Satirischer Ausblick auf 2019 Das bringt das Jahr für den Rems-Murr-Kreis

Von unserer Redaktion 

Ein König wird Bürgermeister in Alfdorf, der Schwäbisch-Fränkische Wald bekommt wegen des Klimawandels eine Käseglocke: Unsere Redakteure haben für das traditionelle Satire-Horoskop tief ins Weinglas geschaut.

Liegt die Wahrheit doch im Wein? Unsere Redakteure machen sich  auf die Suche. Foto: Gottfried Stoppel
Liegt die Wahrheit doch im Wein? Unsere Redakteure machen sich auf die Suche. Foto: Gottfried Stoppel

Waiblingen - Wir haben tief ins Glas geblickt. Jawohl, ins Weinglas. Schließlich weiß jeder Genießer seit römischen Zeiten und jeder Philosoph seit Alkaios, Aischylos oder Platon: Genau dort liegt sie versteckt, die Wahrheit – im Wein – in vino veritas. Wobei wir durchaus zugeben, dass bei steigender Promillezahl vor allem der Blick in die wahrhafte Zukunft zum Beispiel an Rems und Murr bisweilen etwas verschwommen geraten kann.

Deshalb halten wir es mit unserem Dichterfürsten Friedrich Schiller (Wallenstein): „Der Wein erfindet nichts, er schwatzt’s nur aus“. Da hat nur der Schweizer Journalist Peter Rüedi irgendwann noch eins draufgelegt: „Der Alkohol entzündet nur, was in einem Hirn an brennbarem Stoff vorhanden ist.“ Was da beim tiefschürfenden Blick ins wohlgefüllte Rotweinglas dann allerdings über die Zukunft des Rems-Murr-Kreises aufflackert – wir übernehmen keinerlei Gewähr.

Der König von Alfdorf

Das Jahr beginnt mit einem Paukenschlag. Nachdem er jedem Alfdorfer einen königlichen Kristall versprochen hat und kostenlosen Zugang zu allen von ihm jemals gemanagten Telefonservicelines, wird Thomas Hornauer mit gut 100 Prozent der Wählerstimmen zum Alfdorfer Bürgermeister gewählt. „Sex sells“ grinst er im einmal mehr unübertroffenen, quietschgelb-geringelten Outfit und schlenkert mit den Hüften. Im Alfdorfer Schloss, seinem künftigen Amtssitz, werde ja künftig keiner umhin kommen, ihn bei seinem eigenmächtigen Titel „königliche Hoheit“ anzureden. Ärger droht nach der Wahlsensation lediglich wegen der Gagen, die seine Hoheit prompt für die geneigte Leitung hundsgemeiner Gemeinderatssitzungen fordert: So etwa bei Sitzung Nummer drei wäre die Gesamtsumme des jährlichen Alfdorfer Haushalts überschritten.

Zur Jahresmitte erledigt sich das Alfdorfer Hoheitsproblem quasi von selbst: Bei der nächsten Schulteswahl im Kreis krönt sich der Herr des Plüderhausener Kristallpalasts anhand eines extra für ihn von der Fake-Fraktion Ödernhardt entwickelten Wahlsystems zum König von Berglen – mit knapp 150 Prozent der abgegebenen Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von rund 0,2 Prozent. Hornauers Begründung für den Wechsel gen Westen: „Ich bin ja schließlich auf dem Weg nach Stuttgart“.

Beamen im Landratsamt

Scotty – äh Nenty – beam mich hier raus!“ Die erste interne Test-Veranstaltung des Landratsamts zum Auftakt einer öffentlichen Reihe, welche die Möglichkeiten der Digitalisierung erlebbar machen soll, ist dem Landrat Richard Sigel zunächst einen Schritt zu weit gegangen. Auf dem „Holodeck“ im Atrium der Behörde wälzen sich mehrere völlig enthemmte Mitarbeiter auf dem Boden herum und rufen ekstatisch nach ihrem Verwaltungsguru.

Was genau Ralf Nentwich auf die Virtual-Reality-Brillen der Teilnehmer aufgespielt hat, kann auch der Leiter des Kreismedienzentrums nicht mehr so genau nachvollziehen. Aber der Landrat ist nach dem ersten Schock schon einen Schritt weiter: „Wir werden die Veranstaltung bald fortsetzen – gedacht ist an einen Event für die Leiter der übergeordneten Behörden und Ministerien.“

Palmen im Schwäbischen Wald

Im Jahr 2019 wurde zwölf Monate lang 40 Jahre Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald gefeiert. „Auf die nächsten 40“, sagen viele Forstfreunde – und blicken mitunter ziemlich bedröppelt zum Himmel. Denn kaum jemand leugnet mehr den Klimawandel. Ob der Wald tatsächlich noch mal 40 Jahre durchhält? Das ist die bange Frage, die viele Experten schier in die Verzweiflung treibt. Im neuen Jahr sollen neuen Konzepte für den Wald 4.0 entwickelt und bereits einzelne Projekte getestet werden. Da wäre zum Beispiel die Aktion „Pflanz eine Palme“. Wer weiß: vielleicht ersetzten eines Tages Palmenplantagen die Mischwälder rund um Murrhardt.

