In Julie Delpys komödiantischer Serie „On the Verge“ kämpfen vier Freundinnen in L. A. mit nervigen Männern, existenziellen Fragen und eigenen Unzulänglichkeiten.

Kultur: Bernd Haasis (ha)

Stuttgart - Vier Mütter mit sehr unterschiedlichen Problemen bahnen sich ihren Weg durchs Dickicht des Daseins: Julie Delpy zeichnet in ihrer Netflix-Serie „On the Verge“ ein sehr zeitgemäßes Bild von neurotischen Großstadtmenschen zwischen Karriere und Familie.

Die Story in drei Sätzen Die erfolgreiche Köchin Justine (July Delpy) mit eigenem Restaurant ringt mit der Eifersucht ihres erfolglosen Architekten-Mannes, die alleinerziehende Ell (Alexia Landeau) beginnt aus Geldnot mit ihren drei Kindern von unterschiedlichen Vätern eine Reality-Sitcom, Yasmin (Sarah Jones) erdrückt ihre Familie mit paranoider Sorge und geheimnisvollen Verpflichtungen aus einem früheren Leben, die von Haus aus betuchte Anne (Elisabeth Shue) leidet unter der Gönnerhaftigkeit ihrer Mutter und der mangelnden Einfühlsamkeit ihres Partners George.

Die Schöpferin Julie Delpy ist seit ihrem Auftritt in Richard Linklaters Paar-Drama „Before Sunrise“ eine Lieblings-Französin der Amerikaner. Seit Ende der Nullerjahre führt sie selbst Regie, widmet sich gerne komödiantisch Beziehungen („Lolo – drei ist einer zuviel“) und Culture-Clash-Geschichten („2 Tage New York“).

Wer soll das anschauen?Frauen und Mütter, die manchmal glauben, in den Alltagswirren verrückt zu werden, Männer, die sich manchmal fragen, ob sie vielleicht etwas damit zu tun haben – und alle, die L.A. trotz allem lieben.

Anspielungen „On the Verge“ heißt „am Rand“, und es liegt nahe, dass Julie Delpy an Pedro Almodóvars irrwitziger Komödie „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ (1988) dachte. In einer Szene begegnet Justine, gespielt von Julie Delpy selbst, einer alternativen Julie Delpy, die als entrückter Filmstar in ihr Restaurant kommt und die sie für ein bisschen Social-Media-Werbung zu gewinnen versucht – köstlich.

Szene des Tages Justine sitzt bei der Paar-Therapeutin, ihr unmöglicher Mann Martin (Mathieu Demy) taucht nicht auf und Julie Delpy spielt spielt einen ihrer typischen Ehe-Dialoge vor, von einer Ecke des Sofas in die andere wechselnd.

Die Co-Stars Die Französin Alexia Landeau, noch stärker amerikanisiert als Delpy, ist eine Wucht als total chaotische Ell, die Broadway-Autorin Sarah Jones glänzt als mondäne, völlig paranoide Yasmin, während Elisabeth Shue („Leaving Las Vegas“) als späte Hippie-Frau Anne das Ensemble wohltuend erdet.

Die Songs des Tages In der Titelsequenz erklingt Chilly Gonzales’ verwunschene, vor Ironie triefende Solo-Piano-Fantasie „Oregano“, später besingt die Frauenband Haim in „Los Angeles“ ihre Heimatstadt, als wäre sie eine Karibik-Paradies.

Hysterie-Faktor Zwischendurch übertreibt Delpy es ein wenig mit den Überdrehtheiten, auch wenn Los Angeles all das sicher hergibt. Anders als in anderen Produktionen über kalifornische Vorstadt-Frauen wirken diese vier sehr menschlich und nahbar – Delpy liebt ihre Figuren, auch die weniger liebenswerten.

Note 2-3

Die erste Staffel von „On the Verge“ ist komplett bei Netflix verfügbar.