Nach 25 Jahren Kampf gegen den Schießlärm der US-Army scheint die Bürgerinitiative Rauher Kapf fast am Ziel: Im Frühjahr beginnen die Bauarbeiten für den Schallschutz – und schon jetzt haben die Amerikaner ihr Schießtraining reduziert.

Böblingen - Lärm ist häufig ein Grund für erbitterte Nachbarschaftsstreitigkeiten. So auch in Böblingen, wo eine Bürgerinitiative (BI) seit Jahrzehnten gegen den Schießlärm der benachbarten Schießanlage der US-Army kämpft. In der Vergangenheit geizte Ulrich Durst, der Sprecher der BI, nicht mit drastischen Worten. Den Alltag im Wohngebiet Rauher Kapf beschrieb er „als Leben auf dem Schlachtfeld“. „Wie im Krieg“ fühlten sich die Bewohner, „der Ignoranz und Willkür der US-Army ausgeliefert.“ In vielen Interviews, bei Gesprächen mit der Stadtverwaltung, den Bundestagsabgeordneten des Kreises und Verantwortlichen der US-Armee äußerte Durst stellvertretend für die 4000 Anwohner seinen Unmut. Doch es änderte sich – nichts.

 

Doch jetzt schlägt Ulrich Durst plötzlich ganz neue Töne an. „Zum ersten Mal halten sich die Amerikaner an das Versprechen, den Schießlärm zu reduzieren. „Es ist deutlich leiser geworden“ bestätigt auch Dursts Nachbarin Lucienne Graupe, die mit ihrer Familie gleich nebenan wohnt. „Es gibt kein Schießen mehr bis in die späten Abendstunden hinein und keine Trainings in Detonationsstärke.“

Der Colonel der US-Army spricht Deutsch

Mit dem neuen Colonel Jason W. Condrey gebe es einen Verantwortlichen, der „uns wirklich zuhört und auch noch Deutsch spricht“, sagt Graupe. Mehrere Gespräche haben Durst, Graupe und ihr Mitstreiter Dieter Schühle von der BI Schießlärm in den vergangenen Monaten mit dem Colonel geführt. „Im Sommer hat er uns auf die Schießanlage eingeladen und uns alles gezeigt.“ Sehr gut eingebunden fühlt sich die Bürgerinitiative nun in die Verhandlungen von Stadt und US-Army über die geplanten Dämmungsarbeiten für die Schießanlage. Auch das war in der Vergangenheit anders gewesen. „Jetzt werden wir über alles detailliert informiert“, sagt Graupe. Und sie bezweifelt nicht, dass die Lärmschutzarbeiten im Frühjahr beginnen, zwar später als versprochen. „Aber das liegt an den Planungen und dem Ausschreibungsverfahren, nicht am Willen der US-Army“, betont Graupe. Wenn es dann mal endlich losgeht mir den Bauarbeiten, dürfen sich die Anwohner auf himmlische Ruhe freuen. Denn dann müsse der Schießbetrieb eingestellt werden, sagt Graupe. „Deshalb kann es uns nur recht sein, wenn die Bauarbeiten länger dauern als geplant.“ Auf ein Jahr kalkuliert das Staatliche Hochbauamt Stuttgart, das die Planung für die US-Army übernommen hat, die Bauzeit.

Geld wurde in Washington genehmigt

Die ursprünglichen Kosten haben sich mittlerweile von einer auf 1,5 Millionen Euro erhöht. „Colonel Condrey hat dem Böblinger Oberbürgermeister Stefan Belz zugesagt, dass die Armee die Mehrkosten übernimmt“, berichtet Durst. Die Stadt Böblingen beteiligt sich mit 300 000 Euro. Die Finanzierung war eines der größten Hindernisse gewesen, da das Geld dafür in Washington freigegeben werden musste.

Die Schießanlage bei der Panzerkaserne gibt es bereits seit vielen Jahrzehnten. Zum Problem wurde sie aber erst Mitte der 1990er-Jahre, als die US-Army ihr Training ausweitete. Seither werden Soldaten eingeflogen, die für ihre Einsätze in den Krisengebieten der Welt trainieren. Schon 1997 klagten die Anwohner über Schießlärm. Der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Clemens Binninger und sein FDP-Kollege Florian Toncar brachten das Problem dann vor mehr als zwölf Jahren ins Bundesverteidigungsministerium ein. Eine AG Schießlärm wurde gegründet Damals wurde der Einbau einer Schallschutzdecke versprochen, das scheiterte aber an der Finanzierung. Binningers Nachfolger Marc Biadacz hob das Thema wieder auf die Tagesordnung in Berlin.

Hartnäckige Bürger fast am Ziel

Der Umschwung kam, als die US-Army die Verantwortung für den Schießstand von Grafenwörth nach Böblingen verlegte. Jetzt haben die Bürger einen Ansprechpartner vor Ort. Viele AG-Schießlärm-Runden später scheint die Bürgerinitiative nun fast am Ziel. Das sei vor allem ein Verdienst des OBs Stefan Belz und der Baubürgermeisterin Christine Kraayvanger, betont Durst. Ganz sicher ist es aber auch ein Verdienst seiner Hartnäckigkeit. „Oft bin ich von wütenden Bürgern beschimpft worden, weil wir nichts erreicht haben. Aber jetzt sehen wir: Unser jahrzehntelanger Kampf trägt Früchte.“ Nun stehe einer guten Nachbarschaft mit den Amerikanern nichts mehr im Wege.