Ein paar unverfrorene Zeitgenossen wollen 2020 tun, was dem Vorsitzenden der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW), dem ehemaligen Bürgermeister von Murrhardt, Gerhard Strobel, die Zornesröte ins Gesicht treiben dürfte: Unter dem Motto „Plastik statt Platane“ sollen lokale Künstler künstliche Bäume erschaffen, die in Zukunft notfalls aufgestellt werden könnten. Positiver Nebeneffekt: die vielen Plastikbecher würden wiederverwendet.

Besonders ambitionierte Menschen haben vorgeschlagen, den gesamten Naturpark unter einem riesigen Glasbauwerk zu schützen. Im Inneren des Gebildes, so die tollkühne Überlegung, könnten die Lufttemperatur und die Niederschlagsmenge akkurat geregelt werden. Damit wäre man quasi zurück im Gründungsjahr des Naturparks. Damals freilich hatten viele Bauern und Bürger auf dem Lande große Angst vor einer „Käseglocke“. Sie befürchteten, die Holzproduktion sowie die gesamte wirtschaftliche Entwicklung der Raumschaft könnten zum Stillstand kommen. In womöglich gar nicht mehr allzu ferner Zukunft indes wäre die übergroße Glasglocke vielleicht ein Segen – für alle, die im Naturpark leben.

Krieg auf den Radwegen

Das Rad- und E-Bike-Sponsoring der Stadt Waiblingen – Mitarbeiter erhalten bis zu 2000 Euro Zuschuss – bringt im Remstal einiges ins Rollen. Sämtliche Kommunen ziehen nach, denn keiner will beim Klimaschutz als Buhmann dastehen. Das löst einen regelrechten Boom aus. Auf dem Remstal-Radweg kommt es zu Staus, Unfällen und Massenkarambolagen. Die Polizei steht nahezu machtlos da – schließlich haben Räder kein Kennzeichen und ambitionierte Radler durchweg Klamotten in Knallgelb an. Was tun? Die Radfahrer ausbremsen will keiner, doch in Sachen Radschnellweg geht es alles andere als flott voran, denn es mangelt am Platz. Kurzerhand wird daher nicht nur der bislang so umstrittene Nordostring zum künftigen Radschnellweg quer übers Schmidener Feld deklariert, sondern auch sämtliche Fahrspuren der B 14 und B 29 in Richtung Stuttgart für Autos gesperrt und für nicht benzingetriebene Zweiräder reserviert.

Nun formiert sich auf den verbliebenen automobilen Fahrspuren der Verkehr auf vier Rädern in der Rushhour zur durchgehenden Blechschlange zwischen Aalen, Backnang und Stuttgart. Selbst außerhalb der Stoßzeiten geht es nur im Schneckentempo voran. Angesichts der dahinflitzenden Radler auf der Gegenspur tun sich gefrustete Autofahrer in einer Protestbewegung zusammen, die Reißnägel streut, zu Sit-ins auf der Fahrbahn aufruft und andere Sabotageakte ausheckt. Nach französischem Vorbild ziehen sie Westen über. Diese sind gelb-schwarz gestreift – eine Hommage an Remsi, die Gartenschaubiene, getreu dem Motto der Protestler: „Wir wollen der Stachel im Popo der Radfahrer sein.“

Reiten auf dem Elektrohirsch

Tierisch geht es auch in Urbach zu. Der Holzhirsch, der im Gartenschaujahr unverhofft als Erster-Mai-Scherz vor dem Rathaus auftauchte, hat inzwischen so viele Fans, dass er 2020 wieder zum Leben erweckt wird – und zwar in Form eines E-Mobils.

Der Elektrohirsch mit vier kleinen Rädern und dem Geweih als Lenker parkt dann auf der E-Tankstelle vor dem Rathaus, wo früher der Dienstwagen der Bürgermeister stehen durfte. Fans können sich bei Hirschmobil akkreditieren lassen – und fröhlich mit dem E-Hirsch ihre Runden durch Urbach drehen.

Ein Zipfele für die Gartenschau

In Winnenden und Schwaikheim werden Pläne für die interkommunale Landesgartenschau geschmiedet. Diese findet zwar erst im Jahr 2032 statt, und noch ist nicht sicher, ob der Zuschlag des Landes kommt. Doch ist es angesichts immer länger währender kommunaler Planungszeiten ratsam, rasch zu beginnen. Zwölf Jahre sind da schnell rum. Die Suche nach einem Maskottchen wie Remsi läuft daher an. Der berühmte Winnender Mops kommt nicht in Frage, da er nichts mit Schwaikheim zu tun hat. Gleiches gilt für das Winnender Mädle.

Da die Zipfelbachtalaue das verbindende Glied des Gartenschau-Konzepts ist, wird es wohl auf etwas in dieser Hinsicht hinauslaufen. Es ist allerdings die Frage, ob Zipfel, Zipfele oder gar Schnäpperle zu anstößig auf einen Teil der Bevölkerung wirken könnte. Ein öffentlicher Wettbewerb wie einst beim örtlichen Spaßbad wird vorgeschlagen. Nach Volkes Willen hätte dieses nämlich seriös Badezentrum Zipfelbachtal geheißen – und trüge jetzt nicht so einen hedonistischen Namen wie Wunnebad!