Stadt hinter Mauern: JVA-Serie „Als hätte man sein Lachen verloren“

Malen ist eine große Leidenschaft von Michael K. (hinten). Seine Bilder sind regelmäßig auf Ausstellungen zu sehen. Foto: LKZ/Kathrin Klette
Malen ist eine große Leidenschaft von Michael K. (hinten). Seine Bilder sind regelmäßig auf Ausstellungen zu sehen. Foto: LKZ/Kathrin Klette

Zwei Gefangene der JVA erzählen von ihrem Leben hinter Gittern und sprechen über die Zukunft.

Heimsheim - In unserer Serie „Stadt hinter Mauern“ haben wir die verschiedenen Arbeitsbereiche und Abteilungen der Justizvollzugsanstalt Heimsheim vorgestellt. Heute lassen wir zwei Gefangene zu Wort kommen.

Es ist ein Herbst wie aus dem Bilderbuch. Strahlender Sonnenschein, die Bäume leuchten in warmen Farben. Das perfekte Wetter, um den Tag mit Freunden und Familie zu genießen, zusammen spazieren zu gehen oder sich vor ein Café zu setzen. Michael K. und Heinrich M. (Namen von der Redaktion geändert) können das herbstliche Schauspiel nur aus der Ferne betrachten. Durch Gitterstäbe und von jenseits eines Stacheldrahtzauns. Sie sind Gefangene in der Justizvollzugsanstalt Heimsheim.

Es ist nicht der erste Herbst, den die beiden Männer hier verbringen. Heinrich M. wurde wegen versuchten Totschlags zu acht Jahren verurteilt, er sitzt seit 2013 im Gefängnis. Michael K. verbüßt eine lebenslange Freiheitsstrafe – wegen Mordes – und ist nun seit fast zehn Jahren hier. Mittlerweile haben sie sich mit ihrer Situation arrangiert und können sogar wieder hoffnungsvoll in die Zukunft schauen. Doch bis dahin war es ein langer und schwieriger Weg.

„Die Anfangszeit war extrem hart“, erinnert sich Heinrich M. Sein Freund hat die gleiche Erfahrung gemacht. „Das war, als hätte man sein Lachen verloren. Man macht sich ständig Gedanken und kann gar nicht so richtig realisieren, wie es überhaupt so weit kommen konnte, und man macht sich auch selbst Vorwürfe“, so Michael K. Im Streit beging er einen Mord im Affekt, wie er erzählt. „Da reicht manchmal ein Bruchteil von Sekunden, und das ganze Leben ist versaut“, formuliert es Heinrich M. Vor allem, wenn man alleine in seiner Zelle ist, gerate man viel ins Grübeln. „Wenn man an die Familie des Opfers denkt, nimmt einen das schon sehr mit“, so Michael K. „Ich würde alles tun, um es rückgängig zu machen.“

Lange Zeit der Eingewöhnung

Ihm selbst habe der Rückhalt seiner eigenen Familie und seiner Freunde seit Beginn an viel Kraft gegeben. Dieses Glück hatte Heinrich M. nicht. „Ich habe nach meiner Tat alles verloren, ich habe nichts und niemanden mehr“, erzählt er. Die Familie habe sich von ihm abgewandt, von ehemaligen Kumpels und Kollegen hat er nie wieder etwas gehört. „Am meisten hat mich immer runtergezogen, dass ich den Kontakt zu meinem Sohn verloren habe. Ich mache mir immer noch sehr viele Gedanken darüber, am Anfang bin ich in ein richtiges Loch gefallen.“

Trotz der unterschiedlichen Voraussetzungen hat es bei beiden vier bis fünf Jahre gedauert, bis sie sich mit ihrer Situation und dem Alltag im Gefängnis abgefunden haben, wie sie jeweils erzählen. „Doch der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier“, sagt Heinrich M. Trotz der fehlenden Kontakte zur Familie kam selbst für ihn irgendwann der Punkt, an dem er zu sich selbst gesagt habe: „Stopp.“ Der Punkt, an dem er akzeptiert habe, „dass man nicht mehr zurückkann. Man kann nur versuchen, es in Zukunft besser zu machen.“ Vor allem wolle er nach seiner Entlassung versuchen, sich mit seinem Sohn auszusöhnen.

„In erster Linie ist es wichtig, dass man sich mit etwas beschäftigt“, sagt Michael K. über den Haftalltag. Die Arbeit ist ein Teil davon. In seiner Freizeit malt er sehr gerne – seine Bilder werden regelmäßig zusammen mit denen von anderen Gefangenen aus dem JVA-Zeichenkurs bei Ausstellungen gezeigt – und darf sich als Langzeitgefangener zwei Wellensittiche halten. Er schreibt Briefe und Postkarten an die Familie und telefoniert viel mit zu Hause, spielt Volleyball und singt im Chor.

