Eine Tankstelle in Neuhausen wirbt mit einem frivolen Motiv für Motorenöl. Vom Deutschen Werberat wurde die schlüpfrige Außenreklame bereits öffentlich gerügt. Den Betreiber lässt das offenbar kalt. Weitere Konsequenzen hat er wohl nicht zu befürchten.

Neuhausen - Eine splitterfasernackte Frau räkelt sich mit wollüstigem Blick auf dem Boden. Das linke Bein hat sie lasziv zum blanken Po hochgezogen, den Oberkörper hat sie leicht vom Boden abgehoben, sodass die unverhüllten Brüste nur so baumeln. Neben dem Foto wird für Motorenöl geworben. „Natur pur – Öl ohne Dose im Ölkabinett“ wird offeriert.

Werbetafel erinnert an Schmuddelfilme der 1970er-Jahre

Die Abbildung im Stil der Schmuddelfilme der 1970er-Jahre ist die Werbung einer freien Tankstelle in Neuhausen. Dem Betreiber hat das schlüpfrige Foto im Bereich der Zapfsäulen bereits Ärger eingebracht. Es gab mindestens zwei Beschwerden beim Deutschen Werberat, der Selbstkontrolleinrichtung der Werbewirtschaft. Dort lautet die Einschätzung: Die Darstellung ist sexistisch. Deswegen hat die Institution eine öffentliche Rüge gegen das Unternehmen ausgesprochen. Bei der Außenwerbung der Tankstelle sei ein doppelter Verstoß gegen die Verhaltensregeln des Deutschen Werberats gegen die Herabwürdigung und die Diskriminierung von Personen zu verzeichnen, teilt der Werberat mit. „Die Abbildung der nackten Frau steht in keinerlei sachlichem Zusammenhang mit dem beworbenen Produkt“, heißt es in der Begründung. Zudem werde die dargestellte weibliche Person durch die Gleichsetzung mit diesem Produkt zum bloßen Objekt degradiert. „Die Art der Darstellung (völlige Nacktheit des Models) würdigt das weibliche Geschlecht schlussendlich in Gänze herab“, lautet das Fazit der Berliner Institution.

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Passiert ist nichts. Die öffentliche Rüge hat der Werberat bereits im August 2020 ausgesprochen, doch mehr als ein Jahr später räkelt sich die Nackte aus Neuhausen immer noch. Gegenüber unserer Zeitung gibt sich der Tankstellen-Betreiber schmallippig. Er habe die Werbung nicht angebracht und könne daher nichts dazu sagen, betont er, bevor er sich umdreht und davongeht. Ein weiterer Versuch, Kontakt zu aufzunehmen, scheitert ebenfalls. Auch sein Team äußert sich nicht zu der Sache. Die frivole Werbung sei ihr noch nie aufgefallen, sagt eine Frau. Eine Angestellte fügt hinzu, sie fühle sich durch die Darstellung nicht gestört.

Tankstellenverband geht auf Distanz

Auch gegenüber dem Deutschen Werberat soll sich der Tankstellen-Betreiber nie erklärt haben. Das geht jedenfalls aus den Unterlagen von Johanna Röhling vom Werberat-Team hervor. Sie erläutert: Gehe eine Beschwerde über eine Reklame ein – in der Regel machen Privatpersonen auf Missstände aufmerksam –, werde das entsprechende Unternehmen zu einer Stellungnahme aufgefordert. Der Fall werde dann dem Entscheidungsgremium vorgelegt, und auch nach dem gefällten Beschluss im Beschwerdeverfahren werde das Unternehmen benachrichtigt. „Es bekommt noch mal Zeit, um die Werbung zu ändern“, sagt Johanna Röhling. Erst dann werde die Öffentlichkeit per Pressemitteilung über die Verstöße gegen den Werbekodex informiert. „Wir merken, dass das Unternehmen dann in der Regel nicht mehr auffällt“, sagt sie. In dem Neuhausener Fall hat die Rüge augenscheinlich nicht gefruchtet. Auch eine Anfrage des Werberats beim Bundesverband freier Tankstellen habe nichts ergeben. „Er hat sich auch uns gegenüber nicht geäußert“, sagt der Verbandsgeschäftsführer Stephan Zieger auf Anfrage unserer Zeitung. Er beschreibt den Mann als seriösen, ordentlichen Tankstellen-Betreiber, gleichwohl distanziert er sich von der fraglichen Reklame in Neuhausen. „Es ist keine Werbung von uns“, stellt Stephan Zieger klar.

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Konsequenzen hat das Festhalten des Betreibers der freien Tankstelle auf den Fildern an seinem anstößigen Werbebild jedenfalls nicht. „Die öffentliche Rüge ist unser letztes Mittel, und wir erhalten sie aufrecht“, stellt Johanna Röhling klar.

Beschwerden beim Werberat

Verstöße
 Der Deutsche Werberat hat im vergangenen Jahr über 498 einzelne Werbemotive entschieden. 1343 Personen oder Institutionen beschwerten sich bei der Selbstkontrolleinrichtung. In 126 Fällen teilte der Werberat die Kritik der Beschwerdeführer und informierte die betreffenden Unternehmen über ihren Verstoß gegen den Werbekodex. In 114 Fällen zogen die jeweiligen Unternehmen ihre Werbung danach zurück oder änderten sie; also gut 90 Prozent. Von Kritik freigesprochen wurden 372 Motive, da kein Verstoß gegen den Werbekodex vorlag.

Rügen
Nur in zwölf Fällen reagierten die Firmen nicht unmittelbar auf die Beanstandung und erhielten deshalb eine öffentliche Rüge, teilt der Werberat mit. Elf der zwölf Rügen für 2020 betrafen demnach sexistische Werbung und gingen an kleine oder mittlere Unternehmen, deren Kommunikation nicht von professioneller Seite begleitet wurde.