Schwaben in Berlin: Polizeipräsident Klaus Kandt Vom Underdog zum Oberboss

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Wie ergeht es Baden-Württembergern in der Bundeshauptstadt? In einer Porträtserie sucht unsere Berlin-Korrespondentin Katja Bauer nach Antworten. Teil sieben: Klaus Kandt wuchs in einem Dorf bei Backnang als Sohn von Ungarndeutschen auf und machte bei der Polizei eine steile Karriere.

Unermüdlich im Einsatz: Klaus Kandt ist Polizeipräsident in einer Stadt mit einer, wie er sagt, „extrem hohen Ereignisdichte“. Foto: Maurizio Gambarini
Unermüdlich im Einsatz: Klaus Kandt ist Polizeipräsident in einer Stadt mit einer, wie er sagt, „extrem hohen Ereignisdichte“. Foto: Maurizio Gambarini

Berlin - Wenn Klaus Kandt von dem Undercovereinsatz spricht, ohne den er heute vermutlich nicht Polizeipräsident von Berlin wäre, dann sieht er ein bisschen verlegen aus und grinst sein Jungenlächeln. „Damals konnte man so was noch machen“, sagt der 56-Jährige. Es waren die achtziger Jahre, Kandts Dienstort lag damals in Bonn und manchmal auch wo ganz anders auf der Welt. Der Mann war Elitepolizist, Mitglied der Antiterroreinheit GSG 9. Und er hatte ein Problem: „Wir hatten in dieser Zeit kaum Einsätze. Ich hatte viel gelernt, aber mir fehlte die Perspektive für meine berufliche Zukunft.“ Da war er, ein hungriger Polizist, der auf die Straße wollte.

Nur ein einziges Mal war der Mann aus Burgstall bei Backnang vorher in Westberlin gewesen, 1980, kurz nach dem Abitur: „Es war irgendwie wild, schräg, ich hab’ eher gefremdelt. Aber damals hatte ich auch so wenig von der Welt gesehen, und mein Blick war noch nicht so offen für Neues oder anderes.“ Nun aber erinnerte er sich an eine Begegnung mit einem Kollegen der Berliner Spezialkräfte. Vielleicht wäre das was für ihn, dachte Klaus Kandt, rief den Kollegen an – und fuhr schnurstracks nach Berlin. Kandt machte quasi ein kleines Praktikum im Wedding und schaute sich ein paar Einsätze des SEK an. „So was ging damals noch. Es war auch insgesamt einfach weniger gefährlich.“ Bis dahin hatte Klaus Kandt sich nicht vorstellen können, dass er einmal Berliner würde werden wollen. Jetzt war er es. Gleichzeitig wurde er in diesem Moment wahrscheinlich so sehr zum Schwaben wie noch nie zuvor.

Was macht einen dazu? Und wer definiert das? Dort, wo Klaus Kandt – damals hieß er Klaus Gass – aufgewachsen war, halten die Menschen sich selbst natürlich für Schwaben. Aber dem kleinen Jungen, der 1960 in Backnang geboren wurde, und seiner Familie hatten sie einen anderen Stempel aufgedrückt. Im Dorf Burgstall, wo die Gassens lebten, hießen sie einfach: die Flüchtlinge.

Der Chef von mehr als 16000 Polizisten

Kandts Eltern waren als Ungarndeutsche vertrieben worden, sie kamen über Dresden nach Stuttgart und landeten schließlich bei Backnang. Willkommenskultur? Damals ein Fremdwort. Die Flüchtlinge blieben unter sich – wohl oder übel. „Ihr seid keine Deutschen“, hieß es. Klaus Kandt weiß, wie es sich so eine Atmosphäre für ein Kind anfühlt. Als seine Eltern damals in dem Dorf Burgstall ankamen, fielen Sätze wie: „Lasst uns doch die Flüchtlinge in den Fluss treiben.“

Während er das erzählt, sitzt der Chef von mehr als 16 000 Polizisten in seinem riesigen Dienstzimmer im Berliner Polizeipräsidium, das in einem Flügel des steinernen Kolosses am Flughafen Tempelhof untergebracht ist. An der Wand hängen Bilder von Dienstreisen nach Afghanistan, Australien und China.