Gemeinsame Beschäftigung verkürzt den Tag

Heinrich M. ist nicht ganz so aktiv in seiner Freizeit. „Ich habe dafür einfach keinen Kopf. Dafür hat mir die Freundschaft mit Michael sehr viel geholfen.“ Die beiden Männer kennen sich seit etwa zwei Jahren. „Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich im Gefängnis noch mal so eine enge Freundschaft schließe“, erzählt Michael K. Gerade in der Freizeit treffe man sich oft, noch ein dritter Gefangener ist häufig mit dabei. „Wir trinken Kaffee und unterhalten uns, und wir lachen auch sehr viel zusammen“, so M. „Die Zeit geht so viel schneller vorbei.“ Am Ende eines Tages das Gefühl zu haben: Das war ein guter Tag, „das ist hier wie ein Sechser im Lotto“.

Eine gemeinsame Beschäftigung ist außerdem das abendliche Kochen. In ihrer Freizeit können die Gefangenen auf der Stockwerksküche kochen, die Zutaten müssen sie allerdings selbst bezahlen. „Es gibt schon viele Angebote und Möglichkeiten“, findet Michael K. auch mit Blick auf die Freizeitgruppen. „Man muss sie nur annehmen.“

Mit Mobbing oder Gewalt sind sie im Gefängnis nach eigener Aussage nie in Berührung gekommen. Vor allem, weil man sich von den entsprechenden Gruppen immer ferngehalten habe. „Man kann sich auch hier drin seine Pappenheimer selber aussuchen“, so Heinrich M. „Die meisten Gefangenen haben zum Beispiel irgendetwas mit Drogen zu tun, damit hatten wir gar nichts am Hut.“

Abseits der Freizeitgestaltung ist der Alltag im Gefängnis immer gleich. Morgens um 5 Uhr klingelt werktags bei Heinrich M. der Wecker. Wenn eine Dreiviertelstunde später die Vollzugsbeamten zur Lebendkontrolle die Zellen aufschließen, ist er schon fertig. „Das ist natürlich nicht bei allen so, es gibt auch welche, die lassen sich erst von den Beamten wecken“, erzählt Michael K. Er und M. rücken dann gemeinsam mit den anderen Arbeitern ab, doch sie gehen danach nicht in die Betriebe. Sie arbeiten als Reinigungskräfte im Verwaltungsbereich.

Freiheit in greifbarer Nähe

Als solche dürfen sich K. und M. im Gebäude zum Teil frei bewegen und haben auch sonst einige Haftlockerungen. Zu verdanken haben sie das ihrer positiven Entwicklung hinter Gittern wie der erfolgreichen Teilnahme an Therapien und dem vorbildlichen Verhalten. Ihre gute Prognose wird beiden voraussichtlich eine frühere Haftentlassung ermöglichen. Für M. kann es schon bald so weit sein, Michael K. dagegen muss noch eine Weile warten. 15 Jahre sind das Minimum bei Mord. Dennoch hat er gute Chancen, nach diesen 15 Jahren wieder dauerhaft zu seiner Familie zurückkehren zu können.

Da der Weg in die Freiheit für beide somit immer konkreter geworden ist, machen sie sich auch immer mehr Gedanken über die Zeit danach. M. ist Ende 50, K. Mitte 50, bei ihrer Entlassung werden beide um die 60 sein. „Es wird nicht leicht, da einen Job zu finden“, weiß Michael K. Sein Wunsch wäre es, in die Gastronomie zu gehen und weiter zu malen. Heinrich M. will sich ebenfalls als Erstes nach einer Arbeit umsehen. „Ich bin zwar in einem gewissen Alter, aber immer noch fit genug, um schaffen zu gehen.“ Dass es leicht wird, glaubt auch er nicht. „Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.“

Bereits jetzt erhalten die Männer regelmäßig Ausgang – im Fall von Michael K. sind es begleitete Ausgänge –, sie können draußen Erledigungen machen oder die Familie besuchen. Beide erinnern sich noch an ihren ersten Besuch in Freiheit nach langer Zeit.

Ihre Erfahrungen dabei könnten kaum unterschiedlicher sein. „Für mich hat es sich bei meinem ersten Ausgang so angefühlt, als wäre ich gestern erst draußen gewesen“, erinnert sich Heinrich M. „Es war ein ganz normales Gefühl.“ Michael K. dagegen hat die zahlreichen Änderungen sehr deutlich wahrgenommen. „Ich habe schon gespürt, dass ich lange nicht daheim gewesen bin. Die Umgebung verändert sich, alleine Stuttgart, aber auch die Menschen verändern sich. Zehn Jahre sind eben nicht wenig.“




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