thema berichtet. Das kann nicht sein. Und deswegen weiß ich nicht, inwiefern all das etwas bringt. Ich weiß nicht, wie viele Menschen noch sterben müssen, von denen wir nichts mitbekommen, ehe man irgendwann sagt, dass das aufhören muss. Man kann wirklich nur stark hoffen, dass Trump bei den nächsten Wahlen nicht wiedergewählt wird. Doch damit das passiert, dürfen die Menschen jetzt auf keinen Fall nachgeben. Der Hype, der jetzt drei Wochen andauert, muss weitergehen. Denn es muss noch sehr, sehr viel Arbeit geleistet werden.

Haben Sie in den vergangenen Tagen selbst an einer der Demonstrationen teilgenommen?

Ich konnte leider nicht, weil ich mich aktuell nicht so viel bewegen darf. Denn dummerweise habe ich es hinbekommen, mir den Zeh zu brechen (lacht). Ich schaffe es jetzt gerade wieder, 20 Minuten mit den Hunden Gassi zu gehen.

Leisten Sie stattdessen auf anderem Wege Beistand?

Auf jeden Fall. Ich versuche Informationen in den sozialen Netzwerken zu posten, weil das dort sehr viele Leute sehen. So will ich gegenüber denen, die immer noch meinen „all lives matter“, klarstellen, dass der Fokus jetzt auf einem Problem liegt, das viel zu lang nur nebenhergelaufen ist. Auf so eine intensive Art, dass das einfach nicht mehr sein darf. Und ich würde mir wünschen, dass dieser Fokus wirklich so genutzt wird, dass dann auch andere Menschen, die man gerade vielleicht weniger beachtet, profitieren. Weil es kann nicht sein, dass wir im Jahr 2020 überhaupt noch über Rassismus reden müssen. Oder über Sexismus. Oder über Kindesmissbrauch. All das sollte längst kein Thema mehr sein.

2011 sagten Sie in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung, dass Sie sich hierzulande akzeptiert, aber nicht angenommen fühlen. Wie ist es neun Jahre später, als Schwarzer Mensch in Deutschland zu leben?

Das kommt immer ganz darauf an, wo man sich in Deutschland aufhält. Es gibt Orte, da fällt es einem manchmal eher auf, dass man angeguckt wird. Und dann gibt es wiederum Orte, wo es völlig egal ist, weil mehrere Schwarze herumrennen.

Sie leben etwas außerhalb von Stuttgart, wie ist es dort?

Obwohl ich an einem Ort lebe, wo es meines Wissens nach eigentlich recht viele Nazis gibt, habe ich davon zum Glück noch nichts mitbekommen. Bis jetzt ist mir nichts passiert. Über ein Nachbardorf haben meine Großeltern früher immer gesagt, dass ich da nicht hinlaufen darf, weil dort ganz viele Nazis abhängen. Wie es dort heute aussieht, weiß ich aber nicht.

Wie setzt man als erfolgreiche schwarze Künstlerin am besten ein Zeichen gegen Rassismus?

Indem man sich selbst nicht auf seine Hautfarbe reduziert. Und auch nicht zulässt, dass es andere tun. Ich würde niemals herumrennen und sagen: „Ich bin die tolle schwarze Frau, die tolle schwarze Königin.“ Das wäre für mich richtig absurd. Ich bin einfach eine Person, ich bin der Biologie zufolge eine Frau. Und das war’s. Punkt. Schluss. Fertig. Aus. Damit fängt es bei mir an und hört es auf.

Haben Sie im Verlauf Ihrer musikalischen Karriere Erfahrungen mit Rassismus gemacht?

Ja, klar, das bekommt man immer wieder mit. Wenn man mir sagt, dass man mich nicht in einer Fernsehsendung haben will, um dort ein Album zu promoten, weil mich die Menschen anscheinend nicht sehen wollen, dann ist das eine Aussage, die mich zwar nicht überrascht, aber dennoch ärgert. Außerdem empfehle ich, nur mal irgendwelche Shows anzugucken und darauf zu achten, wie bunt die sind. Leute, das ist auch Rassismus! Das kann doch nicht wahr sein, dass da keine Schwarzen gefunden wurden. Sei es jetzt als Newcomer für irgendwelche Castingshows oder als Mitglied für die Jury. Da sind viel zu viele Shows einfarbig und es gäbe genügend Menschen, die man dort hinsetzen könnte, die auch tatsächlich etwas beizutragen hätten und nicht nur für die Quote drinsäßen.

Wie lautet Ihre Botschaft, was zukünftig in der Gesellschaft passieren muss, damit ein Umdenken stattfinden und man Rassismus nachhaltig bekämpfen kann?

