Schüleraustausch mit Taiwan Ventilatoren braucht man hier nicht in der Klasse

Von Florian Mader 

Nur eine Handvoll Schulen in Deutschland gibt es, die einen Austausch mit der kleinen asiatischen Republik Taiwan unterhalten. Das Johannes-Kepler-Gymnasium ist eine davon. Eine Woche lang sind die 18 Austauschschüler zu Gast.

Excited – happy – brilliant: Die Taiwanesen und die Weil der Städter lernen sich erst einmal gut kennen. Foto: factum/Bach
Excited – happy – brilliant: Die Taiwanesen und die Weil der Städter lernen sich erst einmal gut kennen. Foto: factum/Bach

Weil der Stadt - New friends, of course. Melody Yang lacht. Zum ersten Mal ist sie in Europa, ein langer Flug liegt hinter ihr, dazu sieben Stunden Zeitverschiebung. Und kaum ist sie in Weil der Stadt an­gekommen, wird sie schon vom Reporter belagert. „Es war ein langer Flug von Taiwan hierher“, berichtet die 17-Jährige auf Englisch. Und jetzt ist sie in Weil der Stadt, um neue Freunde kennenzulernen.

Dass ein Gymnasium Gastschüler aus Taiwan empfängt, das gibt es in Deutschland nicht oft. Vielleicht eine Handvoll Schulen pflegt Kontakte mit dem kleinen asiatischen Land. 18 Schüler sind am Donnerstag in Weil der Stadt angekommen, es könnten noch viel, viel mehr sein, berichtet Ying-Shan Chen, die Schulleiterin der High-School Sanchong in New Taipei, der Hauptstadt Taiwans. „Wir mussten auswählen wer mitdarf, angemeldet haben sich viel mehr“, sagt sie. Denn: „Die deutsche Kultur ist etwas Besonderes in Taiwan.“ Die Amerikaner waren nach dem Zweiten Weltkrieg ziemlich präsent in dem kleinen Inselstaat, die amerikanische Kultur sei in Taiwan daher alltäglich. Aber die deutsche? Die sei durchaus „exotisch“, wie es Schulleiterin Chen formuliert.

Eine High-School mit 2000 Schülern

In Taiwans Hauptstadt leitet sie eine High-School mit 2000 Schülern, jetzt ist Ying-Shan Chen für eine Woche mit nach Weil der Stadt gekommen. „Letztes Jahr war das JKG bei uns zu Besuch und hat einen sehr guten Eindruck hinterlassen“, sagt sie. ­Daher komme sie sehr gerne. Seit einigen Jahren schon unterhält das Weiler Gymnasium den Austausch mit der asiatischen Schule, und das ist durchaus kein Zufall. Denn unter den Besuchern springt auch eine Taiwanesin umher, die sehr gut Deutsch spricht.

Man-Man Li wohnt selbst in Weil der Stadt und leitet am JKG die Chinesisch-AG. Sie erinnert sich noch sehr gut an die Anschläge vom 11. September 2001. „Damals habe ich mich gefragt, was kann ich tun?“, sagt sie. „Ich hatte also beschlossen, eine  Brücke zwischen den Kulturen – in ­meinem Fall zwischen der chinesisch-taiwanesischen und der deutschen Kultur – zu bauen.“ Durch ihr Studium an der Uni Stuttgart ist Man-Man Li nach Deutschland ­gekommen und hier „hängen geblieben“, wie sie sagt.

Später heiratete sie einen Deutschen und wohnt nun schon lange mit ihrem Mann und den Kindern in Weil der Stadt. Die Brücke ist die Chinesisch-AG, die sie am JKG nun schon seit 2004 leitet, neben ihrem Job als Dozentin an der Technischen Hochschule Stuttgart. „Das Interesse an der AG hat etwas abgenommen, seit es das G 8 gibt“, berichtet Li. „Aber ich hoffe, dass es durch den Schüleraustausch wieder ­attraktiv wird.“

Chinesisch-AG ist der Ursprung des Austauschs

Donata Zwick besucht schon seit drei Jahren die Chinesisch-AG. „Das hat mich sehr interessiert“, berichtet die Zehntklässlerin. „Zu diesen fernen, asiatischen Kulturen haben wir ja keinen direkten Kontakt.“ Klar, dass sie auch an dem Austausch teilnimmt, vergangenes Jahr war Donata Zwick selbst in Taiwan, jetzt empfängt sie ihre Austauschpartnerin Melody Yang, her „new friend“, wie beide sagen und schmunzeln. Es hat also geklappt, mit dem Kennenlernen von Freunden.

Und wenn fremde Kulturen aufeinandertreffen, dann wird es immer interessant. Auf „German Beer“ freut sich Melody Yang schon, das taiwanesische Bier aus Tee sei nicht so der Hit. Umgekehrt war Donata Zwick vor einem Jahr verzweifelt auf der Suche nach Sprudel-Wasser. „Sie wussten dort im Laden nicht mal, was wir mit ­Sparkling water meinen“, erinnert sich die Zehntklässlerin. Wasser ist kostbar in dem asiatischen Land, die tropischen Temperatur liegen im Sommer dort über 30 Grad. In der Schule hilft man sich daher mit Ventilatoren aus. „Die waren aber so laut, dass die Lehrer Mikrofone brauchen“, berichtet Donata Zwick.

Diese kulturelle Begegnung ist ganz im Sinne von Rolf Bayer, dem Leiter des Weil der Städter Gymnasiums, der die deutsche Schüler-Delegation selbst auch schon nach Taiwan begleitet hat. „Das ist dort wirklich eine andere Kultur“, berichtet er. „Die freie Rede oder dass man mal Kritik übt – das kennt man dort überhaupt nicht, und das lernen die Taiwanesen jetzt bei uns kennen.“ Umgekehrt verfeinern die deutschen Schüler ihre Chinesisch-Kenntnisse. „Mir ist es wichtig, dass wir als Gymnasium breit aufgestellt sind“, erklärt Bayer. „Wir ver­tiefen unser Angebot im informatisch-technischen Bereich und eben hier im ­Bereich der Sprachen.“

Eine Woche lang sind die 18 asiatischen Schüler und ihre fünf Lehrer am JKG, ­anschließend reisen sie noch eine Woche durch Deutschland. Die Mathe- und Sportlehrerinnen Pia Fischer und Julia Wehner haben das bunte Programm zusammen­gestellt. „Die größte Herausforderung war es, genügend deutsche Familien zu finden, die einen Gastschüler aufnehmen“, sagt ­Fischer. Melody Yang kommt jetzt erstmal bei Donata Zwick unter. „Ja, wir freuen uns, uns wiederzusehen“, sagen beide – echte Freunde eben.