Stadt widersetzt sich dem biederen Image Wenn Stuttgart in Ekstase gerät

Von Uwe Bogen 

In riesigen Lettern in Pink gibt das Kunstmuseum vor, worauf sich Stuttgart freuen kann: Die Ekstase naht! Aber auch an anderen Orten widersetzen sich Künstler dem biederen Image der Stadt. Unser Kolumnist berichtet von Events zwischen russischer Lebensfreude und einer Promi-Party in einem Atelier im Gerberviertel.

Schon jetzt zeigt das Kunstmuseum auf seiner Fassade an, um was es bald im Inneren geht: um Ekstase! Foto: Lichtgut/Leif Piechowski 8 Bilder
Schon jetzt zeigt das Kunstmuseum auf seiner Fassade an, um was es bald im Inneren geht: um Ekstase! Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Die Zeitung mit den großen Buchstaben, die sich mit immer wieder gern mit Themen befasst wie „So halten Sie beim Sex länger durch“ oder „Ist Sex in der Beziehung wirklich besser als beim One-Night-Stand?“, hat vorsorglich Alarm geschlagen. Am 29. September startet das Kunstmuseum seine Ausstellung „Ekstase“. Das Boulevardblatt fragt moralisch beunruhigt: „Sorgt nur noch Sex für Kundenverkehr im Museum?“

Schon die „Private Show“ des schwulen, an Aids verstorbenen Künstlers Patrick Angus hat im Glaskubus am Schlossplatz einen Ansturm ausgelöst. Die Chefin Ulrike Groos kann sich in diesem Jahr wohl über den stärksten Besuch in der Geschichte des Stuttgarter Kunstmuseums freuen. Die Lektüre der „Bild“-Zeitung hat sie nicht überrascht. Kunstkenner scheinen dort nicht zu arbeiten, sagt sie: „Unsere Ausstellung ,Ekstase‘ ist keine Sex-Ausstellung.“ Euphorie bis zum Exzess gebe es auch in der Politik, im Spirituellen, im sozialen Miteinander und bei vielem mehr. Aber richtig geärgert dürfte sich die 55-Jährige über den Sex-Aufmacher nicht haben. Die Neugierde ist geweckt. Ende nächstes Jahres läuft der Vertrag der Museumsdirektorin aus. Der Wunsch ist groß, dass die Kunstexpertin mit Gespür für Erfolg verlängert.

Genussfreude im Atelier im Gerberviertel

Das einst pietistisch geprägte Stuttgart ist schon lange nicht mehr die Hauptstadt der Askese. In diesem Sommer haben wir’s zwischen den Rolling Stones und den Jazz Open erlebt. Rauschartig haben die Menschen im Kessel und am Neckar den jetzt schon legendären Summer of Eigtheen gefeiert. Diese Stadt besteht nicht nur aus Langeweile und Maßhalten. Hier kann man genießen und alles mal fließen lassen. Beim Einstand für Wolfgang Kuhn, den neuen Honorarkonsul für Luxemburg, hat sich im Gerberviertel mal wieder Lebens- und Genussfreude gezeigt. Der Chef der Südwestbank folgt auf Peter Linder, der sich altersbedingt vom Ehrenamt verabschiedet.

Kuhn feierte im Atelier des luxemburgischen Künstlers Roland Schauls mit knapp 60 Gästen. Sein Freund Bernhard Lobmüller übernahm die kulinarische Versorgung mit sensationellem Käse, und Hans-Peter Wöhrwag schenkte aus, worauf sein Weingut besonders stolz ist. Der 65-jährige Schauls, der 1998 die Atelierräume am Fußweg zwischen Sophien- und Christophstraße gekauft hat, reihte für diesen Abend seine großformatigen Werke akkurat an den Wänden aneinander. Einst floss am Haus vorbei der Nesenbach blau und breit, wie der Künstler in einer historischen Stadtansicht zeigte. Unter den Gästen: Staatssekretärin Petra Olschowski, Autor Wolfgang Schorlau, Jazz-Open-Chef Jürgen Schlensog, Hochland-Kaffee-Chefin Martina Hunzelmann, Comedian Michael Gaedt, SWSG-Chef Samir Martin Sidgi, Künstlerin Holde Klis.

Mit sechs Jahren zog Barinov von St. Petersburg nach Stuttgart

Russische Lebensfreude war am selben Abend bei der Ausstellung des 29-jährigen Künstlers Georg Barinov im Arcotel Camino zu spüren. Mit sechs Jahren ist der heutige Chirurg des Robert-Bosch-Krankenhauses mit seiner Mutter aus St. Petersburg „nicht als Russlanddeutscher“ nach Stuttgart gezogen, sondern als „Russland-Russe“, wie er sagt. In seinen Arbeiten vermischen sich russische Propaganda und US-Pop-Art auf ironische und freche Weise. Putin etwa trägt bei ihm unterm Heiligenschein mariengleich nicht Jesus auf dem Arm, sondern ein Hundchen. Barinov, seit sechs Wochen Papa, feierte, versteht sich, mit Wodka.

Die Ekstase hat viele Facetten. In der Kunst ist sie ein gängiges Thema. Und wenn rauschhafte Freude ins wahre Leben übergreift, kann das sehr guttun. Das Kunstmuseum weist mit großer Schrift in der City den Weg. Ein Hoch auf die Ekstase!

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