Skispringen Katharina Althaus – die deutsche Vorspringerin

Von Jochen Klingovsky 

Die Oberstdorferin freut sich auf die Heim-WM 2021, bei der sie in vier Wettbewerben zu den Medaillenanwärterinnen zählen wird. Doch die erfolgreiche Skispringerin kämpft nicht nur um Siege und Podestplätze, sondern auch um Gleichberechtigung.

Auf dem Sprung zur WM vor der eigenen Haustüre: Skispringerin Katharina Althaus. Foto: imago/Eibner
Auf dem Sprung zur WM vor der eigenen Haustüre: Skispringerin Katharina Althaus. Foto: imago/Eibner

Oberstdorf/Stuttgart - Zur Vorbereitung auf die Pressekonferenz benötigte Katharina Althaus ihr Handy. Und eine Verbindung zu Google. Denn die Frage, ihren wievielten DM-Sieg sie eigentlich soeben geholt habe, konnte die Skispringerin am Freitag nicht beantworten. Vier? Fünf? Sechs? Erst der Blick ins Internet verschaffte Klarheit: Eine Handvoll Goldmedaillen sind es mittlerweile. Damit war die Athletin zufrieden. Zumal sie neben dem Titel auch eine beruhigende Erkenntnis gewonnen hatte.

Skispringen ist eine sensible Sache. Es braucht nicht viel, um das ganze System ins Wanken zu bringen. Weshalb positive Rückmeldungen sehr wichtig sind, erst recht nach einem Sommer voller Trainingseinheiten. Alles läuft, alles in der Balance, alles im Plan – genau diese Botschaft sendete der DM-Wettkampf an Althaus. Und die Erleichterung darüber war ihr anzumerken. „Es gibt zwar noch das eine oder andere zu tun“, sagte sie, „dennoch ist zu spüren, dass ich im Vergleich zur letzten Saison einen Schritt weiter bin.“ Und das ist wichtig. Schließlich gibt es einen riesigen Unterschied zum vergangenen Winter: ein lohnendes Ziel.

Die Doppel-Weltmeisterin von Seefeld

Das letzte sportliche Großereignis für die Skispringerinnen war die WM im Februar 2019 im österreichischen Seefeld. Seither motiviert das deutsche Team zuvorderst ein Termin: die Heim-WM in Oberstdorf (23. Februar bis 7. März 2021). Vor allem Althaus ist voller Vorfreude. Sie ist in Oberstdorf aufgewachsen, hier lernte sie Skispringen, hier lebt sie, hier sieht sie die Schanze, wenn sie auf ihrem Balkon um die Ecke lugt. „Ich habe die große Chance, mich daheim beweisen zu können“, erklärt die Lokalmatadorin, „das ist eine Herausforderung. Aber trotzdem schön.“ Vor allem, wenn man das Gefühl hat, sich auf sich selbst verlassen zu können.

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Katharina Althaus (24/1,55 m) zählt seit Jahren zu den besten Skispringerinnen der Welt. In Seefeld wurde sie Doppelweltmeisterin (Team, Mixed-Team). Dazu kam Silber im Einzel, wie zuvor schon bei den Olympischen Spielen 2018 in Pyeongchang. Eine Medaille will sie auch in Oberstdorf gewinnen, wohl wissend, dass es am Ende auch vier sein könnten. „Wir machen uns keinen Druck, der kommt von ganz alleine auf“, sagt sie, „doch wenn wir als Team unser Ding durchziehen, dann haben wir in jedem Wettkampf eine gute Chance.“ Das gilt vor allem für die deutsche Vorspringerin.

Es gibt noch Reserven

Althaus hat nicht nur sieben Weltcup-Wettbewerbe gewonnen, sie beeindruckt auch mit ihrer Konstanz. Auf sie ist Verlass, und Andreas Bauer geht nicht davon aus, dass sich daran etwas ändern wird. „Sie springt schon jetzt wieder auf hohem Niveau“, sagt der Bundestrainer, „ich bin sicher, dass sie auch in diesem Winter in der Weltspitze mitmischen wird.“ Gleichzeitig wäre Bauer ein schlechter Coach, wenn er nicht auch die Dinge ansprechen würde, die es noch zu verbessern gibt. Noch ist Althaus am Schanzentisch oft zu spät dran, und auch beim Übergang zum Flug hat sie die perfekte Position für ihre Skier noch nicht gefunden. „An der Symmetrie und der Sauberkeit der Sprünge werden wir weiter arbeiten“, erklärt Bauer, „es gibt schon noch Reserven.“ Bei Katharina Althaus. Aber auch beim Thema Gleichberechtigung im Skispringen.

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Bei der WM in Oberstdorf gibt es für die Frauen erstmals einen Wettbewerb auf der Großschanze. Das freut die Athletinnen. Und frustriert sie zugleich. Weil umso deutlicher wird, was ihnen noch fehlt. Die Vierschanzentournee bleibt auch diesmal, entgegen anderslautenden Versprechungen, den Männern vorbehalten, und auch Skifliegen dürfen die Frauen noch immer nicht. „Das alles läuft nicht nach Plan. Viele Änderungen würden wir uns schneller und früher wünschen“, sagt Althaus, die vor allem die Entscheidung der Tournee-Verantwortlichen gegen die Öffnung für Frauen kritisiert: „Die Orte, die Sponsoren und die Springerinnen sind bereit. Angebliche Probleme mit dem Zeitplan sind vorgeschoben, das ließe sich lösen. Also kann es ja nur daran liegen, dass manche meinen, die Männer-Tournee wäre dann nicht mehr so viel wert.“

Wird der Widerstand schon bald bröckeln?

Bleibt das WM-Springen von der Großschanze als Trostpflaster. Und als Möglichkeit, das eigene Potenzial zu zeigen. Die Frauen benötigen nur eine geringfügig höhere Anlaufgeschwindigkeit (ein bis zwei km/h), um ebenso weit springen zu können wie die Männer. „Das gleicht unsere Nachteile bei der Kraft, der Aerodynamik und dem Drehmoment aus“, erklärt Althaus, „lässt man uns ein paar Luken höher starten, sehen die Zuschauer an der Schanze und an den TV-Geräten keinen Unterschied. Diese Erfahrung dürfen die Männer ruhig mal machen.“ Bei der WM 2021. Und irgendwann auch bei der Vierschanzentournee. Althaus geht davon aus, dass der letzte Widerstand schon bald bröckeln wird: „Wir werden jedenfalls nicht aufhören zu kämpfen.“

Um Siege. Und um Gleichberechtigung.

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