Sindelfingen: Tunnelbau für die Umfahrung Auf zweimal Hupen folgt ein mächtiger Knall

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Darmsheim wird zurzeit von Explosionen erschüttert. Mineure bauen den Tunnel für die Nordumfahrung. Zunächst erlebten sie eine böse Überraschung.

Die Bohrlöcher im Haupttunnel sind mit Sprengstoff gefüllt: Jens Straube und sein Kollege verbinden die Zündkabel. Foto: factum/Bach
Die Bohrlöcher im Haupttunnel sind mit Sprengstoff gefüllt: Jens Straube und sein Kollege verbinden die Zündkabel. Foto: factum/Bach

Sindelfingen - Jens Straube und seine drei Kollegen stecken in die 112 kleinen Löcher 63 Zentimeter lange Kartuschen mit einem Durchmesser von 32 Millimeter – mit jeweils 600 Gramm

Sprengstoff. Danach verbinden sie die explosiven Verpackungen mit Zündschnüren, die sie an eine elektronische Zündmaschine anschließen. Etwa eineinhalb Stunden dauert die Filigranarbeit, bis der Polier Josef Dreier das Kommando gibt: „Alles raus!“

Mineure erleben eine böse Überraschung

Die Arbeiten am Darmsheimer Tunnel, der für die Nordumfahrung in das Gestein gegraben wird, laufen auf Hochtouren. „Wir sind wieder im Zeitplan“, berichtet der Projektleiter Joachim Dörner vom Baureferat im Stuttgarter Regierungspräsidium. Kurz nach der ersten Sprengung im Rettungstollen, der seit dem 27. Juni von Westen her parallel zum Haupttunnel auf einer Länge von 240 Meter in den Berg getrieben wird, erlebten die Mineure gleich eine böse Überraschung. „Wir stießen auf mehr breiartigen Mergel als auf Kalkstein“, sagt Dörner. Normalerweise gebe es in dem Gelände fünf Prozent von dem weichen Mergel und 95 Prozent festen Kalkstein. Zunächst war das Verhältnis jedoch teilweise fast umgekehrt. Die Sicherheitsvorkehrungen an der Spritzbetonwand, die jeweils vor den Sprenglöchern errichtet wird und die Tunnelröhre sichert, mussten verstärkt werden. Und auch der Abtransport des Gesteins dauerte länger als geplant.

Die insgesamt 22 Arbeiter der Frankfurter Firma Wayss + Freytag Ingenieurbau auf der Baustelle gaben Gas und erhöhten kontinuierlich die sogenannten Vortriebslängen. Zunächst hatten sie in der Rettungsröhre nur einen Meter gesprengt, nun kommen sie pro Sprengung 1,50 Meter voran und sind 83 Meter vorgedrungen.

Explosionen in Sekundenbruchteilen

Gearbeitet wird im Schichtbetrieb von 6 Uhr bis 14 Uhr, die zweite Kolonne ist bis 22 Uhr am Werk. Von Osten her gräbt sich der Trupp von Josef Dreier in den Berg. Dort, wo der 460 Meter lange Hauptstollen entsteht. Bis Donnerstagmittag sind 73,50 Meter erreicht. Der Mineur René Häselbarth fährt den Bohrwagen in aller Eile aus dem Tunnel, kurz danach lässt Dreier das Horn ertönen. Zunächst hupt er einmal, dann zweimal kurz hintereinander. 20 Sekunden vergehen, bis aus dem Ostportal ein mächtiger dumpfer Knall dringt. Wenig später knallt es nochmals zwei-, dreimal. Für das menschliche Ohr nicht vernehmbar: genau genommen handelt es sich um 30 bis 40 Explosionen, die in Bruchteilen von Sekunden erfolgen. Danach ist die Hauptröhre wieder um zwei Meter länger.

„Wir sprengen zuerst in der Mitte, danach mittels unterschiedlicher Zünder in ganz kurz hintereinander liegenden Zeitstufen den Rest ringsherum“, erläutert Dreier. Das gilt sowohl für die zwei täglichen Sprengungen im Rettungsstollen als auch für die beiden in der Hauptröhre. Je nachdem wie die Arbeiten voranschreiten, knallt es in Darmsheim zurzeit also viermal am Tag. „Aus der Bevölkerung sind bisher keine Beschwerden gekommen“, versichert der Projektleiter Joachim Dörner. An Gebäuden im näheren Umkreis wird mit fünf Geophonen die Druckgeschwindigkeit gemessen. „Sie liegt nach wie vor unter den zulässigen fünf Millimetern pro Sekunde“, fügt Dörner hinzu. An keinem der Häuser habe es bisher Schäden gegeben.

Tunnel kostet 13,5 Millionen Euro

Insgesamt 400 Sprengungen sind geplant, die zu unterschiedlichen Zeiten zwischen 8 Uhr und 19 Uhr Darmsheim erschüttern – bis der Tunnel samt Rettungsstollen bis Ende Januar, Anfang Februar nächsten Jahres hergestellt ist. Danach beginnen die Ausbauarbeiten mit einer Betoninnenschale, mit Beleuchtung, Lüftung, Löschwasserleitungen und Notrufeinrichtungen. Die Kosten dafür werden auf 13,5 Millionen Euro beziffert. „Ende 2017 soll alles fertig sein“, sagt Dörner. „Das ist ein sportlicher Zeitplan“, meint Marcel Bellson, der Bauleiter der Sprengfirma.

Nach der Sprengung wird in den Hauptstollen erst einmal Luft geblasen. „Die Arbeiter dürfen 15 Minuten lang nicht hinein“, erklärt Bellson. Eine gute Gelegenheit für Jens Straube und seine Kollegen, erst einmal Mittagspause zu machen.