Wenn Klaus Kandt ins Erzählen kommt, dann breitet er oft die Arme aus, formt Gesten in die Luft, und man sieht einen großen, selbstbewussten Mann mit entschlossener Kinnpartie. Er kann markerschütternd laut lachen, und andererseits bleibt seine Stimme manchmal gefährlich ruhig, so wie in den Momenten, in denen die Opposition ihn im Innenausschuss grillt.

Er kämpft darum, Abitur zu machen

Von seinem Büro bis zu den ausrangierten Flughafenhangars, in denen im letzten Herbst Tausende Flüchtlinge unterkamen, ist es von hier ein Fünf-Minuten-Fußweg. Als Kind sei er schüchtern und zurückhaltend gewesen, erzählt Kandt. Und von klein auf gab es da dieses Außenseitergefühl. „Ich war immer der Underdog.“ Die Familie war arm. Bildung als Wert an sich musste man sich leisten können. Klaus Kandt musste darum kämpfen, überhaupt lernen zu dürfen, Abitur zu machen.

In einer Welt, die nicht besonders durchlässig ist, kostet es von dieser Startposition aus schlicht mehr Kraft, einen eigenen Weg zu gehen. Woher nimmt man die? „Meine Mutter war eine Kämpferin. Von ihr habe ich viel gelernt“, sagt Klaus Kandt, und der Trotz aus dieser lang vergangenen Zeit durchzieht auf einmal seine Mimik. „Mir ist nichts geschenkt worden, und auf das, was ich erreicht habe, bin ich stolz. Aber das hat auch Vorteile: Man lernt, sich zu behaupten und nicht von der Meinung anderer abhängig zu machen.“

Früh wurde Sport wichtig im Leben von Klaus Kandt – er rannte, bis ihm die Bronchien brannten, bis alles wehtat, er nicht mehr konnte. „Ich habe einfach einen Hang zum Extremen.“ So lernte er etwas über persönliche Grenzen und über seine Lust darauf, an diese Grenzen zu gehen. Langsamer als möglich, das ist nicht sein Ding. „Ich kann bis heute nicht anders, ich will einfach gewinnen.“

Die Zeit bei der Eliteeinheit GSG 9

Als Kandt Ende der siebziger Jahre Abitur machte, zog es viele seiner Klassenkameraden an die Uni. Politisch waren die meisten eher links. Es war die Zeit der RAF – im Gegensatz zu manchen Gleichaltrigen hatte Kandt weniger die politische Debatte, sondern die Geiselbefreiung von Mogadischu durch die GSG 9 im Kopf, wenn er an Terroristen dachte. Ein Studium hätte Kandt nicht finanzieren können. Er entschloss sich, zur Polizei zu gehen.

Und er wollte unbedingt weg aus Burgstall. „Ich wollte schon früh raus aus dieser spießigen Enge“, sagt er. Als Junge hatte er unter der starken sozialen Kontrolle gelitten. Klaus Kandt landete beim Bundesgrenzschutz. Miefige Kasernen, große Stuben, rauer Ton. Nach der Ausbildung machte er die Aufnahmeprüfungen bei der GSG 9 und wurde genommen.

Zur Arbeit bei der Eliteeinheit befragt, wird Kandt eher wortkarg, aber wenn er heute darüber spricht, kann man noch immer spüren, dass ihn diese Zeit mit Stolz erfüllt. Viele der Männer, mit denen er dort arbeitete, haben heute Führungspositionen im Polizeiapparat inne. Was lernt man dort fürs Leben – außer zu kämpfen? „Weiterzumachen, zielgerichtet zu arbeiten und Selbstdisziplin – man lernt, sich zu fokussieren, wenn es zur Sache geht.“

Seit den Achtzigern hat sich viel geändert

Den Tunnelblick kann man immer mal brauchen – auch als Polizeipräsident in einer Stadt mit einer, wie Klaus Kandt sagt, „extrem hohen Ereignisdichte“. Er hat diesen Posten seit vier Jahren inne – nach einer Laufbahn als Präsident in Frankfurt/Oder und Potsdam.

