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Schweiz Tanz auf der Pfeife

Laax - ein Paradies für Snowboarder. Foto: Henrichs
Laax - ein Paradies für Snowboarder. Foto: Henrichs

Chillig statt billig: In Laax treffen sich all diejenigen, für die das Brett die Welt bedeutet.

"Habt Spaß!", ruft uns der junge Mann mit der roten Wollmütze nach, als uns der Postbus vor dem Hotel absetzt. Spaß haben? Nichts leichter als das! Denn wir sind soeben in Laax ausgestiegen. Mit Sack und Pack und Snowboardbag.

Und, Hand aufs Herz: Wo ließe sich mit einem Snowboard leichter Spaß haben als in Laax? Dem Örtchen in den Bündner Bergen, dem der Ruf vorauseilt, Pilgerstätte zu sein. Zufluchtsort für alle, die mit Schickimicki, DJ Ötzi und Après-Ski-Beschallung nichts anfangen können. Aber woher rührt er, dieser Ruf? Und was ist dran?

Wir wollen es wissen. Also schnappen wir uns unsere Bretter, begeben uns auf Spurensuche. Sie beginnt dort, wo so gut wie alle Entdeckungstouren im Gebiet Flims-Laax-Falera ihren Anfang nehmen: Am Crap Sogn Gion, dem zentralen Ausgangspunkt für Erkundungstouren der 220 Pistenkilometer, die dieses Skigebiet zu bieten hat. Hier, auf 2228 Meter, treffen sich nicht nur die meisten der 28 Liftanlagen, sondern auch die Leute, für die ein Brett die Welt bedeutet: Snowboarder. Scharenweise.

Erst recht, wenn die Burton European Open (BEO) anstehen, das wichtigste Snowboard-Event im Alpenraum, das nach dem Willen seiner Macher nicht nur Wettkampf sein soll, sondern auch ein Volksfest für die Freestyle-Freunde. Alle also, die ihr Brett nicht nur zum Fahren nutzen, sondern sogar damit fliegen können. Und dabei Dinger drehen, von denen Sonntagsfahrer wie wir nicht einmal zu träumen wagen.

Die spinnen, die Pros! So heißt das, wenn die Profis, die ihr Preisgeld im Flug verdienen, beim Freestylen in die Luft gehen und sich dabei kunstvoll um die eigene Achse drehen. Nein, keine Sorge! Die Jungs und Mädels, die hier in der Halfpipe an den Start gehen, sind keine verrückten Freaks. Und doch ständig am Rotieren. Ein-, zwei-, dreimal um die eigene Achse – und fertig ist der Trick.

Der beste Platz, um ihnen dabei zuzusehen, ist ein Café namens No Name. Ein Laden, wie es in der ganzen Schweizer Bergwelt keinen zweiten gibt, mit allerbestem Halfpipeblick. Aus den Boxen wummern die Bässe: "I love Rock ’n’ Roll" als HipHop-Remix. Eine halbe Etage tiefer rocken die Fahrer in der Pipe. Fliegen so nah vorbei, dass sie einem in den Cappuccino spucken könnten, wenn sie wollten.

Völlig normal am Crap, dem Dreh- und Angelpunkt der örtlichen Snowboardszene, die in diesen tollen Feier-Tagen noch internationaler ist als sonst. Kehliges Schwyzerdeutsch mischt sich auf der Terrasse mit australischem Englisch zu einem ziemlich sexy Sprachmischmasch. Wen wundert’s? Schließlich sind fast alle gekommen, die im Berufssnowboarden Rang, Namen oder etwas zu sagen haben: 400 Fahrer nebst Gefolge. Um zehn Jahre BEO zu feiern. Und sich feiern zu lassen. Von denen, die von ebenso weit herkommen, um ihnen beim Tricksen zuzusehen.

Wenn sie nicht gerade spinnen, geben sie sich ganz bodenständig. Allen voran der Mann, ohne den es all das hier nicht gäbe: Jake Burton, 55, Gründer und Inhaber der gleichnamigen Snowboardmarke, bis heute Weltmarktführer. Wenn der Gründervater des modernen Snowboardens schlurfenden Schrittes das Podium betritt, um die Paradiesschecks mit den Dollarzeichen unter lautem Gejohle unter die Fahrer zu bringen, dann nehmen sogar gestandene Snowboard-Pros auf dem Siegertreppchen Haltung an. Pflichtbewusst heben sie die behandschuhten Hände. Für einen Riesenapplaus für "Mistaaaaa Jake Burton".

Dem kommt der Rummel um seine Person sichtlich ungelegen. Schulter- und Sprücheklopfen ist seine Sache nicht. Er zieht es vor, sich – getarnt hinter Schneebrille und der obligatorischen Strickmütze – unters snowboardfahrende Volk zu mischen. Und zusammen mit Olympiasieger Shaun White, nach wie vor das beste Pferd im hauseigenen Fahrerstall, inkognito gen Tal abzureiten. Wer will ihnen das verdenken? Die vermutlich breitesten Pisten der Schweiz sind auch für einen wie Burton, der nach eigenen Angaben pro Jahr genau 106 Tage auf dem Brett verbringt, zu sexy, als dass er sie links liegen lassen könnte.

