Sibylle-Krause-Burger-Kolumne Fußballweltmeister gegen Geheimdienstweltmeister

Angela Merkel  ist nicht amüsiert: Ihr Handy ist von den Amerikanern abgehört worden. Foto: dpa
Angela Merkel ist nicht amüsiert: Ihr Handy ist von den Amerikanern abgehört worden. Foto: dpa

Die US-Amerikaner leiden unter dem Trauma der Anschlägen vom 11. September. Wir Deutschen unter dem von Gestapo und Stasi, meint unsere Kolumnistin Sibylle Krause Burger.

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Stuttgart - In einer Kolumne des „Spiegel“ von dieser Woche regt sich die Schriftstellerin Juli Zeh mächtig darüber auf, dass die Amerikaner ihre Freunde ausspähen. Sie klagt über die Massenüberwachung, verzweifelt daran, dass hierzulande nichts zu deren Eindämmung geschieht und kommt zu dem Schluss, dass wir uns mit einem telefonischen „Sorry“ von Barack Obama, gesprochen in Angela Merkels Kanzlerohr, „keine neue Privatsphäre kaufen könnten“.

Ich habe das gelesen und ebenfalls versucht, mich furchtbar aufzuregen. Aber es will mir einfach nicht gelingen. Ich habe es gelesen und mich gefragt, woran Frau Zeh denn merkt, dass sie eine neue Privatsphäre braucht. Ich habe es gelesen und konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich hier jemand mit etwas wichtig machen will, dass es bedauerlicherweise zwar gibt, aber doch in ganz anderer Weise, als die Autorin und ein paar Gefolgsleute in ihrem Schlepptau uns das weismachen wollen.

Gewiss ist es abscheulich, dass amerikanische Agenten ihre Lauschlinien in das private Handy der Kanzlerin geschmuggelt haben. Auch wenn sie dabei womöglich nur erfahren konnten, was sie schon wussten. Auch dass die Freunde von drüben hier Spione ködern - keiner weiß, wie viele es tatsächlich sind - ist natürlich ein dickes Ei. Wenn Putin das tut, ok, das ist was anderes. Aber die Amis. Unsere lieben Amis, die mit den Rosinenbombern: da sind wir einfach tief getroffen, sind verletzt, wollen es kaum glauben. Und natürlich ist es wahr, dass sie nicht ewig mit dem in Hamburg ausgebildeten Mohammed Atta und seiner schrecklichen Untat an nine eleven daherkommen können, um so viel Misstrauen zu rechtfertigen.

Die USA werden uns einen neuen Geheimdienstler schicken

Auch Schröders Absage an George Dabbeljuuh Bush zu einer möglichen deutschen Teilnahme am Irak-Krieg liegt nun schon lange zurück. Sie war zwar als Wahlschlager gedacht, aber in der Sache doch völlig richtig. Sie war so sinnvoll wie unsere Enthaltung im Uno Sicherheitsrat, als es um die Bekämpfung von Gaddafi ging. Der gegenwärtige Zustand der beiden Länder beweist, dass wir gut daran taten, uns herauszuhalten. Das alles ist längst passé – bis auf die Seelenlage der Amerikaner. Manche Niederlagen wirken in den Völkern eben lange nach, und von 2001 bis heute ist noch nicht viel Zeit vergangen. Auch sind die Konflikte, die dahinter standen, nicht gelöst. Und ob wir mit den Franzosen nach Mali müssen, ist auch mit Fragezeichen zu versehen. Es gefällt mir nur in Maßen, wenn ich Frau von der Leyen da im Busch stehen sehe, selbst wenn sie sich für diesen Zweck ein rosa Jäckchen anzieht.

Wir müssen nicht alles mitmachen. Trotzdem ist Deutschland vertrauenswürdig. Deshalb ist es gut, dass die Amis nun ihren Berliner Geheimdienst-Chef zurücknehmen mussten. Aber ganz bestimmt werden sie uns einen anderen schicken, der es ein bisschen schlauer anstellt. Vielleicht erfreut das ein paar Leute bei unseren Diensten, weil sie technisch noch nicht so weit sind wie die fürsorglichen Freunde aus USA und weiterhin von deren Informationen abhängen.

Was passiert aber, wenn hier etwas passiert? Sehen wir die Dinge dann vielleicht ganz anders? Was ist also dagegen einzuwenden, dass fremde Dienste etwas auch für uns Bedrohliches entdecken und übermitteln, das unseren Leuten entgangen ist? Und geschieht das nicht auch – neben den Schnüffelorgien? Wir sind im Moment eben nur Fußballweltmeister, nicht Geheimdienstweltmeister. Aber das waren wir einmal. Und zwar ziemlich lange. Zuerst mit der Gestapo unter den Nazis, einer unsagbar schrecklichen und grausamen Geheimpolizei, und danach im deutschen Osten mit der Stasi im Unrechtsstaat DDR. Sie hat die Bürger tyrannisiert, gegängelt, viele auch gefoltert und – in der Tat – ihr Privatleben durchforstet, um es gegen sie zu benutzen.

Juli Zeh zieht eine kleine geisterhafte Show ab

Wenn die Amerikaner unter dem Trauma des Angriffs und der Zerstörung der Zwillingstürme in New York leiden, so sind wir Deutschen Gestapo-und Stasi-geschädigt. Wir alle haben diese Erfahrung im Hinterkopf. Sie ist Teil des nationalen Bewusstseins. Sie ist selbstverständlich Teil der Politik, nicht zuletzt, weil die zwei zur Zeit wichtigsten Personen in der Bundesrepublik – der Bundespräsident und die Kanzlerin – den Stasi-Staat noch selbst erlebt haben. So stehen also zwei Traumata in den transatlantischen Verhältnissen gegeneinander – das Trauma der Erfahrung mit dem schrecklichsten islamistischen Attentat ausgerechnet in einem Land, das sich bis dahin für unverletzlich hielt, und auf der anderen Seite das Trauma aus den deutschen Diktaturen des zwanzigsten Jahrhunderts. Kein Wunder, dass es so schwer ist, einander zu verstehen und eine Vereinbarung zustande zu bringen.

Sehr leicht zu begreifen jedoch ist, dass Frau Zeh eine kleine geisterhafte Show abzieht. Es ist halt grad Mode, sich als Opfer zu gerieren. Die Bundesrepublik hat man beleidigt, Gesetze missachtet. Ja. Aber die Amis herrschen hier doch nicht wie die Stasi oder die Gestapo. Wo sind denn bei uns – von der Kanzlerin mal abgesehen – Privatsphären schmerzlich verletzt worden? Wer hatte und wie unter den Spähern zu leiden? Die Dame Zeh lebt doch geborgen in einem funktionierenden Rechtsstaat. Nur wegen der US-Schlapphüte braucht sie sich keine neue Privatsphäre zu kaufen. Die alte tut‘s bestimmt noch.




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