Serie: Orte der Macht Die große Bühne der deutschen Finanzpolitik

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Einst zelebrierte hier das NS-Regime seine Feierlichkeiten. Dann ging von hier aus eine Lüge um die Welt. Heute treten hier die bekanntesten Gesichter der Finanzpolitik auf.

Der Matthias-Erzberger-Saal im Bundesfinanzministerium hat schon etliche historische Momente erlebt Foto: BMF
Der Matthias-Erzberger-Saal im Bundesfinanzministerium hat schon etliche historische Momente erlebt Foto: BMF

Berlin - Die Decke ragt in neun Meter Höhe, durch die große Fensterfront fällt viel Tageslicht ein. An die 300 Personen fasst der größte Raum im Bundesfinanzministerium: der Matthias-Erzberger-Saal. Der geschichtsträchtige Raum im Bundesfinanzministerium ist die Bühne der deutschen Finanzpolitik. An diesem Ort tritt Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) regelmäßig vor die Presse und erklärt seine Entscheidungen: Ob die Steuereinnahmen in der nächsten Zeit sprudeln oder schwach ausfallen, wird im ersten Stock des Finanzministeriums verkündet. Hier gibt der Minister auch bekannt, ob das mühsame Ringen um Reformen in den Finanzbeziehungen von Bund und Ländern zu einem Ergebnis geführt hat. Einmal im Jahr baut auch der Zoll Exponate auf, und die Beamten erklären, in welchen Verstecken sie auf Drogen und Schwarzgeld gestoßen sind. Was hier gesagt und gezeigt wird, wird in Bildern und Berichten festgehalten.

Bekannte Gesichter der internationalen Finanzpolitik

Besonders großer Andrang herrscht, wenn sich ausländische Regierungsvertreter ankündigen. Dann verfolgen nicht nur die Reporter deutscher Medien das Geschehen, sondern es erscheinen auch viele ausländische Journalisten. In diesem Saal sind viele bekannte Gesichter der Finanzpolitik aufgetreten: Christine Lagarde, die geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), war mehrfach zu Besuch. Auch die Finanzminister von Frankreich, Spanien oder den USA gehören zu den regelmäßigen Gästen. Sie sitzen zusammen mit dem Hausherrn auf einem kleinen Podium, geben Erklärungen ab und beantworten Fragen. Was hier gesagt wird, interessiert die Finanzmärkte. Manchmal wird auch ein etwas Weltpolitik gemacht. Das war etwa im Frühjahr der Fall, als der damalige griechische Finanzminister Gianis Varoufakis mit Schäuble zusammentraf. Nach der Unterredung gaben die Finanzminister hier ihre Statements ab. „Wir sind uns einig, dass wir uns nicht einig sind“, sagte Schäuble damals. Der Satz reichte über die Tagespolitik hinaus.

An der Wand, vor der heute die Finanzpolitiker Rede und Antwort stehen, hing vor 80 Jahren ein überdimensionierter Reichsadler samt Hakenkreuz. Den Gebäudekomplex an der Berliner Wilhelmstraße ließ der Luftfahrtminister Hermann Göring 1935 errichten. Bis zum Richtfest vergingen nur zehn Monate. Es entstand ein Gebäudekomplex mit 1700 Räumen, der in seiner Grundstruktur fast unverändert geblieben ist. Der „Große Festsaal“ mit seiner pompösen Ausstattung und einer Orgel an der Rückwand diente den Nationalsozialisten als Veranstaltungsort. Hier wurden Beförderungen gefeiert, Auszeichnungen verliehen und Dienstbesprechungen in großer Runde abgehalten. Auch Trauerfeiern für hochrangige Militärs fanden hier statt.

Hier fiel Walter Ulbrichts historischer Satz

Heute interessierten sich viele Besucher vor allem dafür, welche Rolle das Gebäude in der NS-Zeit spielte, erzählt Uwe Pakull vom Leitungsstab Besucherdienst. Zusammen mit seinen Kollegen bringt er den Gästen das Haus und seine Geschichte nahe. Jedes Jahr betreut das Bürgerreferat 18 000 Besucher. Auch aus der Zeit nach 1945 gibt es viel zu erzählen. In der DDR-Zeit befand sich in dem mächtigen Koloss das Haus der Ministerien. Bei einer internationalen Pressekonferenz 1961 sagte der Staatsratsvorsitzende der DDR, Walter Ulbricht, hier den historischen Satz: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“

Nach der Wiedervereinigung arbeitete an diesem Ort die Treuhandanstalt. Minister Schäuble hat den Versuch unternommen, mit musikalischen Veranstaltungen die leidvolle Geschichte des Hauses in Erinnerung zu rufen. Im Jahr 2011 wurde der „Große Saal“ in „Matthias-Erzberger-Saal“ umbenannt. Damit will das Ministerium an den Reichsfinanzminister aus der Weimarer Republik erinnern, der 1919 für den Versailler Friedensvertrag eingetreten ist und zwei Jahre später von Feinden der Republik ermordet worden ist.




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