Schlafforschung Im Traum die Welt beherrschen

Von Robert Gast 

Klarträume erscheinen dem Schlafenden wie Realität – mit Regeln, die er selbst bestimmen kann. Jeder zweite hat so etwas schon erlebt.

Bitte nicht stören: im Heidelberger Schlaflabor wird unter Aufsicht luzide geträumt. Foto: Zweygart 2 Bilder
Bitte nicht stören: im Heidelberger Schlaflabor wird unter Aufsicht luzide geträumt. Foto: Zweygart
Stuttgart - Natascha sieht müde aus, als sie ihre Aufgabenstellung wiederholt: "Ich soll den Ball ins Tor köpfen - am Torwart vorbei." Die 24-Jährige sitzt in einem kargen Raum im Keller des Sportinstituts der Universität Heidelberg. Die Uhr zeigt 22.10 Uhr. Natascha ist nicht zum Sportmachen gekommen. Statt eines Trainingsanzugs trägt sie einen Pyjama. An Kopf, Kinn und Augen befestigt Versuchsleiterin Eva gerade 16 Elektroden.

Als sie fertig verkabelt ist, geht Natascha in die Schlafkammer. Hier soll sie den Kopfball machen - während sie schläft. Doch dazu muss sie einen Traum haben, in dem sie weiß, dass sie träumt. Einen Klartraum. Im luziden Traum - so nennen Wissenschaftler Klarträume - kann man den Verlauf des Traums steuern. Fliegen, unter Wasser atmen, dem Chef die Meinung sagen oder Kopfball trainieren - alles ist möglich. Der Traum wird zu einer alternativen Realität, in der die Regeln gelten, die der Träumer festlegt - so, wie im Science-Fiction-Thriller "Inception", in dem Leonardo DiCaprio in die Träume anderer Menschen eindringen und deren Verlauf beeinflussen kann.

In der Tat denken viele Menschen beim Thema luzide Träume zuerst an Science-Fiction oder Esoterik. Dabei hatte laut einer repräsentativen Umfrage schon die Hälfte aller Bundesbürger einen Klartraum. Auch Dieter Riemann, Leiter des Schlaflabors der Uniklinik Freiburg, hält luzide Träume für real: "Ich glaube, dass dieses Phänomen existiert. Ich habe so was auch schon mal erlebt."

Lange Zeit glaubten nur wenige Wissenschaftler an luzide Träume. Erst 1980 konnte der Amerikaner Stephen LaBerge an der kalifornischen Stanford-Universität nachweisen, dass Klarträume im REM-Schlaf stattfinden. In dieser Schlafphase ist das Gehirn sehr aktiv und verarbeitet die Eindrücke des Tages in besonders lebendigen Träumen. Dabei sind fast alle Muskeln schlaff. Nur die Augen können sich bewegen. LaBerge bat Klarträumer, im Traum ein vorher einstudiertes Augensignal zu machen: sobald sie sich ihres Traums bewusst waren, sollten sie mehrmals nacheinander nach links und rechts blicken. Mit Hilfe von Elektroden konnte er diese Signale aufzeichnen. Bis heute wird das Augensignal benutzt, um das Auftreten von luziden Träumen im Schlaf nachzuweisen.

Luzide Träumen kann man lernen


Auch im Heidelberger Schlaflabor soll Natascha zu Beginn ihres Klartraums die charakteristische Augenbewegung machen. Gegen 4.30 Uhr klingelt im Beobachtungsraum ein Wecker. Eva steht von ihrem Klappbett auf und schaut auf den Monitor. "Jetzt gerade ist sie im REM-Schlaf", sagt Eva. Eine halbe Stunde später weckt sie die Probandin. Natascha soll jetzt eine Stunde auf der Videospielkonsole Wii spielen und anschließend drei weitere Stunden schlafen. Denn luzide Träume treten vor allem dann auf, wenn man morgens wieder einschläft, sagt Eva. Als Natascha sich gegen 6 Uhr wieder ins Bett legt, geht die Sonne auf. Im Beobachtungsraum gluckert die Kaffeemaschine. Bald darauf kommt Daniel Erlacher ins Schlaflabor.

Erlacher ist einer von wenigen Wissenschaftlern in Deutschland, die Klarträume erforschen. Derzeit untersucht er, unter welchen Bedingungen sie auftreten. Im vergangenen Semester hat er zwölf Studierende im Labor schlafen lassen. Sieben hatten in den Morgenstunden einen Klartraum. Ihn habe überrascht, dass es auf Anhieb so viele waren, sagt Erlacher. Dieses Semester testet er unter anderem an Natascha, wie viele Probanden Klarträume haben, wenn sie morgens körperlich aktiv sind und danach wieder einschlafen.

Wie schwierig es sein kann, luzide zu träumen, weiß Erlacher aus eigener Erfahrung: Vor einigen Jahren hat er sich das Klarträumen selbst beigebracht. Seinen ersten luziden Traum hatte er erst nach Monaten. Der sei dann aber so gewesen, wie er sich das immer vorgestellt habe: "Als Erstes bin ich aus dem Küchenfenster geflogen." Prinzipiell könne jeder Mensch lernen, luzide zu träumen, sagt er. Aber natürlich gebe es immer Ausnahmen.

Ob alle Menschen das luzide Träumen lernen können, sei der springende Punkt, betont Dieter Riemann. Nur dann könne man es medizinisch nutzen. Er bezweifelt, dass alle Patienten klarträumen können. Eine mögliche Anwendung gäbe es aber: "Luzide Träume könnten eine Option bieten, Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung zu helfen." Zum Beispiel ließen sich Albträume positiv umlenken.

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