Schweden bei der Handball-WM Die Erben der goldenen Generation

Jim Gottfridsson: Der Dreh- Angelpunkt des schwedischen Spiels. Foto: AFP/Mohamed  Abd El Ghany 9 Bilder
Jim Gottfridsson: Der Dreh- Angelpunkt des schwedischen Spiels. Foto: AFP/Mohamed Abd El Ghany

Die Schweden sind das Überraschungsteam und der große Außenseiter im Halbfinale dieser Handball-WM. Die Truppe um Schlüsselspieler Jim Gottfridsson weckt Erinnerungen an die Ära einer Ausnahmemannschaft, in der auch Magnus Andersson stand.

Sport: Jürgen Frey (jüf)
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Stuttgart - Welche Erinnerung Magnus Andersson an den Triumph von Kairo im Juni 1999 hat? Dem ehemaligen schwedischen Weltklasse-Spielmacher fällt erst einmal eine Anekdote von der Siegerehrung durch den damaligen ägyptischen Staatspräsidenten Husni Mubarak ein: „Bevor unser Kapitän Stefan Lövgren ihm die Hand schüttelte, griff er – natürlich völlig unabsichtlich – noch einmal in die Harzdose“, sagt der 54-Jährige mit einem Schmunzeln. Dieser WM-Coup vor gut 21 Jahren bleibt so oder so haften – es war der letzte von insgesamt vier WM-Titeln der schwedischen Nationalmannschaft.

Schweden überrascht

Und natürlich werden vor dem Halbfinale an diesem Freitag (17.30 Uhr/Eurosport) zwischen Schweden und Frankreich am gleichen Ort des Geschehens nicht nur Erinnerungen an einen klebrigen Händedruck wach. Das aktuelle Drei-Kronen-Team weckt durch seine herzerfrischenden Auftritte bei dieser WM in der Heimat wieder Euphorie. „Dass das Team in Ägypten so einen überragenden Handball spielt, kommt für alle in Schweden schon überraschend“, sagt Magnus Andersson. Der Ex- Spieler des TuS Schutterwald in den 1990er Jahren, Trainer von Frisch Auf Göppingen (2014 bis 2017) und aktuelle Coach des FC Porto gehörte zum Team der goldenen Generation.

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Zwischen 1986 und 2002 standen die Schweden mit Ausnahme von Olympia 1988 bei allen großen Turnieren unter den besten Vier und gewannen sechs Gold-, fünf Silber- und zwei Bronzemedaillen. Berühmte Namen wie Magnus Wislander, der zum Welt-Handballer des 20. Jahrhunderts gekürt wurde, Staffan Olsson oder Ola Lindgren prägten diese einzigartige Ära. Keine andere Nation war im Welt-Handball über einen solch langen Zeitraum konstant so erfolgreich – nicht einmal der sechsmalige Weltmeister Frankreich.

Viele Ausfälle

Das aktuelle schwedische Team hat keinen so dermaßen herausragenden Weltklassespieler. Zudem fehlen Topleute wie Kim Ekdahl Du Rietz (Karriereende), Andreas Nilsson (Telekom Veszprem) sowie die Bundesligagrößen Lukas Nilsson, Mikael Appelgren (beide Rhein-Neckar Löwen) und Niclas Ekberg (THW Kiel), die auf eine Teilnahme verzichteten. Umso überraschender kommen die Auftritte bei der WM. Ganz besonders beeindrucken die Schweden durch ihre Abwehr. Sie sind bemerkenswert flink auf den Beinen. Zudem präsentiert sich Torwart Andreas Palicka von den Rhein-Neckar Löwen als der große Rückhalt der recht jungen Mannschaft. „Ich erlebe gerade meine beste Zeit auf dem Parkett“, sagt der 34-Jährige, „ich bekomme verdammt viel Motivation und Energie von den Jungs.“

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Diese überragende Hintermannschaft nutzen die Schweden über ihre traditionell pfeilschnellen Außen zu vielen Tempogegenstoßtoren. Reicht es mal nicht zu Treffern über die erste und zweite Welle, richtet es im Positionsangriff der Chef im Team: Jim Gottfridsson – Champions-League-Sieger 2014 und deutscher Meister 2018 und 2019 mit der SG Flensburg-Handewitt – ist Gehirn und Vollstrecker des schwedischen Teams in Personalunion. An der Seite des 28-Jährigen wächst im Rückraum auch Jonathan Carlsbogard (25) vom Bundesligisten TBV Lemgo bei diesem Turnier über sich hinaus. „Er ist für mich die Entdeckung dieser WM, er hatte davor erst ein Länderspiel absolviert“, sagt Magnus Andersson.

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Reift da unter dem norwegischen Trainer Glen Solberg (48) eine neue goldene Generation heran, die aus dem Schatten ihrer berühmten Vorgänger treten kann? Der ehemalige Spielmacher tut sich schwer mit der Beantwortung dieser Frage: „Das kann man schlecht vergleichen, zu unserer Zeit spielten drei, vier Nationen um die Titel, inzwischen herrscht an der Weltspitze eine viel, viel größere Breite“, relativiert Andersson. Warum es so gut läuft, steht für ihn aber fest: „Die Spieler sammeln in der stärksten Liga der Welt eben wertvolle Erfahrungen.“ Er spricht von der Bundesliga, in der elf Spieler des schwedischen Kaders ihre Brötchen verdienen.

Traumendspiel gegen Dänemark

Ob es zum Sprung in Finale reicht? „Die Franzosen haben die höhere individuelle Klasse, aber wir können locker aufspielen, das ist ein Riesenvorteil“, sagt Andersson. Sein Traumendspiel wäre Schweden gegen Titelverteidiger Dänemark, das im zweiten Halbfinale an diesem Freitag (20.30 Uhr/Eurosport) auf Europameister Spanien trifft. „Da würde ganz Skandinavien Kopf stehen“, prognostiziert der frühere Frisch-Auf-Coach. Und bei der Siegerehrung würde ihm am Fernseher garantiert die Anekdote vom klebrigen Händedruck ein Schmunzeln ins Gesicht zeichnen.

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