Spinnen, Schlangen und Co. Wie gefährlich sind exotische Haustiere?

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In Baden-Württemberg kann sich theoretisch jeder eine Giftschlange halten, sagt ein Experte. Das hat Folgen: immer wieder gibt es Berichte über ausgesetzte oder ausgebüxte Spinnen, Schildkröten oder Schlangen. Rettungskräfte wollen vorbereitet sein.

Diese Vogelspinne war 2013 in Stuttgart-Birkach entwischt. Foto: Archiv Torsten Ströbele
Diese Vogelspinne war 2013 in Stuttgart-Birkach entwischt. Foto: Archiv Torsten Ströbele

Stuttgart - Kurz vor dem Beginn der Corona-Krise haben sich die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr Abteilung Stetten mit exotischen Haustieren befasst. Denn in Baden-Württemberg dürfen viele außergewöhnliche Kleinsäuger, Reptilien, Amphibien und Spinnen legal gehalten werden. Die Möglichkeit, bei einem Einsatz einem potenziell gefährlichen Exemplar zu begegnen, sei in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, sagt Carsten Zander, der Pressesprecher der Feuerwehr L.-E. Darum habe Udo Geiger, Feuerwehrmann und Spinnensammler, den Kameraden bei dem Dienstabend in Stetten einen Einblick in das Reich der Spinnen und Schlangen gegeben.

Die Schwarze Witwe im Möbelwagen

Im Oktober des vergangenen Jahres war die Stuttgarter Berufsfeuerwehr zu einem Einsatz in Gär­tringen gerufen worden. Damals hatten Möbelpacker eine gefährliche Spinne aus Mexiko im Umzugswagen entdeckt: eine schwarze Witwe. Ein Mitarbeiter der Wilhelma assistierte den Rettungskräften damals und fing den Krabbler ein. Um ein entwischtes oder ausgesetztes Haustier dürfte es sich hingegen bei der Vogelspinne gehandelt habe, die vor einigen Jahren Passanten in Birkach einen Schrecken einjagte. Der Tiernotdienst brachte den Achtbeiner schließlich ins Tierheim in Botnang.

Solche und ähnliche Fälle gebe es immer wieder mal, bestätigt Andreas Feilmeier. Er ist der Leiter des beim Ordnungsamt angesiedelten Streifendienstes und sagt: „Vor allem mit teils hoch giftigen Skorpionen haben wir immer wieder zu tun.“ Die meisten seien als blinde Passagiere nach Stuttgart gekommen. Bei Schlangen würden auch einheimische Exemplare zu besorgten Anrufen beim Tiernotdienst führen, weil viele selbst harmlose Blindschleichen und Ringelnattern für gefährliche Zeitgenossen halten. „Für den Umgang mit Schlangen werden wir speziell in der Wilhelma geschult“, sagt Feilmeier. Zudem seien die Fahrzeuge des Tiernotdienstes gut mit entsprechenden Hilfsmitteln ausgestattet, die beim Fangen und Transportieren von exotischen Tieren notwendig werden können.

Der Kaiman im Wohnzimmer

Doch auch mit dem ein oder anderem exotischen Haustier hat Feilmeier schon Bekanntschaft gemacht. Vor ein paar Jahren habe ein Kaiman in Stuttgart gelebt. Der Alligator hatte sein Bassin im Wohnzimmer seines Besitzer. Dieser sei regelmäßig von den Behörden kontrolliert worden, wobei auch der Tiernotdienst eingebunden gewesen sei.

Mehr Erfahrung mit Exoten als Haustiere hat Marion Wünn, die Leiterin des Tierheims in Botnang. Die Zahl derer, die dort gelandet seien, sei in den vergangenen zehn Jahren massiv angestiegen, sagt sie. Wünn kann nur mutmaßen, woran das liegt. Ein Problem sei aber sicher, dass man mittlerweile alles – und sogar lebende Tiere – im Internet bestellen könne. Mit einem Mausklick sei das Tier da, doch Haltung und Pflege seien aufwendig. Oft seien Besitzer unvorbereitet und in der Folge überfordert und würden die Tiere dann ins Tierheim bringen. Im günstigsten Fall, nicht selten werden sie auch ausgesetzt oder vor das Tierheim gestellt.

Die Anakonda vor dem Tierheim

So zum Beispiel vor einigen Jahren eine Anakonda. Die Würgeschlange stand eines Morgens professionell verpackt vor der Tür. Wünn erinnert sich vor allem an eines: „Sie war groß“. Mit vereinten Kräften hievten die Tierheim-Mitarbeiter die Schlange in ein Terrarium, dann informierten sie einen Experten aus der Wilhelma. Die Anakonda war freilich ein Einzelfall, doch viele andere Tiere seien es eben nicht. Im Tierheim leben viele Spinnen, Skorpione, Schlangen, Bartagamen und um die 70 Schildkröten. Manche dieser Tierarten seien meldepflichtig, was einen bürokratischen Aufwand bedeutet. „Sie sind deswegen nur schwer wieder zu vermitteln“, sagt Wünn.

Die Kobra im Mehrfamilienhaus

Axel Kwet, der Geschäftsführer der Deutsche Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT), erinnert sich noch an einen anderen Fall. Im vergangenen September war eine Kobra ihrem Besitzer entwischt. Fast eine Woche hielt sie sich in einem Häuserblock versteckt, bevor man sie fand. Seitdem wird in Nordrhein-Westfalen die sogenannte Gefahrtierhaltung intensiv diskutiert – bis hin zu einem strikten Verbot.

Bisher seien die Regelungen in Baden-Württemberg sehr großzügig. „Theoretisch kann sich hierzulande jeder eine Giftschlange halten, vorausgesetzt, er hält sich an den Tierschutz“, sagt Kwet. Er selbst sieht das mit gemischten Gefühlen, spricht sich aber vehement gegen ein generelles Verbot exotischer Tierhaltung aus. Zum einen, weil Halter und Züchter einen Beitrag zur Erhaltung bedrohter Arten leisten könnten. Zum anderen gehe es um Aufklärung und Wissensvermittlung. Der Verein beziehungsweise dessen Mitglieder veröffentlichen Fachliteratur, bieten Schulungen an, gehen in Kindergärten und Schulen. „Wir wollen Ängste abbauen. Es gibt noch immer zu viele Leute, die eine harmlose Blindschleiche totschlagen“, sagt Kwet.

Er ergänzt aber auch: „Nicht jeder sollte sich eine Kobra halten dürfen“ und plädiert für einen Führerschein für das Halten gefährlicher Tiere. „Uns ist es wichtig, dass es die Halter richtig machen“, sagt er. Um die Bevölkerung und explizit Rettungskräfte zu schützen, gehöre dazu auch, dass die Tiere in gesicherten Gehegen leben und dass an der Tür ein Zettel darüber informiert, welche vermeintlich oder tatsächlich gefährlichen Exemplare sich in einer Wohnung befinden.




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