Hätte ihm einer Mitte der Achtziger bei seinem Start in Berlin gesagt, dass er mal Polizeipräsident werden würde, hätte er wohl sehr gelacht. Jenen 1. Mai 1987, der den Beginn der jährlichen Krawalle begründete und für Innensenatoren und deren Präsidenten zur Prüfung wurde, erlebte er damals ziemlich schockiert. „Das war ein ganz dickes Ding.“ Als er in Kreuzberg ankam, schlugen die Flammen aus dem Bolle-Supermarkt, die Straßenbeleuchtung war ausgeschaltet, die Luft geschwängert von Tränengas. „Die Menge war ex­trem wütend.“ Es sei, so erinnert sich, der blanke Hass auf die Polizei gewesen.

Schon immer war Berlin so politisiert, dass Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei schnell eskalieren konnten. Es gab eine große linke Szene auf der einen Seite und auf der anderen Seite eine Polizei, die schnell rabiat zur Sache ging. Seither hat sich viel geändert. „Gewalt sät Gewalt“, sagt Kandt. „Jede Gewalt hinterlässt eine offene Rechnung. Ein Tagessieg nutzt am Ende gar nichts. Es geht darum, die Spirale zu durchbrechen.“ Seit ein paar Jahren ist der 1. Mai in Berlin zwar nicht friedlich, aber sehr viel friedlicher als früher, dank einer Mischung aus zivilgesellschaftlichem Engagement der Kreuzberger Bürger mit einem Straßenfest und einer deeskalierenden Polizeitaktik.

Er wünscht sich mehr Respekt

Im Moment kann sich die Polizei diesen Erfolg mit auf die Fahnen schreiben. Aber Kandt weiß inzwischen auch, wie schnell es wegen eines Polizeieinsatzes eng werden kann. „Ich glaube, ich habe die politische Dimension dieses Amtes am Anfang unterschätzt“, sagt er. Er sei immer noch gerne Polizist, sagt er – aber zu den Dingen, die er wohl kaum vermissen würde, gehören die regelmäßigen heftigen politischen Debatten. „Der Stil der Auseinandersetzung ist hart, direkt, aggressiv“, sagt er über den Innenausschuss. Oft, so sein Eindruck, sei eine fachliche Auseinandersetzung gar nicht drin. Zuletzt hat er das erlebt, als der scheidende Innensenator Frank Henkel (CDU) wegen einer Art Teilräumung eines alternativen Wohnprojekts in Friedrichshain unter Beschuss geriet. Auch die Medien, so findet er, haben daran einen Anteil. „Die Tendenz ist, dass Journalisten mit einer fertigen Geschichte im Kopf kommen, die Fakten sammeln, die dazu passen, und die anderen weglassen“, meint er.

Kandt nimmt bei manchen Themen trotz aller politischen Überlegungen kein Blatt vor den Mund – dazu gehört zum Beispiel die beklagenswerte Ausstattung seiner Kollegen: „Die Situation der Polizei ist so nicht fortführbar“, sagt er. „Wir brauchen mehr Personal und mehr Budget.“

Könnte Klaus Kandt sich vorstellen, an einem Ort in Deutschland zu leben, der ein bisschen weniger aufgeregt debattiert, der etwas mehr Geld hat und ein bisschen ordentlicher ist? Backnang zum Beispiel? Das Nein kommt mit Verve. Neulich hat er seine Schwester besucht, es war ein anheimelndes Gefühl – die hügelige Landschaft, die Sprache, die Ordnung. „Aber mir ist es einfach egal, wie der Zaun der Nachbarn aussieht, ich brauche auch keinen Sichtschutz“, sagt Kandt.

Etwas aus dieser Welt, in der er aufgewachsen ist, würde aber sehr gerne mit in die große Stadt nehmen: Rücksicht, Aufmerksamkeit, Respekt. „Ich fände es gut, wenn die Menschen in Berlin sich ihrer Mitmenschen etwas bewusster wären.“