Samenspende: die Mutter und ihr Kind Der Bub, der aus der Kälte kam

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Die ganze Wahrheit bleibt ein Geheimnis- bis zur Volljährigkeit: Die Geschichte eines Jungen, der mit einer Samenspende gezeugt wurde.

Mama ist immer da. Den Erzeuger des 15 Monate alten Jungen kennt allein der Frauenarzt. Foto: Gottfried Stoppel
Mama ist immer da. Den Erzeuger des 15 Monate alten Jungen kennt allein der Frauenarzt. Foto: Gottfried Stoppel

Stuttgart - Er teilt seine Welt gern mit anderen. In Geheimsprache erzählt er von dem riesigen Hubschrauber, der vorhin hinter der Terrasse vorbeigeflogen ist. Von der gefährlichen Nachbarskatze, die seinen Spielrasen immer als Transitstrecke nutzt. Er zeigt dem Gast seine besten Schnuller, schönsten Trinkfläschchen und spannendsten Bilderbücher.

Seit Neuestem setzt der 15 Monate alte Bruno (alle Namen geändert) mit Vorliebe einen skeptischen Blick auf – den hat er von Oma gelernt. Wenn er die Lippen zu einem verständigen Lachen zusammenkneift, wie in einem Bild von Heinrich Zille, werden seine großen Augen noch größer und die Wangen formen sich zu festen Äpfelchen.

Er isst gern. Wie Mama. „Das kantige Gesicht ist auch von mir. Und die breite Nase, die jetzt noch als niedliches Stupsnäschen daher kommt“, sagt Sabine Schuster. „Wenn ich ihn mit meinen eigenen Kinderfotos vergleiche, sehen wir uns sehr, sehr ähnlich.“ Die Ricky-Shayne-Mähne dagegen, mit der Bruno schon die Hebammen beeindruckte, müsste vom Vater sein. „In meiner Familie gibt es nur spärlichen Haarwuchs, ich hatte als Baby eine Glatze“, sagt sie. Die großen, breiten Füße sind bestimmt auch von seinem Vater. Und die langen Wimpern. Eine Nachbarin meinte neulich: „Ganz der Papa.“ Nur, die Sache ist die: Nicht mal Sabine Schuster kennt den Mann, der ihren Sohn zeugte.

Gene von einem anonymen Spender

Bruno hat ein Buch, das handelt von einer Frau und einem Mann, die traurig sind, weil sie kein Kind bekommen. Da hat der Arzt eine Idee: ein anderer Mann könnte der Frau ja seinen Samen schenken. Bruno ist noch zu jung für das Buch, die Bilder guckt er schon an. Vielleicht wird es mal sein wichtigstes Buch überhaupt. Seine männlichen Gene hat Bruno von einem anonymen Spender. Nur elf Leute wissen davon: Der Samen, dem er sein Leben verdankt, lagerte bei minus 190 Grad. Irgendwann wurde er aufgetaut und in den Schoß der Mutter gelegt. Eine von Abermillionen Samenzellen schaffte es bis zur Eizelle und verschmolz mit ihr. Daraus erwuchs ein ganz lieber Kerl. Der Sohn, der aus der Kälte kam.

Sabine Schuster ist 39 Jahre alt, sie wohnt mit ihrem Mann Frank in einer Kleinstadt am Neckar. Eine Siedlung für junge Familien. Verkehrsberuhigt. Reihenhäuschen mit winzigem Garten. Der Kindergarten ist fast nebenan, die Omas und Opas sind auch in der Nähe. Papa hat einen sicheren Job, Mama ist immer da. Eine gute Startposition für Bruno. Die Schusters haben eisern am Familienglück gearbeitet.

Als sich Sabine und Frank im Winter 2009 kennenlernen, sprechen sie bald von Nachwuchs. Bei den vorigen Partnern war es für beide nie ein Thema, jetzt schon. Doch so einfach geht das nicht. Ein Jahr fruchtloser Versuche zieht ins Land.