Ich glaube, da muss man komplett umdenken. Und dann sind auch Lehrerinnen und Lehrer gefragt. Ich frage mich, wozu gibt es die, wenn sie sich nicht richtig informieren, gerade auch was die Geschichte angeht. Lehrt eure Schülerinnen und Schüler wirklich alles: Was Rassismus tatsächlich ist, ob man denn tauschen wollen würde mit anderen und wenn nicht, warum? Was sind die Gründe dafür? Das sind heikle Themen, die man bis jetzt alle viel zu selten angesprochen hat. Nichtsdestotrotz sind es aber Themen, mit denen wir uns auf jeden Fall auseinandersetzen müssen. Und wenn man das nicht tut, dann macht man irgendwas nicht richtig. Man muss das Rassismus-Problem an der Wurzel packen.

Sie plädieren also dafür, bei Kindern schon in jungen Jahren ein Gefühl dafür zu entwickeln, was falsch beziehungsweise richtig ist?

Ich glaube, die Jüngsten müssen kein Gefühl dafür entwickeln. Da sollte man es eher nicht versauen. Denn die wissen schon ganz von alleine, dass Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe nicht weniger wert sind als andere. Hingegen, wenn man das selbst so sieht, sollte man sich vielleicht besser an seine eigenen Kinder halten. Weil wenn die sagen, sie haben jemanden, den sie mögen, dann ist das super. Die unterscheiden nicht zwischen Schwarz und Weiß.

Wozu raten Sie stattdessen?

Ich finde, man sollte besser aufpassen, dass man die Kleinen in ihrer Seele, so wie sie sind, beschützt und begleitet und so darauf achtet, dass sie von anderen, die diesen Weg nicht gehen können, negativ beeinflusst werden. Dass sie weiter ihrem Herzen folgen können. Und, dass man dann anhand von Beispielen – von denen man leider viel zu viele hat in der Geschichte – zeigt, was man zu verhindern hat und wie es so weit kommen konnte. Nämlich, weil Menschen sich einfach Rechte genommen haben, die unbegründet waren – ob wegen ihrer Hautfarbe oder ihrer Religion. Das war alles absurd.

Gibt es aus Ihrer Sicht sonst noch etwas zu sagen?

Es gibt keine Rechtfertigung, jemanden für weniger zu halten, oder Menschen auf ihre Haut zu reduzieren. Auch nicht sich selbst. Es gibt dafür einfach keine Rechtfertigung. Jeder Mensch, der denkt, dass Schwarze Menschen faul sind oder nur Sport machen können, bei dem stimmt etwas nicht. Und bevor man so denkt, sollte man vielleicht wirklich mal einen Blick in die Vergangenheit werfen. Genauso sollten diejenigen, die hier in Deutschland sagen, die Ausländer sollen dorthin zurückgehen, wo sie hergekommen sind, mal Afrika besuchen. Denn den vielen Weißen dort geht es allen gut, auf dem Rücken der Schwarzen. Deshalb ist es ganz wichtig, diese allgemein rassistische Sichtweise, die immer noch viel zu oft erkennbar ist, zu korrigieren – und das besser früh als spät. Denn irgendwann ist auch mal gut.

Zur Person

Cassandra Steen kam am 9. Februar 1980 in Ostfildern-Ruit zur Welt. Ihre Eltern, eine Deutsche und ein amerikanischer Soldat, hatten sich schon vor der Geburt getrennt. Ihre Mutter ging alleine in die USA. Steen wuchs deshalb bei ihren Großeltern in Nellingen auf, besuchte in Denkendorf den Kindergarten, die Ludwig-Uhland-Grundschule, die Albert-Schweitzer-Hauptschule und machte schließlich an der Esslinger Käthe-Kollwitz-Schule die mittlere Reife. Bis heute wohnt sie im Großraum Stuttgart.

Noch während ihrer Schulzeit lernte Cassandra Steen über eine Freundin einen Musikproduzenten kennen, der sie an die Stuttgarter Hip-Hop-Formation Freundeskreis vermittelte. Es folgte ein erster, erfolgloser Versuch als Solokünstlerin. Dann engagierte sie der Frankfurter Rapper Moses Pelham als Sängerin der Band Glashaus. Seit 2003 geht Cassandra Steen wieder eigene Wege, unterstützt von Größen wie Adel Tawil. Sie singt ausschließlich auf Deutsch. Derzeit arbeitet Steen an einem Weihnachtsalbum, dass rechtzeitig zur Weihnachtszeit erscheinen soll. 




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