Sportgymnastik Der Mann auf der Briefmarke ist im Ruhestand

Nach insgesamt mehr als 18 Jahren am Foto: Patricia Sigerist
Nach insgesamt mehr als 18 Jahren am Foto: Patricia Sigerist

Der Bundesstützpunkt der Rhythmischen Sportgymnastik in Schmiden muss fortan auf eine herausragende Fachkraft aus Belarus verzichten: Vladimir Komkov hört – wohl endgültig – als Ballettmeister auf, bleibt aber mit seiner Frau Ludmilla Titkova in der Stadt.

Fellbach: Thomas Rennet (ren)

Schmiden - Camilla Pfeffer hat einmal sehr hübsch beschrieben, was Vladimir Komkov auch auszeichnet: „Unser Vladi ist der ruhende Pol. Es tut gut, auch einen Mann im Team zu haben. Noch dazu einen, der uns immer wieder beruhigt, wenn wir Mädels mal ein bisschen ausflippen.“ Das war vor achteinhalb Jahren, kurz vor der Reise zu den Olympischen Spielen in London. Camilla Pfeffer war die Anführerin der Nationalgruppe, der auch Judith Hauser angehörte. Mittlerweile sind sie Chef- und Co-Trainerin der deutschen Auswahl. „Die beiden habe ich früher trainiert, das sind meine Mädchen“, sagt Vladimir Komkov, der ruhende Pol am Bundesstützpunkt der Rhythmischen Sportgymnastik in Schmiden – bis vor wenigen Tagen. Jetzt, mit 70, ist der Ballettmeister – wohl endgültig – im Ruhestand. Zum Jahreswechsel ist das Arbeitsverhältnis ausgelaufen. Das Nationalmannschaftszentrum verliert eine herausragende Fachkraft; eine, die in der Heimat in Belarus sogar eine Briefmarke schmückt.

Vladimir Komkov war ein renommierter Tänzer

Vladimir Komkov kam mit seiner Frau Ludmilla Titkova vor fast genau 20 Jahren nach Schmiden. Galina Krilenko, bis 2014 Cheftrainerin an der schwäbischen Sportgymnastik-Kapitale und Ludmilla Titkovas Schwester, hatte den Familienanschluss in die Wege geleitet. Die Schmidener gewannen doppelte Kompetenz für ihr Trainerteam hinzu. Beide sahen auf eine erfolgreiche Karriere beim staatlichen Ballettensemble in Minsk zurück. Ludmilla Titkova hatte zunächst an der Akademie von Sofia Golovkina in Moskau studiert, bevor sie zum weißrussischen Nationalballett kam und ihren Mann kennenlernte. Vladimir Komkov war dort ein überaus renommierter Tänzer. Mehr als ein Jahrzehnt lang hatte er beim Staatsballett die Solorolle des Spartakus in Aram Khatchaturians gleichnamigem Ballett inne. Ludmilla Titkova war Primaballerina der Ballettkompanie in Minsk. Das Ehepaar hat in Frankreich brilliert, in Spanien und am Bolschoi-Theater in Moskau. Ludmilla Titkova hat 22 Jahre getanzt, Vladimir Komkov gar 27 Jahre. Beide erhielten hohe Auszeichnungen. Die verblichene Sowjetunion ehrte Vladimir Komkov mit der höchsten staatlichen Anerkennung für Künstler, dem Orden „Nationalkünstler der Sowjetunion“. Und sein Konterfei ziert – zur Faszination seiner Elevinnen in Schmiden – tatsächlich eine Briefmarke der weißrussischen Post.

Blick für die tänzerischen und künstlerischen Aspekte

Der Mann auf der Briefmarke, in Schmiden auch der Mann unter Mädchen und Frauen, leitete an seiner bald angestammten Wirkungsstätte nicht nur Balletteinheiten. Er begleitete überdies das Sportgymnastik-Training, saß mit stoischer Miene im Leistungszentrum, korrigierte hier einen Stand, dort eine Drehung. Sein Blick für die tänzerischen und künstlerischen Aspekte der Sportart war und ist bis ins kleinste Detail geschult. Vladimir Komkov steht für den klassischen Stil, legt Wert auf größtmögliche Präzision in jeder Pose und Technik. Über viele Jahre hinweg arbeitete er mit der Nationalgruppe, auch mit Camilla Pfeffer, Judith Hauser oder Sara Radman. Vladimir Komkov stand dem in Schmiden beheimateten Verbund aus guter Gewohnheit im Vorfeld der Olympischen Spiele 2012 in London zur Seite, dazu der Schmidener Einzelgymnastin Jana Berezko-Marggrander. Die deutsche Gruppe erreichte in Großbritannien den zehnten, die deutsche Solistin den 17. Platz. Vladimir Komkovs Expertise war gefragt. In Schmiden und oft auch auf Reisen. Mehr als 16 Jahre lang zunächst.

Der Nachfolger Gjergi Bodari blieb nicht allzu lange

Ende Februar 2017 war – vorübergehend – Schluss. Der Deutsche Turner-Bund (DTB) beendete die Dienstzeit, schickte den Rüstigen mit 66 in Rente, ob dem das gefiel oder nicht. „Ich würde auch weitermachen, wenn man mich ließe“, sagte Vladimir Komkov damals. Doch sein Nachfolger blieb nicht allzu lange. Gjergi Bodari, im März 2017 mit großen Erwartungen empfangen, hinterließ in Schmiden deutlich weniger Spuren als sein Vorgänger. Der Ballettmeister aus Albanien, davor Choreograf der Weltklasse-Nationalgruppe Italiens, verabschiedete sich Ende 2018 wieder. Und Vladimir Komkov avancierte zum Nachfolger seines Nachfolgers. „Bei ihm haben wir die absolute Gewissheit, dass er sofort weiß, wo er anpacken muss, dass er verlässlich ist und Qualität liefert“, sagte die Stützpunktleiterin Kathrin Igel. So war das mehr als 18 Jahre lang. Der Nachfolger des Nachfolgers des Nachfolgers wird ein mächtiges Erbe antreten. Erster Kandidat ist Gocha Budagashvili aus Georgien, auch er ein Ballettmeister mit reichlich Erfahrung in der Rhythmischen Sportgymnastik; der 51-Jährige konnte unlängst bereits als Gasttrainer in Schmiden überzeugen.

Vladimir Komkov ist meist nicht weit. Seine Frau Ludmilla Titkova, 64, ist nach wie vor Ballettmeisterin in Schmiden. Die beiden wohnen in der Stadt. Die Tochter Ludmila Komkova tanzt am Staatstheater in Wiesbaden. Der Opa kann wieder mehr Zeit mit den Enkeln verbringen. Und er kann am nahe gelegenen Stützpunkt, falls erforderlich, auch die Mädels beruhigen, wenn die mal ein bisschen ausflippen.




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