Serien-Tipp: „For all Mankind“ Russen auf dem Mond

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Historie auf den Kopf gestellt: Die Serie „For all Mankind“ beim Streamingdienst Apple TV+ erzählt, wie die USA das Wettrennen im Weltall verlieren und wie die Nasa reagiert.

Der US-Astronaut Baldwin (Joel Kinnaman) übt noch auf der Erde, die Sowjet-Kosmonauten hüpfen schon über den Mond. Foto: Apple TV+ 6 Bilder
Der US-Astronaut Baldwin (Joel Kinnaman) übt noch auf der Erde, die Sowjet-Kosmonauten hüpfen schon über den Mond. Foto: Apple TV+

Stuttgart - Diese Bilder kennen wir: Ganz Nordamerika – und jenseits der USA ein ansehnlicher Teil der Welt – starrt gebannt auf Fernsehschirme. Ein paar Hunderttausend Kilometer von der Erde entfernt schickt sich ein zerbrechliches Raumfahrzeug an, auf der Mondoberfläche zu landen, und zwar keine Sonde, sondern ein bemanntes Modul. Die ersten Menschen werden, wenn alles gut geht, gleich den Mond betreten.

Hammer und Sichel im Weltall

So kennen wir diese Bilder dann aber doch nicht: In Kneipen, Wohnzimmern, Büros und im Kontrollzentrum der US-Raumfahrtbehörde Nasa in Houston schauen die Menschen eher deprimiert als stolz auf die Bildschirme. Die Serie „For all Mankind“ beim Streamingdienst Apple TV+ scheint nämlich nur in der ersten ­Sekunde eine Jubiläumshuldigung ans Team von Apollo 11, Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins zu sein, das vor 50 Jahren ein Sternenbanner auf die Mondoberfläche pflanzte.

Armstrong, Aldrin und Collins befinden sich hier 1969 immer noch auf der Erde. Die westliche Welt schaut in „For all Mankind“ gebannt und auch ein wenig furchtsam russischen Kosmonauten zu. Die Sowjetunion gewinnt gleich zu Beginn der ersten Folge den Wettlauf zum Mond. Hammer und Sichel grüßen nun aus dem All, die Überlegenheit des real vorandrängenden Sozialismus scheint mit unwägbaren politischen Folgen bewiesen.

USA im Schockzustand

Einer der faszinierenden Aspekte dieser Serie ist die Disziplin, mit der sie sich an den bekannten Bildern und den verbürgten Fakten entlanghangelt, statt bloß eine Alternativ-Historien-Idee hinzuschlenkern und dann in bequemer Freiheit eine eigene Welt zu entwerfen. So wie hier gezeigt könnte man sich eine USA unter der Regentschaft Richard Nixons im Schockzustand vorstellen. Tatsächlich hat man umso mehr Spaß beim Schauen, je mehr man über die Verhältnisse von damals weiß, je mehr Variationen der historischen Details einem auffallen. Wobei, auch das ist erstaunlich gut gelöst, die Geschichte sogar dann spannend und unterhaltsam bleibt, wenn man etliche kleine Spitzen – ein unter Erfolgsdruck stehender Nixon etwa beendet den Vietnamkrieg weit früher als in der Realität – als Nachgeborener nicht bemerkt.

Das Autorentrio Ronald D. Moore (einer der Verantwortlichen für die Neuauflage von „Battlestar Galactica“), Ben Nedivi und Matt Wolpert (sie haben bei „Fargo“ und „Umbrella Academy“ zusammengearbeitet) zeigt viel Gespür fürs Thema Weltraum-Wettrennen, für die relativ kleine, aber medienträchtige und traumbefeuernde Welt der Astronauten, für den Widerspruch von den gloriosen Vorstellungen vom Apollo-Programm draußen im Land und der Realität einer mit vielen Beschränkungen kämpfenden Behörde am kurzen Gängelband der Politik. Einer der Nasa-Astronauten beschreibt den Job so: „Du schnallst deinen Hintern auf eine riesige Menge Sprengstoff – und bekommst bloß ein Beamtengehalt.“

Eiltraining für Frauen

Weniger Glück haben die Showrunner bei der Vorstellung ihrer Figuren. Die bleiben anfangs ein wenig beliebig, und das setzt sich im Weiteren – bislang sind vier Episoden abrufbar – nie ruinös, aber doch irritierend fort. Es gibt beispielsweise einen zweiten Schock für die Amerikaner: Die USA haben noch immer keinen Astronauten auf dem Mond, da bringen die Sowjets eine Kosmonautin dorthin. Die Nasa reagiert nun mit einem Eilprogramm für Astronautinnen, und den Drehbüchern merkt man allzu deutlich an, wer aus der Gruppe der Kandidatinnen für eine größere Rolle vorgesehen ist.

Die atmosphärischen Details aber – die Nasa-Recken fahren alle fesche Sportwagen, aber ihre Stammkneipen in Houston sind das US-Gegenstück zu Kegelbrüderklausen – halten „For all Mankind“ auch in schwächeren Passagen vergnüglich. Vielleicht kommt diese Serie nicht ganz bis zum Mond, aber immerhin ein gutes Stück vom Boden.

Verfügbarkeit: beim Streamingdienst Apple TV+ https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.streaming-tipps-fuer-apple-tv-sechs-apple-serien-gegen-netflix-und-co.e8de7fa8-a856-4769-8913-6329cfbaf8b6.html https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.50-jahre-mondlandung-so-haben-die-stuttgarter-tageszeitungen-berichtet.982cc0ca-caf9-4452-bcee-e87ae82e7914.html