Selbstporträts in Waiblingen Die Gesichter hinter den Kunstwerken

Der afrikanische Fotograf Samuel Fosso ist auf diesem Bild links  in die Rolle des im Jahr 1956  verhafteten Aktivisten Martin Luther King geschlüpft. Foto: Gottfried Stoppel 7 Bilder
Der afrikanische Fotograf Samuel Fosso ist auf diesem Bild links in die Rolle des im Jahr 1956 verhafteten Aktivisten Martin Luther King geschlüpft. Foto: Gottfried Stoppel

Kollwitz, Mapplethorpe, Dix und andere: sie malen, zeichnen, fotografieren, bleiben selbst aber meist unsichtbar. Nun zeigt die Galerie Stihl Waiblingen ihre Selbstporträts.

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Waiblingen - Ein Gemälde von Karl Schmidt-Rotluff, eine Radierung, geschaffen von Käthe Kollwitz – die meisten Menschen haben da irgendein Bild im Kopf. Wie die Künstlerinnen und Künstler selbst aussahen, das wissen hingegen wohl die wenigsten. Ein Gang durch die neue Ausstellung in der Galerie Stihl Waiblingen schafft da Abhilfe. Unter dem Titel „Ich. Zwischen Abbild und Neuerfindung“ sind dort von 16. Oktober an rund 90 Selbstporträts verschiedenster Gattungen – überwiegend Fotografien, Radierungen, Lithografien und Zeichnungen, aber auch Objekte und Videoinstallationen – aus der Zeit von etwa 1900 bis in die Gegenwart zu sehen. Der Großteil der Arbeiten stamme aus der Sammlung von Leonie von Rüxleben, erläutert die Ausstellungsmacherin Stephanie Machowetz. Die Palette der Dargestellten reicht von A wie Marina Abramovic´ und Max Ackermann über Robert Mapplethorpe und Udo Lindenberg bis zu Z wie Hans-Joachim Zeidler.

Chagall glänzt mit blauer Lockenmähne

Wer durch die Ausstellung geht, merkt schnell: Das Selbstporträt ist komplexer als zunächst gedacht, die Spanne reicht tatsächlich vom Abbild bis zur Neuerfindung. Mal dient das Porträt dazu, die eigene Person als arrivierten Künstler in Szene zu setzen, wie etwa im Falle von Max Liebermann, der sich mit selbstbewusstem Blick aus dem Bilderrahmen schauen lässt. Mal ist das Selbstporträt ein Experimentierfeld und Mittel für den Kunstschaffenden, verschiedene Techniken einzuüben. Bei anderen ist es ein Rückblick auf das eigene Leben, beispielsweise im Selbstbildnis von Marc Chagall, der sich in den 1960er Jahren mit einer blauen Lockenmähne zwischen einem Esel, einem Obstkorb und einer Dame mit Farbpalette als Allegorie der Malerei darstellte. Hans-Joachim Zeidler wiederum hat im „Selbstbildnis als Lithograf“ sein Gesicht passenderweise aus Elementen wie Steindruckplatten, Walzen und Papierbögen zusammengebaut.

Horst Janssen hat sich mehr als 2000 Mal selbst gemalt

Der Künstler Horst Janssen gehörte vermutlich zu den fleißigsten Selbstporträtmalern. „Er hat mehr als 2000 Selbstbildnisse angefertigt“, sagt die Kuratorin Stephanie Machowetz, habe sich dabei aber nie in beschönigender Weise dargestellt. Die Ausstellung in Waiblingen zeigt eine Arbeit mit dem Titel „In sich selbst verliebt“, eine extreme Nahansicht von Janssens Gesicht. Von Raoul Hausmann ist bei der Fotografie „Blick in den Rasierspiegel“ gar nur ein riesiges Auge zu erkennen. Auch die Malerin Paula Modersohn-Becker schuf trotz ihres frühen Todes im Alter von 31 Jahren zahlreiche Selbstporträts, aber ebenso Porträts anderer Menschen. Auch sie habe diese Bildnisse nie beschönigt, berichtet Stephanie Machowetz, das habe ihr bisweilen den Zorn der Gemalten eingebracht.

