Sahra Wagenknecht kritisiert linke Identitätspolitik Ist rechts das neue links?

Am Wochenende wurde Sahra Wagenknecht in NRW zur Spitzenkandidatin der Linken für die Bundestagswahl erkoren. Doch nicht alle in der Partei jubeln ihr zu. Foto: dpa/Marcel Kusch
Am Wochenende wurde Sahra Wagenknecht in NRW zur Spitzenkandidatin der Linken für die Bundestagswahl erkoren. Doch nicht alle in der Partei jubeln ihr zu. Foto: dpa/Marcel Kusch

Sahra Wagenknecht stellt sich mit ihrem neuen Buch „Die Selbstgerechten“ gegen die Tendenzen in ihrer eigenen Partei. Trotzdem will sie für Die Linke wieder in den Bundestag.

WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Berlin - Altbacken und rückwärtsgewandt – oder was genau ist heute noch links? Diese Frage stellt ausgerechnet die ehemalige Bundestagsfraktionsvorsitzende der Linken Sahra Wagenknecht. Und das noch dazu öffentlichkeitswirksam mit einem neuen Buch mit dem Titel „Die Selbstgerechten“, das an diesem Mittwoch erscheint. Der Titel ist wohl schon Programm, denn, so schreibt die Linken-Politikerin über die ihr so suspekten „Lifestyle“-Linken, wie sie sie nennt: „Das, was sie (die Menschen) an öffentlichen Äußerungen unter dem Label ‚links‘ vernehmen, ist ihnen oft unsympathisch.“

Parteigenossen wollen sie aus dem Bundestag raushalten

Unsympathisch finden das wiederum einige ihrer Genossen. Vorzeitig veröffentlichte Passagen aus ihrem Buch hatten bei Teilen der Partei für Empörung gesorgt. Wagenknecht verunglimpfe Bewegungen wie Unteilbar, Black Lives Matter oder Fridays for Future als „selbstgerecht“, warf ihr etwa der bayerische Linken-Politiker Johannes König im „Spiegel“ vor. Der Linken-Bundestagsabgeordnete Niema Movassat bezeichnete das Buch Wagenknechts als eine Art Generalabrechnung mit der Partei. Mehrere Linken-Politiker sollen Wagenknecht sogar zum Verzicht auf ihre Bundestagskandidatur aufgefordert haben. Ohne Erfolg. Die 51-Jährige wurde am Wochenende mit 61 Prozent der Stimmen als Spitzenkandidatin der Linken in Nordrhein-Westfalen für die Wahl zum Bundestag am 26. September nominiert. Dabei hatte der ehemalige Linken-Vorsitzende Bernd Riexinger zuvor kritisiert: „Wenn man für eine Partei kandidiert, dann muss es selbstverständlich sein, dass man die Grundpositionen dieser Partei vertritt und sie stärkt.“

Wer anderer Meinung ist, kann nur eines sein: rechts

Aber ist diese Kritik aus den eigenen Reihen nicht genau das, was Sahra Wagenknecht anprangert?

Im Grunde geht es in ihrem Buch um die so genannte linke Identitätspolitik, also der Fokussierung politischen Handelns auf die Bedürfnisse einzelner Gruppen. Debatten werden nicht mehr geduldet, das vermeintlich Gute schlicht aufgezwungen. Und wer gar anderer Meinung ist, kann nur eines sein: rechts.

Für dieses Phänomen findet Wagenknecht den Begriff der „Lifestyle-Linken“ und meint damit eine elitäre Minderheit, die sich vor allem an den Universitäten, in den Medien und in Parteien lautstark Wort verschaffe. Wobei es diesen Linken nicht mehr um soziale und sozioökonomische Probleme gehe, sondern um Fragen des Lebensstils, der Konsumgewohnheiten, und einer Moral, die nicht diskutabel ist. Die Linken-Politikerin thematisiert auch die Aggression, mit der Positionen aber auch Personen bekämpft würden – und prompt schlägt ihr diese selbst entgegen.

So hatte auch Movassat Wagenknecht unter anderem Rassismus vorgeworfen. Er bezog sich auf folgenden Satz aus dem Buch: „Die Identitätspolitik läuft darauf hinaus, das Augenmerk auf immer kleinere und immer skurrilere Minderheiten zu richten, die ihre Identität jeweils in irgendeiner Marotte finden, durch die sie sich von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden und aus der sie Anspruch ableiten, ein Opfer zu sein.“

Ist Wagenknecht eine Rassistin?

„Also, ich hab wirklich kein dünnes Fell“, kommentiert die linke Autorin diese Angriffe, „aber das hat mir teilweise die Sprache verschlagen. Also wenn ich dort lesen muss, das ich rechte oder vielleicht sogar rassistsche Ansichten vertrete – also ich frage mich, ob manche überhaupt wissen, was sie da schreiben.“ Als Tochter eines Iraners müsse man ihr nicht erklären, wie sich Diskriminierung anfühle. „Mir zu unterstellen, ich wäre Rassistin, das ist einfach krank.“

Rechts, links – die inhaltlichen Bezugspunkte der Politik scheinen die Seiten gewechselt zu haben. „Wenig sympathisch macht den Lifestyle-Linken natürlich auch“, schreibt Wagenknecht, „dass er fortwährend eine offene, tolerante Gesellschaft einfordert, selbst aber im Umgang mit abweichenden Sichten oft eine erschreckende Intoleranz an den Tag legt.“ Und diese könne sich mit der der äußersten Rechten durchaus messen.




Unsere Empfehlung für Sie