Stadtbücherei Stuttgart In der Bibliothek geht eine Ära zu Ende

Normaler Betrieb herrschte am Schalter für die Ausleihe. Foto: Rudel 21 Bilder
Normaler Betrieb herrschte am Schalter für die Ausleihe. Foto: Rudel

Den letzten Öffnungstag der Stadtbücherei erleben die Besucher mit gemischten Gefühlen. Auch für viele Mitarbeiter ist der Abschied schwer.

WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Jeden Tag komme ich hierher, schon seit zehn Jahren", sagt Stefan Solomon und blickt von seiner Zeitung auf. Wie gewohnt sitzt er in der Leseecke der Eingangshalle des Wilhelmspalais. Stapelweise hat der 62-Jährige hier immer Zeitungen gelesen. "Wenn ich um 17 Uhr Feierabend hatte, bin ich erst mal in die Bücherei." Querbeet habe er dann alles gelesen, von den Stuttgarter Zeitungen bis zur Berliner Morgenpost. Nicht nur um die ausgiebige Lektüre ging es dem treuen Bibliotheksbesucher. "Ich habe hier Bekannte getroffen, und wir haben uns über das Gelesene ausgetauscht."

Mit gemischten Gefühlen blickt Solomon dem Umzug der Stadtbücherei entgegen. "Das neue Gebäude gefällt mir überhaupt nicht", bedauert er. Zwar gebe es auch dort einen offenen Raum und er werde auf jeden Fall hingehen. "Aber ich bin das hier gewohnt und es gefällt mir", sagt er über das historische Wilhelmspalais. Es sei traurig, dass die Bücherei am alten Standort schließe. Am Samstag, dem letzten Betriebstag, war Solomon deshalb extra früh aufgestanden. Der Einkauf fürs Wochenende sollte erledigt sein, bevor das Haus öffnet. "Ich möchte diesen Tag bis zum Schluss auskosten", erklärte er.

Wehmut und Neugier mischen sich am Öffnungstag

Auch für Jürgen Mayer ist die Stadtbücherei eine gewohnte Anlaufstelle. "Schon als Teenager war ich regelmäßig hier und das war 1978", erinnert er sich. Den letzten Öffnungstag mitzuerleben sei für ihn Pflicht gewesen. "Das ist schon ein Meilenstein." Der Umzug sei natürlich eine enorme Veränderung, aber die Debatten über das neue Gebäude am Mailänder Platz findet er übertrieben. "Diese Architekturdiskussionen gab es bei der Staatsgalerie und der Weißenhofsiedlung, heute gelten sie als Aushängeschilder der Stadt." Er sehe der Umstellung positiv entgegen. "Ich freue mich auch auf das, was kommt."

Die Chance auf Neues sieht auch ein Stuttgarter Ehepaar. "Für die Integration des neuen Viertels bedeutet die neue Stadtbibliothek eine Chance", sagen die beiden Besucher. Auf eine genauso gute Auswahl wie bisher hofft Florentina Duerden. Erst vor Kurzem habe sie die Bibliothek für sich entdeckt, sagt die angehende Erzieherin. "Ich bin gespannt, wie es in dem neuen Haus sein wird, aber es wäre auch schön, wenn alles so bleibt wie bisher." Das bisherige Gebäude sei einfach zu schön.

Wehmut und Neugier mischen sich am finalen Öffnungstag, an dem eigentlich alles wie gewohnt abläuft. Zeitungen rascheln, Bücher werden abgegeben, und Eltern lesen ihren Kindern etwas vor. Nur an der Auskunft dreht sich manches um den bevorstehenden Umzug. "Wie ist das denn mit der Rückgabe?", erkundigt sich eine Besucherin und erhält von Mitarbeiterin Evi Schönleber ein Informationsblatt. Schon lange habe sie sich für diesen Samstagdienst eintragen lassen, sagt Schönleber. "Das ist ein historischer Moment."

Für viele Mitarbeiter ist der Abschied nicht leicht

Dann tönt der Lautsprecher und Schönleber lauscht ihrem Kollegen. "Eine Ära geht zu Ende", so kündigt er die letzten 15 Minuten Stadtbücherei an. Derweil knallen die Sektkorken im Foyer, die Mitarbeiter stoßen mit den verbliebenen Besuchern an. Spontan habe man den Ausschank improvisiert, sagt die Bibliotheksdirektorin Ingrid Bussmann. "Viele haben gesagt, heute herrsche eine besondere Stimmung." Eine große Abschiedsveranstaltung wollte sie nicht. "Es sollte kein großer Trauermoment werden. Unsere Besucher sollen sich auf das Neue freuen."

Für viele Mitarbeiter sei der Abschied nicht leicht. "Viele haben ihr ganzes Berufsleben hier verbracht." Auf mehr als 20 Jahre blickt Ingrid Bussmann selbst zurück, am letzten Tag will sie allerdings nach vorne schauen. "Der Umzug ist eine Herausforderung, aber wann hat man schon einmal die Chance, eine neue Bibliothek zu gestalten." Ein gutes Gelingen im neuen Haus wünschen ihr viele der Besucher, eine ältere Dame prostet ihr mit dem Sektglas zu. "Ich bin so traurig, aber ich komme auch in die neue Bibliothek", verspricht sie. Offiziell ist um 16 Uhr Schluss, aber die Besucher bleiben heute länger. "Wir drücken ein Auge zu", sagt Bussmann. Stefan Solomon stößt in stillem Kopfnicken mit zwei Zeitungslesern an, Jürgen Mayer ist noch in seine Lektüre vertieft.




Unsere Empfehlung für Sie