Signal gegen Sexualisierung Beim Sport Bein zeigen oder lieber bedeckt bleiben?

Margarita Kolosov vom Bundesstützpunkt in Schmiden  trägt bei ihrer Übung mit dem Band schon seit mehr als einem Jahr einen Anzug mit langem Bein. Foto: Eva Herschmann
Margarita Kolosov vom Bundesstützpunkt in Schmiden trägt bei ihrer Übung mit dem Band schon seit mehr als einem Jahr einen Anzug mit langem Bein. Foto: Eva Herschmann

Rhythmische Sportgymnastinnen aus Schmiden zeigen weniger Haut bei ihren Wettkämpfen. Das hat vielfach Gründe des persönlichen Wohlbefindens. Aber es geht um mehr als die Optik.

Fellbach: Eva Herschmann (eha)
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Schmiden - Beim Turnier „Gymnastik International“ Anfang März 2020 trat Margarita Kolosov, damals noch Juniorin, ganz selbstverständlich mit einem Ganzkörperanzug vor das Kampfrichtergremium in der Sporthalle in Schmiden. Die Entscheidung, für die Übung mit dem Band in langen Hosen anzutreten, habe sie aus rein ästhetischen Gründen getroffen, sagt die 17-Jährige.

Anders die deutschen Turnerinnen. Mit ihren Auftritten in Ganzkörperanzügen statt in beinfreien Trikots – was laut den nationalen und internationalen Regeln erlaubt ist – haben sie bei den Europameisterschaften in Basel ein Signal gegen Sexualisierung im Sport gesetzt. Detlef Schaak, langjähriger Leiter der Turntalentschule des TSV Schmiden und seit Januar 2019 Chef des Leistungszentrums des Berliner Turn- und Freizeitbunds, findet die Aktion gelungen. „Ich bin fast ein bisschen stolz, dass die deutschen Turnerinnen vorangegangen sind. Es gibt nichts, was gegen Ganzkörperanzüge spricht, auch nicht die Ästhetik.“

Die Kleiderwahl ist in erster Linie eine Frage des Wohlfühlens

In der Rhythmischen Sportgymnastik tragen die Mädchen auf dem Teppich zumeist ebenfalls knappe Anzüge. Doch anders als bei den Turnerinnen, bei denen die neuen Outfits mediales Aufsehen erzielt haben, ist es bei den Sportgymnastinnen fast schon normal, dass sie mal mehr Bein zeigen, mal bis zum Knöchel bedeckt in die Wettkämpfe gehen. Siehe Margarita Kolosov beim Turnier in Schmiden mit dem Band – und das dazu erfolgreich. Die damals noch 15-Jährige gewann in langen Hosen immerhin den Mehrkampf. Für Kathrin Igel, die Leiterin des Bundesstützpunktes in Schmiden, ist die Kleiderwahl in erster Linie eine Frage des Wohlfühlens. Da der „Code de Pointage“, wie das Regelwerk in der Sportgymnastik und im Gerätturnen  genannt wird, die (Bein-)Freiheit lässt, sei es jedem Mädchen selbst überlassen, wie es sich wohler fühle. „Und wenn ein Mädchen sich unwohl fühlt, kann es jederzeit auch lange Anzüge anziehen.“ Die Angst mit dem Verrutschen hätten Gymnastinnen allerdings nicht so sehr wie die Turnerinnen, sagt Kathrin Igel. Auch weil die Mädchen bei ihren Darbietungen auf dem Teppich unter dem Trikot einen Unteranzug tragen und – seit rund 20 Jahren – außerdem ein Röckchen darüber haben, das ein bisschen Schutz biete. „Die meisten wählen ihre Anzüge deshalb nicht nach solchen Gesichtspunkten aus, sondern danach, was ihnen am besten gefällt und zur Musik und zur Übung passt.“

Das Röckchen macht einen Unterschied

Gedanken darüber, dass sich bei großen internationalen Wettkämpfen unter die Schar der Fotografen mit großen Teleobjektiven welche mischen, die nicht den sportlichen Aspekt im Fokus haben, macht sich die Stützpunktleiterin aber schon. „Die Gefahr gibt es natürlich grundsätzlich, dass Situationen ausgenutzt werden. Die Mädchen machen nun mal auch Spagat. Aber für sie gehören diese Bewegungen zu ihrem Sport dazu. Die meisten bringen sie nicht in Verbindung mit einem schlechten Gefühl“, sagt Kathrin Igel. Ganzkörperanzüge seien für die Gymnastinnen in Schmiden zudem schon länger eine weitere Möglichkeit, sich zu präsentieren, die einige von ihnen durchaus auch ästhetisch und schön fänden, erklärt die Stützpunktleiterin. „Unsere Gymnastinnen lieben es mal lang, mal kurz, weil es für sie bisher nicht mit diesem Thema behaftet war.“ Dass die viel beachtete Aktion der deutschen Turnerinnen auch bei den Gymnastinnen die Diskussion über die Sexualisierung im Sport anstoßen könnte, hält Kathrin Igel indes für gut möglich.

Ganzkörperanzüge sind schon länger eine ästhetische Option

Camilla Pfeffer, die Cheftrainerin der am Stützpunkt beheimateten Nationalgruppe, war als Gymnastin bei den Olympischen Spielen 2012 in London. Damals sei es für sie kein Thema gewesen, obwohl es schon, wenn auch selten, unangenehme Situationen gegeben habe. „Jeder Sportler soll sich wohlfühlen, deshalb verstehen wir die Diskussion bei den Turnerinnen“, sagt die 28-Jährige. Die Gruppengymnastin Noemi Peschel sieht es ebenso: „Ich finde die Botschaft sehr wichtig. Jeder soll so turnen, wie er sich wohlfühlt.“

Dass das Röckchen am Trikot einen Riesenunterschied macht, weiß Camilla Pfeffer: „Es bedeckt vorne und hinten.“ Im Zuge der Aktion bei den Turn-Europameisterschaften in Bern hätten sie mit den Gymnastinnen der Nationalgruppe über die Kleidung geredet. „Die Mädchen sagen, sie fühlen sich in ihren Anzügen mit Röckchen wohl, das ist das Allerwichtigste. Und als Trainerin merke ich genau, ob sie sich wohlfühlen.“ Dass, anders als beim Turnen, Ganzkörperanzüge in der Sportgymnastik schon zum Wettkampfalltag gehören, liege wohl am künstlerischen Charakter der Sportart, die mehr Freiheiten erlaube, sagt Camilla Pfeffer.




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