Sommerserie: Die Fessler Mühle in Sersheim Wo altes Handwerk eine Zukunft hat

Von Claudia Bell 

Der Bach rauscht, das Mühlrad knarzt: So oder ähnlich geht es auf der Fessler Mühle zu. Der Chef sorgt dafür, dass es den Besuchern nicht langweilig wird – wer mag, bekommt auch einen Whisky.

Die Mehlherstellung ist ein  altes Handwerk, wie Foto: factum/Granville
Die Mehlherstellung ist ein altes Handwerk, wie Foto: factum/Granville

Sersheim - Der Weg zur Fessler Mühle in Sersheim führt über eine kleine Straße, holprig geht es über eine geschwungene Brücke. Wie aus dem Bilderbuch sprudelt das Wasser darunter, an dessen Ufer die 1378 erstmals erwähnte Untere Mühle liegt. Auf der Suche nach dem Hausherrn Wolfgang Fessler betritt man zunächst den Mühlenladen, in dem es verführerisch nach frischem Gebäck riecht. Hier wird das eigene Mehl auf leckere Art und Weise verarbeitet. S eit 1983 ist der 63 Jahre alte Wolfgang Fessler gemeinsam mit seiner Frau Gerlinde der Chef der Mühle, bis dahin hatte sie sein inzwischen 96 Jahre alter Vater Gerhard geführt. Schon vor der Übernahme haben die jüngeren Fesslers manches verändert. „Vom vielen Mehlsack-Schleppen hatte ich starke Rückenschmerzen und habe mir überlegt, was man dagegen tun kann“, erzählt Wolfgang Fessler. Das Ergebnis: 1976 integrierte er ein Sportinstitut in die landwirtschaftlichen Gebäude. Damals habe man ihn ausgelacht und als Spinner abgetan – heute ist die Einrichtung ein Ausbildungsstützpunkt für den Württembergischen Leichtathletik-Verband, in dem täglich geschwitzt, geturnt und trainiert wird.

Im Mühlenmuseum gibts Krimskrams

Wenn Familien mit Kindern die Fessler Mühle besuchen, wird deren Blick aber nicht primär auf den Sport gelenkt. In einem Nebengebäude befindet sich im ersten Stock ein Mühlenmuseum, in dem der Chef allerhand Kurioses zusammengetragen hat. Altes Handwerkszeug ist hier neben Instrumenten zu entdecken, ein Fahrrad aus dem Jahr 1955 steht daneben. „Das war noch original verpackt im Karton, als wir das bekommen haben“, erzählt Fessler. Eine Mehlwaage aus dem Jahr 1920 beweist, wie genau schon in der damaligen Zeit abgemessen werden konnte. Ein Gesellenbrief von 1846, alte Küchenmaschinen, Unterröcke, Mützen, Bügeleisen, Kaffeemahlmaschinen und Schwarz-Weiß-Aufnahmen legen ein Zeugnis ab von der damaligen Zeit. „Ich könnte noch viel mehr ausstellen, so viele Menschen bieten mir immer ihre Sachen an. Aber irgendwann geht mir halt auch der Platz aus“, sagt Fessler.

Nach dem Rundgang durch das Museum geht es in die eigentliche Mühle, die an diesem Tag aber stillsteht. „Wenn ich eine Führung mache, wird die Mühle immer ausgemacht, das ist sonst zu gefährlich“, erklärt Fessler. In einem winzigen, vergitterten Aufzug geht es nach oben in den fünften Stock. Mehlstaub ist im Sonnenlicht zu sehen, die Luft ist trocken. Hier oben stehen verschiedene Getreidesilos, die Maschinen werden noch mit Lederriemen angetrieben. Weiter geht es Stockwerk für Stockwerk nach unten, währenddessen Wolfgang Fessler anschaulich vom Mehlmahlen und Brotbacken erzählt. Er erzählt und erklärt gerne, und dass sein Beruf gleichzeitig seine Passion ist, merkt jeder, der ihn erlebt. „Man muss schauen, dass die Kinder etwas über Ernährung lernen und sich bewegen“, sagt er.

Die Mahlmaschine von Max und Moritz

Im Erdgeschoss fällt eine Gerätschaft sofort ins Auge: Der sogenannte Schrotgang aus dem Jahr 1870, der an die Geschichte von Max und Moritz erinnert, in der die beiden bösen Buben am Ende vom Müller zu Schrot gemahlen werden. Eine geschnitzte Fratze an der Wand lässt kurz erschauern und löse, so erzählt Fessler, bei Kindern immer wieder Gruselmomente aus.

Weiter geht der Rundgang in ein Nebengebäude, in dem Seminare abgehalten werden und in dem Kinder vor einer Führung ihre eigenen Brötchen geformt haben. Dabei lernen die kleinen Bäcker viel über die verschiedenen Mehlsorten, und dass es bei Getreide große Unterschiede gibt. „Wer hier auf der Mühle zu Besuch war, der hat anschließend auch ein anderes Verständnis für die Rohstoffe der Natur“, sagt Fessler.