Schwarzes Kreuz Wenn sich Menschen vor der Freiheit fürchten

Wenn Häftlinge aus dem Gefängnis entlassen werden, wissen sie oft nicht, wie es weitergeht. Das haben auch die Erfahrungen des Schwarzen Kreuzes gezeigt. Foto: Steinert
Wenn Häftlinge aus dem Gefängnis entlassen werden, wissen sie oft nicht, wie es weiter geht. Das haben auch die Erfahrungen des Schwarzen Kreuzes gezeigt. Foto: Steinert

Das Schwarze Kreuz kümmert sich um Straffällige während und nach ihrer Haft.

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Stuttgart-Botnang - Gefängnistür auf, Krimineller rein, abschließenund Schlüsselwegwerfen: „Ich habe leider feststellen müssen, dass viele Menschen genau so mit Straffälligen umgehen wollen. Ich finde aber, dass jeder eine zweite Chance verdient hat“, sagt Ute Wünsch. Deshalb ist die Botnangerin seit 2006 ehrenamtlich beim Schwarzen Kreuz aktiv und leitet dort auch den Stuttgarter Arbeitskreis, der seit mehr als 30 Jahren existiert. „Unser Vereinhat es sich zur Aufgabe gemacht, Straffälligewährend und nach ihrer Haft zu begleiten, damit sie im Leben wieder Fuß fassen können und keine Straftaten mehr begehen“, sagt die diakonische Schwester der Evangelischen Diakonissenanstalt Stuttgart.

Den ersten Kontakt zum Verein stellen immer die Insassen selbst her. Sie melden sich bei der Geschäftsstelle des Schwarzen Kreuzes in Celle und werden von dort aus an einen ehrenamtlichen Mitarbeiter vor Ort vermittelt. „Wenn die Wahl auf mich fällt, schreibe ich zunächst einen Brief an den Häftling, in dem ich mich vorstelle und frage, was er von mir erwartet“, sagt Ute Wünsch. Die Antwort folge meist prompt. „Vor allem brauchen die Insassen jemanden, der ihnen zuhört, mit dem sie über alles reden und dem sie vertrauen können“, sagt sie. „In der Regel wenden sich Leute an uns, die keine Beziehungenmehr nach draußen haben, geschieden und von ihren Familien sowie Freunden fallen gelassen worden sind.“ Sie kenne Eltern, die sogar behaupteten, dass ihr Sohn in Amerika sei. Dabei sitze er im Gefängnis.

Unter Leute zu gehen, fällt Häftlingen schwer

Acht Sträflinge hat Ute Wünsch seit 2006 betreut. Besucht worden sind sie von Freunden und Verwandten eher selten. Dabei dürften sie zweimal im Monat jeweils 45 Minuten lang jemanden empfangen. Zumeist war es Ute Wünsch, die von den Insassen gebeten wurde, in die Justizvollzugsanstalt zu kommen. „Wir sprechen dann viel über die Zukunft – insbesondere, wenn der Tag der Entlassung näher rückt“, sagt Ute Wünsch. „Die Häftlinge haben sich so lange auf die Freiheit gefreut. Doch dann sehen sie sich plötzlich mit lauter Problemen und Schwierigkeiten konfrontiert, die sie häufig einfach überfordern.“ Deshalb sei es so wichtig, die Menschen auch nach ihrer Haftstrafe zu betreuen und für sie da zu sein. „Sie werden entlassen und haben durch ihre Arbeit in der JVA rund 1500 Euro in der Tasche. Wenn sie nicht wissen wohin, ist das meiste Geld gleich weg – nach einem Besuch in der Kneipe und im Bordell.“ Es sei schwer, ein neues Leben aufzubauen, wenn die Perspektive fehle, ohne Wohnung und Arbeit. Zudem falle es manchen ehemaligen Häftlingen schwer, unter Leute zu gehen. Sie seien Menschenmengen in Kaufhäusern nicht mehr gewohnt und würden aufgrund vieler Enttäuschungen im Leben oft auch keine Beziehungen zu anderen Menschen mehr zulassen. „Eigentlich brauchen die ehemaligen Insassen in dieser Zeit viel Ermutigung und Unterstützung, erleben aber eher Ablehnung und Misstrauen“, sagt Ute Wünsch. „Straffällige haben keine Lobby in der Gesellschaft.“

Die schönste Belohnung für die ehrenamtliche Arbeit ist für die Botnangerin, wenn es die ehemaligen Häftlinge schaffen, ihr Leben in den Griff zu bekommen: „Einer von ihnen, der vor rund drei Jahren entlassen wurde, hat mittlerweile eine Wohnung und arbeitet auch.Wir haben ab und zu noch telefonischen Kontakt. Ihm scheint es gut zu gehen. Ein anderer baut sich gerade mit seiner Lebensgefährtin eine Existenz auf.“ Es sei ein gutes Gefühl, zu wissen, jemandem geholfen zu haben, wieder auf die Beine zu kommen.

Vom normalen Leben überfordert

Auf der anderen Seite gäbe es aber natürlich auch Menschen, die es nicht schaffen. „Sie werden aber nicht wieder kriminell, weil sie finden,dass dies eingeeigneter Lebensentwurf sei, sondern weil sie sich vom ,normalen’ Leben überfordert fühlen.“ Genau deshalb sei es sowichtig, die ehemaligen Häftlinge auch nach ihrem Gefängnisaufenthalt zu begleiten. „Das ist das Ziel des Vereins und auch des Arbeitskreises: viel mehr Menschen zu betreuen, die aus der Haft entlassen wurden“, sagt Ute Wünsch. Allerdings fehlt ihr dazu auch das notwendige Personal. Zwischen vier und sechs Mitglieder hat derArbeitskreis Stuttgart. „Ich kann den Ehrenamtlichen nicht einmal einen Zuschuss zu den Fahrtkosten oder eine Aufwandsentschädigung bezahlen. Das einzige, was ich bieten kann, ist der Dank der Leute.“

Ute Wünsch selbst ist nicht nur in der JVA Stammheimzu Gast: „Was soll ich tun, wenn jemand, den ich betreue, beispielsweise nach Bruchsal oder in die forensische Psychiatrie nach Merzig verlegt wird? Soll ich ihn fallen lassen? Sicherlich nicht.“ Und in den meisten Fällen zahlen die ehemaligen Häftlinge das Vertrauen mit vielen kleinen Gesten und warmen Worten zurück. „Ute Wünsch hat mir den Rücken gestärkt. Ohne sie säße ich heute sicherlich nicht hier“, sagte ein ehemaliger Sträfling, wenige Monate nach seiner Entlassung in einem Fernsehinterview.

Schwarzes Kreuz Stuttgart:

Anschrift: Kullenbergstraße 32, 70195 Stuttgart
Telefon: 69 59 61
Mail: wuensch.ute@t-online.de
Homepage: www.stuttgart.schwarzes-kreuz.de
Vorsitzende: Ute Wünsch
Mitgliederzahl: 4 bis 6

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