Was aber macht Laax sonst noch so anziehend für Snowboardfans aus aller Welt? Womöglich die Tatsache, dass es fast ohne all das auskommt, was Boarder von Haus aus gar nicht gerne haben: ellenlange Ziehwege etwa, die auch den versiertesten Fahrer unfreiwillig zum Fußgänger machen. Oder hyperaktive Liftdrängler, die einem mit ihren Skistöcken das Deck des geliebten Bretts zerkratzen. So was kommt in Laax nicht vor.

Stress? Macht hier kein Mensch. Stattdessen alles sehr entspannt, geradezu relaxed. Meint auch US-Boy Danny Davis, der Gewinner des Slopestyle-Wettbewerbs, der das extrabreite Siegergrinsen für diesen Tag gar nicht mehr aus dem Gesicht bekommt und nur lobende Worte für Laax und seinen "einzigartigen Geist" findet.

Der gute Geist von Laax, er kommt nicht von ungefähr, sondern ist Ergebnis harter Arbeit. Wer wissen will, warum Snowboarden den Sprung von der freakigen Trendsportart zur touristischen Massenbewegung geschafft hat, sollte sich mal mit Reto Gurtner unterhalten. So heißt der Mann, der in der Casa Prima, dem Hauptquartier der Weißen Arena AG, hinter futuristischen Designkulissen die Fäden zieht. Unter seiner Regie hat sich Laax über die Jahre hinweg entwickelt: Vom stillen, exklusiven Alpenort, das nur Kenner kannten, zum gelobten Land der Brettartisten.

Während Resorts anderswo Anfang der 90er-Jahre Snowboarder noch als potenzielle Pistenrowdies ansahen und ihre Liftspuren vor ihnen verbarrikadierten, hat Gurtner früh das Potenzial der damals jungen Sportart erkannt. Und für die entsprechende Infrastruktur gesorgt. Das Ergebnis: Vier irrwitzig große Funparks für alle Könnerstufen. Und eine erdverlegte Monster-Pipe, die mit ihren 6,3 Meter hohen Seitenwänden und einer Länge von 140 Metern ihrem Namen alle Ehre macht. Erfolgsgarant einer Destination, die sich nicht billig, sondern vor allem chillig verkauft.

Der Erfolg gibt ihm Recht. Wenn die Grünschnäbel in Neonhosen, die im Park unterhalb des Cafés No Name ihre ersten großen Sprünge machen, und gestandene Pros sich nach einem erfüllten Tag auf den Holzbänken des Parkcafés mit einem gleichermaßen glücklichen wie verzückten Lächeln gegenübersitzen, wenig sagen und das Ende des perfekten Tags in Laax genießen, dann ist sie wahr, die Vision von der ewig jugendlichen, generationsübergreifenden Subkultur. Wenigstens für ein paar Sonnenstunden über der Wolkendecke, frei von Kummer und alltäglichen Verpflichtungen. Und wir? Haben das gute Gefühl, nicht nur dabei zu sein, sondern dazu zu gehören zur großen Laaxer Freestyle-Family.

Es ist eine fast allzeit gut gelaunte Spaßgesellschaft, die zum Lachen bereitwillig in den Keller geht. In den des Riders Palace. "Better beer, better music, easier girls" – besseres Bier, bessere Musik, leichtere Mädchen – verspricht die grell blinkende Neontafel, die die Leute von der Bar ins Untergeschoss des Designhotels locken soll, wo beim Auftritt von der Band The Streets die eigentliche Party abgeht. Wo es die Pros nach getaner Artistik krachen lassen – und die Puppen dazu tanzen. Zumindest bis zum nächsten Morgen. Oder gerne auch bis nächstes Jahr.

Info 11. Burton European Open: 9. bis 16. Januar 2010 in Laax. Infos unter http://www.opensnowboarding.com.

Unterkunft: Riders Palace, Talstation Laax-Murschetg, Telefon 00 41 / 81 927 97 00, http://www.riderspalace.ch), fünf Nächte im Boarder-Hotel inklusive Skipass ab 173 Euro im Etagenbett oder ab 554 Euro in der Multimediasuite. Wer lieber auf dem Berg wohnt, logiert im Crap Sogn Gion Mountain Hostel (Tel. 00 41 / 81 / 9 27 73 73) ab 300 Euro pro Person für drei Nächte inklusive Liftticket.

Allgemeine Auskunft: Schweiz-Tourismus, Telefon 00 800 /100 200 30, Internet http://www.myswitzerland.com; http://www.laax.com.

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