Je weiter es ins 20. Jahrhundert geht, desto mehr Frauen treten in der aktiven Rolle der Künstlerin statt der passiven Muße oder Porträtierten in Erscheinung. Der Rollenwechsel, das Hinterfragen von Geschlechterrollen und Stereotypen spielt in etlichen Exponaten eine Rolle. Sarah Lucas etwa ist mit vier Fotos zu sehen, auf denen sie breitbeinig in einem Sessel lümmelt, die Körpersprache betont männlich, der Blick herausfordernd. Auf jeder Brust trägt sie ein Spiegelei.

Sarah Lucas: auf jeder Brust ein Spiegelei

Robert Mapplethorpe wiederum hat sich für sein Fotoporträt weiblich geschminkt und eine ausladende Pelzstola um seine Schultern drapiert. Geschlechterrollen sind auch Cindy Shermans Thema: Auf einem Bild präsentiert sie sich als flotter Arzt im weißen Kittel, der selbstbewusst, fast draufgängerisch in die Kamera schaut. Daneben hängt ein weiteres Porträt mit Sherman, hier als Krankenschwester in Uniform, mit Häubchen im Haar und naiv-devotem Gesichtsausdruck.

Der nigerianische Fotograf Samuel Fosso wechselt nicht das Geschlecht, er schlüpft in die Rolle von Promis und eignet sich deren berühmte Porträts an. In Waiblingen hängt ein Bild aus der Serie „African Spirits“, einer Hommage an all jene, die sich für Freiheit und Rechte von Schwarzen einsetzten. Fosso stellt das Erfassungsfoto nach, das die Polizei im Zuge der Verhaftung von Martin Luther King am 2. Februar 1956 aufgenommen hatte. Fosso alias King, weißes Hemd, Krawatte, dunkler Anzug, schaut grimmig in die Kamera, ein Schild mit der Nummer 7089 baumelt um seinen Hals.

Samuel Fosso mimt Martin Luther King

Ein Hingucker ist auch die Serie von acht Porträts, die Juan Pablo Echeverri mit einer Kamera von sich angefertigt hat. Allerdings erst, nachdem er Kopf und Gesicht an verschiedenen Stellen mit einem durchsichtigen Klebeband verändert hatte. Der Effekt ist erstaunlich, aus einem Gesicht werden so acht ganz unterschiedliche.

So mancher Künstler, manche Künstlerin, treibt es noch ein Stück weiter – und ist auf dem Selbstporträt gar nicht mehr ohne Weiteres zu erkennen. Beispiele dafür liefert der mit der Frage „Wer bin ich“ überschriebene Bereich. Christiane Möbus hat ihre Füße fotografiert, der Titel: „Schuhgröße 40“. Von John Coplans sind nur der Rücken und die beiden Hände zu sehen. Thorsten Brinkmann steht als Skulptur in der Galerie, er trägt eine Jeans, an den Füßen Turnschuhe. Wie der Künstler aussieht, bleibt ein Geheimnis: Über Kopf und Oberkörper hat Brinkmann einen großen Karton gestülpt.

Selbstbildnisse: Selfies mit Stift, Papier und Klebestreifen

Kunstvermittlung
 Zum ersten Mal seit Beginn der Coronapandemie kann die Kunstschule nun wieder ein Programm wie sonst üblich anbieten – dazu gehören Kurse für Drei- und Vierjährige, die Hand- und Fußabdrücke machen dürfen, ebenso wie Angebote für Schüler ab der Klasse 8, die Selbstporträts zeichnen, drucken oder als Scherenschnitt erstellen beziehungsweise ein persönliches Moodboard, ein Stimmungsbild in Form einer Collage, anfertigen können.

Projekttag
 „Ich anders“ heißt das Angebot, das für Schülerinnen und Schüler ab der Klasse 5 geeignet ist und bei dem diese in die Rolle einer Person auf einem berühmten Gemälde schlüpfen, sich entsprechend ausstaffieren und dann in der Pose fotografieren lassen können. Die Angebote der Kunstschule Waiblingen findet man auf deren Internetseite.

Mehr zum Programm www.kunstschule-rems.de




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