Serientipp „The Act“ Mama hat alles im Griff

Wie eine Mutter ihre Tochter zur Schwerstkranken macht: „The Act“ beim Amazon-Kanal Starzplay erzählt mit Patricia Arquette und Joey King brillant einen realen Kriminalfall nach.

Dee Dee (Patricia Arquette, li.) hat ihrer Tochter Gypsy (Joey King) die Haare geschoren. Foto: Hulu 9 Bilder
Dee Dee (Patricia Arquette, li.) hat ihrer Tochter Gypsy (Joey King) die Haare geschoren. Foto: Hulu

Stuttgart - Wieder mal herrscht Vollalarm! Die hinfällige Gypsy Lee, geistig auf dem Stand einer Siebenjährigen zurückgeblieben, von Leukämie, Asthma und Muskelschwund in den Rollstuhl gezwungen, hat diesmal einen Softdrink, vielleicht auch ein Eis oder ein Stück Torte in die Finger bekommen. Das kann für die schwer Zuckerallergische tödlich sein. Zum Glück ist – wie in jeder Sekunde von Gypsys Leben – Mutter Dee Dee in nächster Nähe. Die reißt ihre Tochter in der ersten Folge der achtteiligen Hulu-Serie „The Act“, die hierzulande beim Amazon-Channel Starzplay abgerufen werden kann, heraus aus dem Fest in der neuen Nachbarschaft und rast mit ihr zur nächstgelegenen Notaufnahme.

Krankheit als Geschäftsmodell

Die Zurückbleibenden stehen nun besorgt, vielleicht auch mit jenem schlechten Gewissen der Gesunden angesichts einer schwer Geplagten da. Was sie nicht wissen: Gypsy (Joey King) hätte ruhig einen ganzen Berg Süßigkeiten verspeisen und dann ein Tänzchen hinlegen können. Was nicht heißen soll, dass sie eine Betrügerin ist. Ihre Mutter Dee Dee (Patricia Arquette) hat sie von klein auf krank geredet, hat sie abgeschirmt von der Welt und in einer klaus­trophobisch-paranoiden Zweierbeziehung, die hier albtraumschaffend erlebbar wird, isoliert.

Gypsy, die jeden Tag gezwungen wird, Medikamente zu schlucken, weiß selbst nicht, welche Krankheiten sie nun wirklich hat und was nur einer hypochondrischen Übervorsorge der Mutter entspringt. Im Lauf von „The Act“ allerdings merkt die erwachsen werdende Gypsy immer deutlicher, dass da Herrschsucht der Mutter mitspielt, dass ihre Krankheiten auch ein Geschäftsmodell sind, das Spendengelder einbringt.

Gypsy erkennt auch, dass sie noch ewig ein kleines Kind bleiben soll, ihr nie eine Entwicklung zugestanden werden wird. Zwar hat die Mutter es geschafft, die Persönlichkeitsbildung ihrer Tochter schauerlich zu hemmen. Aber nun kommt ein Ablösungsprozess in Gang, der in Mord enden wird.

Eine Horrorbeziehung

Der reale Fall von Dee Dee und Gypsy Rose ist in den USA schon mehrfach aufbereitet worden. Aber diese von Nick Antosca („Channel Zero“) und der Journalistin Michelle Dean geschriebene Serie ist völlig frei von Skandalisierungstrieb, vom Vorsatz, von anderen schon Erzähltes mit wilderen Bildern zu übertrumpfen. Erfrischend fair und sensibel wird die Dynamik einer Horrorbeziehung dargelegt, wird noch das ganz Unglaubliche glaubhaft geschildert: wie Dee Dee fortgesetzt Ärzte, Nachbarn und Behörden hinters Licht führen konnte.

Alle Gewerke arbeiten mit einer immer der Sache dienenden Präzision, und die Darsteller liefern eine der großen Ensembleleistungen des Jahres. Selbst die Nebenrollen sind, etwa mit Chloë Sevigny und Juliette Lewis, markant besetzt. Aber was Patricia Arquette und Joey King liefern, wirft für die Emmys eigentlich nur noch eine, aber heikle Frage auf: Wem von beiden den Haupt- und wem den Nebendarstellerinnenpreis zuerkennen?

Verfügbarkeit: Beim Amazon-Channel Starzplay, alle acht Folgen bereits abrufbar