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San Sebastián in Spanien Die Kulturhauptstadt Europas 2016

Von Franz Lerchenmüller aus San Sebastián 

Noch ein Spießchen, noch ein Glas: Donostia-San Sebastián in Nordspanien wird 2016 Kulturhauptstadt Europas. Besucher erleben ein beeindruckendes kulinarisches Angebot.

Sanft schmiegt sich die Stadt in die Concha, die blaue Bucht mit ihrem langen Sandstrand. Foto: Franz Lerchenmüller
Sanft schmiegt sich die Stadt in die Concha, die blaue Bucht mit ihrem langen Sandstrand. Foto: Franz Lerchenmüller

Vorfreude ist schon der halbe Genuss: Das Stückchen dunklen Fleisches auf der Weißbrotscheibe wird gekrönt von einem Tupfer purpurner Soße, im Glas daneben prickelt wasserhell der Wein - so kann der Abend beginnen. Ein erster Biss: Die zartrosa gebratene Entenleber schmilzt geradezu auf der Zunge, umspielt von der herben Süße der Waldbeeren, der spritzige Txakoli ist der ideale Begleiter dazu. „Zahlen, Juan!“ In der nächsten Bar wartet schon Santiago mit seiner Waffel mit Käse und Anchovis, dann das geschmorte Rinderbäckchen in der Casa Gandarias, der Stockfisch, die Oliven mit Wermut-Essenz. Man kann inspirierend essen in San Sebastián, das die Basken Donostia nennen - 16 Michelin-Sterne lassen die Augen aller Gourmets aufleuchten. Aber es geht auch preiswerter und nicht weniger verführerisch: Pintxos, Spießchen, sind die baskische Variante der spanischen Tapas, und ein Abend mit Pintxos ist so etwas wie eine gastronomische Reise in die Region. Ob im La Cepa, im Mesón Martin oder in einer der hundert anderen Bars: In zwei, drei Reihen drängen sich die Gäste um die Theke und laden ihre Lieblingshäppchen auf Teller: gebratene Steinpilze, Nierchen in Soße, eine Creme vom Taschenkrebs. Satt essen möchte sich hier niemand. Ein, zwei Portiönchen, dann zieht man weiter. Pintxos sind die Kunst des Kleinen, aber sehr Feinen - es geht darum, den Gaumen bei Laune zu halten.

Der zweite Grund, die Stadt am Golf von Biskaya zu besuchen, ist ihre Lage. Sanft schmiegt sie sich in die Concha, die blaue Bucht mit ihrem sichelförmigen Strand, die an beiden Ecken von zwei Hügeln eingefasst wird. Zwar sind die Blocks aus den 70er Jahren in vorderster Reihe wenig attraktiv, bilden aber zusammen mit den Villen vom Anfang des Jahrhunderts eine geschlossene Einheit. Vor allem nachts, wenn die funkelnden Lichter sich im schwarzen Wasser spiegeln wie ein Geschmeide, wird San Sebastián zu einer geradezu festlichen Erscheinung. Ob auch Isabel II. diesen Blick vom Berg Igeldo genossen hat, weiß man nicht. Die Königin plagten andere Sorgen: Sie litt an Herpes. Aber sie hörte auf einen aufgeschlossenen Arzt. Und der empfahl ihr Salzwasser, ein Bad im Meer gar, man denke! So ließ sich die 63-Jährige 1845 tatsächlich zum ersten Mal von zwei Ochsen im Badekarren ans Wasser ziehen und tauchte prustend ein. Bald kam der Badeaufenthalt in San Sebastián in Mode.

Die Geschichte des Baskenlandes

Ende des 19. Jahrhunderts fanden die Reichen und Schönen Europas sich ein, lustwandelten und ließen im Kasino, das heute das Rathaus ist, die Peseten rollen. Ihre Anwendungen nahmen sie im Strandbad La Perla, das immer noch in seiner ganzen historischen Pracht von 1912 Thalasso-Therapien anbietet. Das Interesse an der eigenen, der baskischen Geschichte ist nach wie vor groß. In der ehemaligen Werft Albaola bauen Schiffszimmerleute den Walfänger „San Juan“ nach, der 1563 vom Stapel gelaufen und bald darauf vor der kanadischen Halbinsel Labrador gesunken war. Die Eichenplanken für den Rumpf, das Eisen für die Nägel, selbst der Hanf, aus dem die Taue gedreht wurden, kamen aus der Region. Verloren gegangen aber ist über die Jahrhunderte das Wissen, wie damit umzugehen ist. Der 50 Meter lange Buchenstamm etwa, der ursprünglich für den Kiel vorgesehen war, spaltete sich, weil er zu lange zu trocken gelagert wurde.

Ein Ort für die Hautevolee ist San Sebastián längst nicht mehr. Sie ist eine sehr grüne, sehr entspannte Stadt geworden, mit breiten Boulevards, kleinen Geschäften und leicht französischem Flair: Die Nachbarn decken sich hier gern mit Alkohol, Zigaretten und Klamotten ein. Die Stadtväter spendieren den 185 000 Einwohnern und den Besuchern viele Blumen und Bänke. Wenn die Sonne durchkommt - leider regnet es an gut 190 Tagen des Jahres -, bummeln Menschenmassen über die Promenade, Liebespaare füllen die Kais. Fröhliche Lässigkeit herrscht, die ganze Stadt hat unendlich viel miteinander zu bereden. Natürlich gibt es, neben der Politik, der Ruderregatta und dem letzten Sieg des Fußballvereins Real Sociedad ein Lieblingsthema: „Schon gehört, Antonio versucht Anchovis auf karamelisierten Zwiebeln, mit einem Wachtelei und Chili-Confit. Was meint ihr, sollten wir nicht gleich mal hingehen?“

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