Soul in der Schleyerhalle Xavier Naidoo bleibt unübertroffen – und hochriskant

Von Thomas Morawitzky 

Die Tour „Hin und weg“ führt den Mannheimer Sänger Xavier Naidoo auch in die Stuttgarter Schleyerhalle. Vor rund 11 000 Zuschauern beweist er wieder einmal seine Klasse als Soulsänger. Aber auch sein riskantes Spiel mit textlichen Andeutungen und Unschärfen.

Xavier Naidoo in der Stuttgarter Schleyerhalle Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt 8 Bilder
Xavier Naidoo in der Stuttgarter Schleyerhalle Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Stuttgart - Die Tour heißt „Hin und weg“, und sie verspricht „Das Beste auf 25 Jahren live“. Xavier Naidoo spaziert auch durch sein Repertoire. Das beginnt zwar nicht im Jahr 1994, so wie der Tourneetitel das andeutet, aber sein Konzert birgt viele Highlights, viele Songs, die für Naidoos Fans augenblicklich alte Zeiten wieder aufrufen.

1994 sang Xavier Naidoo für das Rödelheim Hartreim Projekt – im Hintergrund. 1997 sang er im Duett mit Sabrina Setlur. Erst 1998 war er plötzlich ganz groß da: „Nicht von dieser Welt“ hieß sein erstes Soloalbum; eine Nummer eins, unzählige Wochen in den deutschen Albumcharts. Auch die sechs folgenden Alben belegten die Spitze; nur „Für Dich“ von 2017 und „Hin und weg“ von 2019 verfehlten sie knapp. Xavier Naidoo ist fraglos einer der besten lebenden Soulsänger, in Deutschland ohnehin. Jeder, der heute in deutscher Sprache in diesem Genre singt, wurde von ihm geprägt. Sein Ton, die Variabilität seiner Stimme, seine leisen, zart gesetzten Zeilen, die Momente, in denen er das ganze Volumen seiner Stimme ausspielt, sind unübertroffen. In Stuttgart zeigt Xavier Naidoo noch einmal selbstbewusst und souverän all seine stärken.

Das Publikum kennt alle seine Texte

Natürlich steht er selbst dabei ganz im Mittelpunkt. Gäste wie der Mannheimer Newcomer Klotz rappen eine Runde mit ihm, verschwinden dann wieder. Die vorzüglichen Musiker, die Naidoo begleiten, umringen ihn im Halbschatten, treten kaum je hervor. Manch ein Stück scheint bei dieser Jubiläumstour härter aufzutreten – in ausgeklügelter Dramaturgie löst ein wuchtiges Riff eine Ballade ab. Xavier Naidoo wirft sich hinein in seine Stücke, lässt seine Stimme schweben, singt schnell und rhythmisch, überrascht mit immer neuen Betonungen.

Er steht auf einer weitläufigen, vorgezogenen Bühne, die von einem Gürtel aus Neonlicht eingefasst wird in wechselnden starken Farben. Im Hintergrund eine Säule, die sich schillernd wandelt. Sonst nichts – nur dieses stilvolle Ambiente und die Leinwand, die Naidoo zeigt, dunkle Brille, Schiebermütze, ein kariertes Jackett. So spielt er alle seine Karten aus, verwandelt „Führ mich ans Licht“ und „20 000 Meilen über dem Meer“ von 1998 in sehr zeitgenössischen, energischen Pop. Den Großteil seiner Songs holt er sich von den Erfolgsalben nach 2000: „Ich kenne nichts“ von 2003 darf nicht fehlen; auch „Sie sieht mich nicht“, Naidoos Song für den Film „Asterix und Obelix gegen Cäsar“ ist da. Das Publikum kennt all seine Texte, singt mit und scheint zu träumen.

Und dann setzt er alles aufs Spiel

Der Augenblick, in dem Xavier Naidoo all dies auf Spiel setzt – er kommt aber doch. „Heute wird man für so ein Stück ja schon mit einem Auftrittsverbot belegt“, sagt er, leichthin, und singt „Bist du am Leben interessiert“, erfolgreiche Single seines Albums „Telegramm für X“ von 2005. Seither sind 14 Jahre vergangen, Naidoo hat sich mehrmals politisch eher fragwürdig geäußert – vom Blut der Vorfahren erzählt er in diesem Song: „Kannst du die alten Lieder singen, die tief in deiner Seele liegen? Lass uns diese Lieder rausbringen! Das ganze Volk soll sie singen.“ Freilich: der Songtext schreibt sich den Frieden auf die Fahne – aber allzu deutlich zeigt sich dabei doch wieder, wie schnell das Pathos des Xavier Naidoo auf Holzwege führen kann. „Was wir alleine nicht schaffen“, ein paar Songs später, streut dann noch ein wenig ungute Gänsehaut auf diesen Moment: „Wir müssen geduldig sein“, singt Xavier Naidoo, „dann dauert es nicht mehr lang.“

Der großen Show tut dies kaum Abbruch. Als Naidoo schließlich „Dieser Weg“ anstimmt, noch einen Hit des Jahres 2005, sind seine Fans außer sich. Die Schleyerhalle tobt, als er für eine Zugabe zurückkehrt, draußen im Menschenmeer auf einer kleinen Vorbühne erscheint. Mit akustischer Begleitung, flirrender Percussion bringt er dort seine Version von Reinhard Meys „Über den Wolken“, eine Hommage, die Dieter Thomas Kuhn gleich vergessen lässt. Nun geht er durch die Halle zur Bühne hinüber, singt „Ich danke allen Menschen“, einen der wenigen Song des aktuellen Albums, die es in diese Show geschafft haben - und er verabschiedet sich schließlich mit einem alten Stück: „Bevor du gehst“ heißt es. Zwei Stunden herrschte Hochstimmung in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle.