Sechzig Jahre Documenta Immer am Puls der Zeit

Bei der ersten Documenta im Jahr 1955 begrüßten Künstlerporträts im Eingangsbereichdie Besucher des Friedericianum. Foto: Günther Becker
Bei der ersten Documenta im Jahr 1955 begrüßten Künstlerporträts im Eingangsbereichdie Besucher des Friedericianum. Foto: Günther Becker

Die Documenta feiert ihr sechzigjähriges Bestehen. Ein Jubiläumsband lässt die Geschichte der Kasseler Kunstausstellung Revue passieren.

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Stuttgart - Die documenta ist ohne Zweifel die weltweit wichtigste Ausstellung für Gegenwartskunst.“ So steht es auf dem Cover eines zum sechzigjährigen Bestehen der Ausstellung erschienenen Bandes und fast gleichlautend in den jeweils ersten Sätzen des Herausgebers Hans Eichel, des Kurators der nächsten Ausgabe, Adam Smyczyk, und noch eines weiteren Beitrags. So viel monstranzartig vorangetragene Wichtigkeit reizt zum Widerspruch: Gibt es nicht auch noch die Biennale von Venedig? Ist Kassel auch für Städte wie Asunción oder Port au Prince, wo in jüngster Zeit neue Biennalen der Gegenwartskunst entstanden sind, wirklich wichtiger als São Paulo? Die dortige Biennale, vier Jahre älter als die Documenta, hat sich zuletzt mit dem Konzept, nicht Kunstwerke, sondern Konflikte zu thematisieren, weiter auf nicht abgesichertes Terrain vorgewagt.

Was als wichtig erachtet wird und was nicht, ist offenbar eine Frage des Standpunkts. Von Kassel aus gesehen, ist die Documenta zweifellos das Ereignis schlechthin. Und es steht außer Frage, dass es sich schon beim ersten Mal an um die größte Ausstellung moderner Kunst in Deutschland handelte. 130 000 Besucher: das waren fast doppelt so viele wie neun Jahre zuvor bei der Allgemeinen Deutschen Kunstausstellung in Dresden. Was der Vergleich allerdings auch zeigt: dort waren Künstler aus allen vier Besatzungszonen beteiligt. In Kassel ging es dagegen um die Gegenwartskunst Westeuropas und der USA.

Documenta: der Name besagt, dass die Ausstellung 1955 als Teil einer Bundesgartenschau die „abendländische Kunst des 20. Jahrhunderts“ dokumentieren sollte. Dies war die Idee Arnold Bodes und seines Mitstreiters Werner Haftmann, der erst im Vorjahr sein großes Werk über „Die abendländische Malerei des 20. Jahrhunderts“ veröffentlicht hatte. Gemeint war nicht etwa alle Kunst, sondern die von den Nationalsozialisten verfemte Moderne. Es ging denn auch weniger um das Abendland an sich, als vielmehr, wie der Documenta-Historiker Harald Kimpel meint, eigentlich um die Wiedereingliederung westdeutscher Künstler in den Kunstbetrieb der „freien Welt“: eine vorrangig deutsche und dann immer mehr nordatlantische Perspektive.

Alle noch lebenden Documenta-Leiter sind vertreten

1959 kamen nämlich die Amerikaner hinzu. Ihren Teil kuratierten nicht Bode und Haftmann, sondern Porter McCray, der Direktor des internationalen Programms des Museum of Modern Art in New York. Ja, Bode musste sein Konzept ändern, denn bei aller Verwandtschaft zwischen dem europäischen Informel und dem amerikanischen abstrakten Expressionismus ließen sich die Werke nicht zusammen ausstellen: Neben den riesigen Leinwänden eines Jackson Pollock, Mark Rothko oder William De Kooning hätten Arbeiten von Wols, Ernst Wilhelm Nay oder Fritz Winter allzu unscheinbar ausgesehen.

Stand die zweite Documenta ganz im Zeichen der Abstraktion, so kam auf der vierten 1968, erstmals ohne Werner Haftmann, die Pop Art zum Zug. Fluxus und Happening blieben außen vor, wogegen Wolf Vostell mit einem Anti-Documenta-Hearing protestierte. Umso prominenter standen diese Richtungen, wie auch der Wiener Aktionismus, die Konzeptkunst und der Fotorealismus, 1972 auf dem Programm, für das erstmals nicht Bode, sondern Harald Szeemann verantwortlich zeichnete. Zwischen der sechsten und achten Ausgabe 1977 und 1987, beide unter der Leitung von Manfred Schneckenburger, tobte ein Kampf um die Neuen Medien. Catherine David legte 1997 den Grund für eine Re-Politisierung. Okwui Enwezor steht, schon aufgrund seiner Herkunft, für eine globale Weitung der Perspektive: Nichts davon war zum jeweiligen Zeitpunkt ganz neu, doch es gehört zu den unbestreitbaren Verdiensten der Kasseler Ausstellung, dass sie es über die Jahrzehnte hinweg geschafft hat, den nicht unbeträchtlichen Veränderungen auf dem Gebiet aktueller Kunst immer wieder zu folgen.

Alle noch lebenden Documenta-Leiter von Schneckenburger an sind in dem Jubiläumsband vertreten: zum Teil mit Zweitdrucken oder Interviews, die bei sehr unterschiedlichem Umfang dennoch einen interessanten Überblick bieten. Zwei der vier übergreifenden Kapitel beschäftigen sich mit Arnold Bode und seinen über die Documenta hinausgreifenden Projekten sowie mit der Documenta-Stadt Kassel. Im letzten Kapitel machen sich unter anderem Annette Kulenkampff, heute Documenta-Geschäftsführerin, früher Leiterin des Hatje-Cantz-Verlags und Verwaltungsratsvorsitzende des Württembergischen Kunstvereins, und Adam Smyczyk Gedanken über die Zukunft der Ausstellung. Smyczyk hat, aus Anlässen die aktueller nicht sein könnten, Athen zum zweiten Austragungsort erkoren. Im einzigen Beitrag in englischer Sprache leitet er diese Entscheidung ab aus der langen Geschichte der Documenta.

60 Jahre documenta. Die lokale Geschichte einer Globalisierung.
Herausgegeben von Hans Eichel, B & S Siebenhaar Verlag, Kassel, Berlin, 256 Seiten, 19.80 Euro.




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