InterviewSchauspielerin Senta Berger „Es gibt weniger Vorurteile, als man denkt“

Von Tilmann Gangloff 

Sechzig ist das neue Vierzig: Die Schauspielerin Senta Berger macht sich anlässlich der Fortsetzung der ARD-Tragikomödie „Almuth und Rita“ Gedanken über das neue Seniorenbild im Fernsehfilm.

Ihre Freundschaft hat Höhen und Tiefen: Senta Berger (links) als Almuth, Cornelia Froboess als Rita. Foto: ARD
Ihre Freundschaft hat Höhen und Tiefen: Senta Berger (links) als Almuth, Cornelia Froboess als Rita. Foto: ARD
Stuttgart – - Senta Berger und Cornelia Froboess zeigen in „ Almuth und Rita – Zwei wie Pech und Schwefel“, wie es mit der Freundschaft zwischen den beiden sehr eigenen, älteren Frauen weitergeht. Senta Berger ist sich sicher, dass die ARD damit auch jüngere Zuschauer anspricht.
Frau Berger, Almuth und Rita sind Mitte sechzig und entsprechen damit der Zielgruppe von ARD und ZDF. Stimmt der Eindruck, dass die Sender aber erst in letzter Zeit ­Geschichten nicht nur für, sondern auch über ältere Menschen erzählen?
„Almuth und Rita“ ist sicher nicht für eine bestimmte Zielgruppe produziert worden. Da würde man ja alle anderen Zuschauer ausschließen. Die Filme handeln von ­Vorurteilen und ihrer Überwindung. Sie beschreiben, wie zwischen zwei völlig unterschiedlichen Frauen eine Freundschaft entsteht. Wenn so eine Geschichte klar und schön erzählt wird, spricht sie auch Dreißigjährige an. Davon abgesehen finde ich auch, dass die Sender die älteren Generationen nun öfter und genauer im Blick haben.
Vor einigen Jahren ­haben ARD und ZDF versucht, vor allem junge Zuschauer anzusprechen. Ist der Jugendwahn jetzt vorbei?
Fernsehen ist der Spiegel unserer Zeit; mehr kann es nicht sein, aber das ist schon viel. Fernsehen bildet im besten Falle unsere Gesellschaft ab und zeigt, wie sie sich verändert. Wenn man Frauen, die heute um die sechzig sind, mit ihren Müttern oder Großmüttern vergleicht, stellt man enorme Unterschiede fest. Diese Frauen entsprechen in ihren Interessen und ihrem Verhalten den Vierzigjährigen aus früheren Generationen. Solche gesellschaftlichen Veränderungen geschehen natürlich nicht über Nacht, und es dauert womöglich noch länger, bis alle sie begriffen haben. Das Fernsehen als konservatives Medium hinkt solchen Entwicklungen deshalb traditionell etwas nach.
Spiegelt sich das auch in den Rollen wider? Früher wurden Ältere gern als schusselige Omas und lustige Opas dargestellt.
Ältere und alte Menschen heute haben ganz andere Möglichkeiten, ihr Leben zu leben und zu erleben. Das spürt man in der Tat auch in der Qualität der Geschichten und in den Entwürfen der Figuren. Die ­jungen Alten haben sich nun auch bis in die Redaktionen herumgesprochen.
Dann müsste es deutlich mehr Arbeit für ältere Schauspieler geben. Der Bundesverband Schauspiel sagt jedoch, die Angebote wären nach wie vor extrem rar.
Die Wahrheit liegt wie immer im Leben in der Mitte. Viele Theater haben ihre zuvor festangestellten älteren Ensemblemitglieder entlassen und engagieren sie jetzt nur noch zeitweise als Gäste. Die Theaterleiter wollen sich die Rentenversorgung sparen. Für diese älteren Schauspieler gibt es im Fernsehen keine Rollen, zumindest keine, die interessant und ihrem Talent angemessen wären. Man kann nun mal nicht in ­jedem Film eine Geschichte erzählen, die unter Sechzig- bis Achtzigjährigen spielt.
Viele Seniorenfilme handeln davon, dass sich ältere Frauen neu verlieben oder einen Neuanfang wagen. Wäre das eine Anregung für einen dritten Film über Almuth und Rita?
Es geht gerade bei Fortsetzungen um Inhalte. Das soll ja kein Aufguss werden. Und die Geschichte muss glaubwürdig sein. Sollten Cornelia Froboess und ich und vor allem unser Regisseur Niki Müllerschön tatsächlich an einen dritten Teil über diese beiden Frauen denken, würden wir also erst einmal fragen: Was können wir erzählen, und wie können wir das erzählen? Ich denke nicht, dass Almuth eine Boutique aufmacht und Rita eine erfolgreiche Geschäftsfrau wird, dafür sind die beiden nun wirklich zu alt.
Die ARD hat vor einigen Jahren die Ausrichtung der Freitagsfilme geändert, um ein jüngeres Publikum zu erreichen. Glauben Sie, dass das bei Almuth und Rita funktioniert?
Über so etwas denke ich, ehrlich gesagt, nicht nach, aber ich glaube schon, dass sich die Handlung nicht nur an meine Altersgenossinnen richtet. Die Sender schicken mir immer die Zuschauerspiegel meiner Filme. Ich bin jedes Mal überrascht, wie groß der Anteil bei Menschen um die dreißig ist. Ich bekomme auch nach wie vor noch viel Autogrammpost von jungen Leuten. In meinem Alter! Es gibt viel weniger Vorurteile, als man denkt. Und Qualität zählt mehr, als man glaubt.




Unsere Empfehlung für Sie