Schleimmesse in Ulm Der glitschige Stoff, aus dem der Ekel ist

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Glitschig, wabbelig, einfach eklig: Schleim („Slime“) hat keinen guten Ruf. Trotzdem fasziniert uns die gelartige Substanz. Warum eigentlich? Eine Biologin erklärt das Phänomen.

Glitschig und zäh fließend: Schleim ist an sich eine recht ekelige Angelegenheit. Doch die Menschen sind fasziniert davon, vor allem Kinder. Foto: Jarabee123 9 Bilder
Glitschig und zäh fließend: Schleim ist an sich eine recht ekelige Angelegenheit. Doch die Menschen sind fasziniert davon, vor allem Kinder. Foto: Jarabee123

Stuttgart - Auf Internetplattformen wie Youtube existieren tausende Videos, die sich ausschließlich damit beschäftigen, Schleim selbst zu machen – in allen Farben und Konsistenzen, mit Perlen und Glitzer, in Döschen, mit Duft oder ohne. In New York hat kürzlich sogar ein Schleim-Museum eröffnet. Dort kann man in Bottichen in buntem Schleim graben und damit herumkneten, sich mit Schleim übergießen lassen oder eigenen Schleim aus Kleber und anderen Zutaten herstellen und mit nach Hause nehmen. Kenner nennen das Zeug Slime, also das englische Wort für Schleim, weil der Trend aus den USA kommt. Schließlich ist Schleim nicht gleich Schleim.

Was ist bloß dran an der Glibbermasse? Dem Phänomen wollte die Biologin Susanne Wedlich auf den Grund gehen. In „Das Buch vom Schleim“ (Naturkunden-Reihe, Matthes & Seitz 2019, 34 Euro) beleuchtet sie den Stoff, den Kinder lieben und Erwachsene abstoßend finden, aus verschiedenen Perspektiven und räumt der popkulturellen Bedeutung dabei größeren Raum ein. „Ich habe es im Freundeskreis beobachtet, wenn ich erzählt habe, dass ich an einem Schleimbuch arbeite: Alle schrecken zurück, man muss nur Schleim sagen, und die Leute ekeln sich schon“, erklärt Susanne Wedlich. Sie habe sich gedacht, sie hole das Publikum dort ab, wo die meisten stehen. „Und das ist eben dieser Schleim, den wir aus Horrorfilmen oder vielleicht aus Büchern kennen. Es gibt heutzutage kaum noch Monster, die nicht geifern oder sabbern.“ Sie haben gewissermaßen eine nachhaltige Schleimspur hinterlassen.

Monster kommen meistens in Schleim gehüllt daher

Schleim ist ein biologisches Material, aber auch ein Phänomen, das abstößt und ausgrenzt, schreibt Wedlich. Das macht ihn zu einem beliebten Ekelerreger innerhalb der Popkultur. Schleim hafte der Ruch vermeintlich niederer Instinkte an, von Sex und Schwäche, von Krankheit und Tod. „Wir lassen ihn nur kontrolliert in unsere sterile Welt – zum Beispiel in Form von Spielzeugschleim oder in Gestalt von Schleimmonstern auf der Leinwand.“

Ob in der Filmreihe „Alien“ oder in den Büchern des Horrorschriftstellers H. P. Lovecraft – Monster kommen nur selten ohne Schleimhülle aus. Gerne treiben sie in einem giftgrünen Glibberumhang ihr Unwesen, so wie das Monster „Slimer“ aus dem Film „Ghostbusters“ (1984). Im Kulthorrorfilm „The Blob“ aus den Fünfzigerjahren vertilgt der Schleim sogar ganze Menschen. In „Slither – Voll auf den Schleim gegangen“ (2006) dringt ein schleimiger Organismus in den Protagonisten ein und bringt diesen dazu, aus Menschen Zombies zu machen. Der Schleim dient im übergeordneten Sinne als Grenze zwischen uns und dem anderen, dem Unbekannten, Bösen oder Bedrohlichen. Wir ekeln uns davor. Aber warum eigentlich?

Susanne Wedlich erklärt: „Ekel ist ein Schutzmechanismus, der uns vor Krankheitserregern bewahren soll. Und wir können die Mikroben natürlich nicht sehen, das heißt unser Ekel muss auf andere Symptome ausweichen.“ Schleim funktioniere dafür gut. Schließlich ist er auch im Krankheitsfall mit Erregern kontaminiert. Der Ekel vor Schleim werde relativ früh erlernt. Kleine Kinder seien zunächst noch begeistert davon. Daher sei die Faszination von Erwachsenen für Schleim besonders interessant – wie das Beispiel des New Yorker Schleim-Museums zeigt, wo nicht nur die Kleinen mit Wonne und nach Herzenslust herum schleimen.

Kaum ein Lebewesen kann auf Schleim verzichten

Der Stoff, erklärt die Biologin Wedlich, gehört zu den extrem wasserhaltigen und zäh fließenden Hydrogelen, die unter bestimmten Umständen solide sein können, also Eigenschaften von Feststoffen zeigen. Biologische Schleime sind raffiniert aufgebaut und so flexibel, dass sie ihr Verhalten anpassen können. Es gibt kaum ein Lebewesen, das ganz auf Schleim verzichten kann. Die meisten Organismen nutzen ihn, sei es als Strukturmaterial wie bei den Quallen, zur Fortpflanzung wie bei den Pflanzen, zum Beutefang wie bei den Fröschen, zur Verteidigung wie beim Schleimaal oder zur Fortbewegung wie bei den Schnecken. Zumal der Schleim auch für den menschlichen Körper unverzichtbar ist. Ohne Schleim könnten wir nicht schlucken, und auch bei der Fortpflanzung spielt er eine entscheidende Rolle: Der Schleim des Muttermunds lockt die Spermien in die Gebärmutter.

Materialwissenschaftler würden laut Susanne Wedlich diese Eigenschaften nur zu gern im Labor nachahmen, zum Beispiel bei der Konstruktion von besonders geschmeidigen Robotern. Diese scheitern häufig aber noch an der Komplexität der biologischen Vorbilder. Ohne Schleime könnten wir gar nicht existieren – die Umwelt, ja ganze Küstenstreifen werden laut Susanne Wedlich von Schleimarten zusammen gehalten. Selbst in der Wüste gebe es einen Schleim, der die Erosion verhindere. „Das ist unglaublich und wenig bekannt. Je tiefer man einsteigt, desto schöner findet man den Schleim.“

Am Samstag, 1. Februar 2020, findet die „Slime Splash“, eine ganze Messe voller Schleim, in Ulm im Blautal-Center statt (https://www.slimesplash.de). Eine ähnliche Veranstaltung fand bereits vergangenen Dezember in Heidelberg statt, dort präsentierten so genannte Slimer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ihre Kreationen: kunterbunt, glitzernd, mit Stückchen, in Döschen, mit Glitzerstaub, Perlen und manchmal sogar duftend. Der „Kika“-Moderator Christian Bahrmann führt durch die Veranstaltung.