Schlossplatz in Stuttgart An der Concordia nagt der Zahn der Zeit

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Vor 150 Jahren hat die Jubiläumssäule am Schlossplatz ihre Abschlussfigur erhalten. Derzeit wird alles saniert. Ein Blick in die wechselhafte Geschichte des Blickfangs, der den Mittelpunkt des Schlossplatzes bildet.

Nur selten kommt man der römischen Göttin auf der Jubiläumssäule so nahe – zu Beginn der Renovierung hatte ein Fotograf Zutritt auf das Gerüst erhalten. Foto: dpa 9 Bilder
Nur selten kommt man der römischen Göttin auf der Jubiläumssäule so nahe – zu Beginn der Renovierung hatte ein Fotograf Zutritt auf das Gerüst erhalten. Foto: dpa

Stuttgart - Jeder kennt sie, und doch nimmt kaum noch jemand sie wahr: Dabei ist die Jubiläumssäule das zentrale Bauwerk auf dem Schlossplatz – auf sie laufen alle Wege zu, symmetrisch zu ihr sind die Brunnen angeordnet, ja eigentlich ist sie der Dreh- und Angelpunkt des Platzes und vielleicht ganz Stuttgarts. Seit Mai ist die Säule eingerüstet, weil die Restauratoren den Granit und das Metall sanieren möchten. Eigentlich sollte das Vorhaben schon seit einigen Wochen abgeschlossen sein, doch der Zustand des Materials war wohl schlimmer als befürchtet: „Wir prüfen gerade auch, ob die Concordia-Figur auf der Säule noch zusätzlicher Fürsorge bedarf“, sagt Frank Kupferschmidt vom zuständigen Finanzministerium. Bis zum großen Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober soll aber alles wieder blitzen und glänzen.

Als „Landeskerzenlicht“ verspottet

Aber nicht nur wegen der Schönheitskur lohnt sich derzeit ein Blick auf die Jubiläumssäule: Am 26. September 1863 hatte die bis dahin nackige Stele, im Volksmund deshalb gerne als „Landeskerzenlicht“ verspottet, ihre Concordia erhalten, mithin also vor 150 Jahren. Und die Geschichte, wie es dazu kam, ist so interessant, dass es erlaubt sei, ein bisschen auszuholen.

Die Säule selbst ist nämlich um 22 Jahre älter: Zum 60. Geburtstag und 25. Thronjubiläum (daher der Name der Säule) von König Wilhelm I. haben die Landstände am 28. September 1841 einen gewaltigen Festzug veranstaltet und auch eine 68 Fuß (knapp 20 Meter) hohe achteckige Festsäule aus Holz errichtet. Zeitgenössische Berichte behaupten, nie zuvor habe Stuttgart so viele Menschen gesehen: 9736 Fußgänger, darunter 500 Festjungfrauen, und 640 Reiter waren am Umzug beteiligt, rund 100 000 Menschen sollen die Straße gesäumt haben.

Bau war logistisches Meisterwerk

Man fragt sich ja immer, wie echt solche Aufzüge sind: Steckt wahre Liebe dahinter oder war alles nur in DDR-Manier inszeniert? Damals, so darf man annehmen, war Wilhelm I. tatsächlich noch beliebt, weil er nach dem „Jahr ohne Sommer“ 1816 und den darauf folgenden Hungersnöten Reformen eingeleitet und die Landwirtschaft mit neuen Techniken verbessert hat. Gleichzeitig führte er das Land aus dem Agrarzeitalter in die Industrialisierung. Und vor allem hatten er und die Landstände sich im Jahr 1819 auf eine neue Verfassung geeinigt, die die Bürger als sehr liberal begriffen.

Als die Holzsäule im Jahr 1846 dann durch eine Säule aus Granit ersetzt wurde, schien die bürgerlich-feudale Gesellschaft noch in Ordnung im Land. Jedes der zehn Granitstücke, die in einem Schwarzwälder Steinbruch gehauen worden waren, wog übrigens 300 Zentner – es war logistisch ein Meisterwerk, diese Last auf Fuhrwerken bis nach Stuttgart zu fahren.




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