InterviewStadtdekan Hermes kandidiert „Ich wäre ein politischer Caritas-Präsident“

Christian Hermes: „Priestersein heißt auch, sich rufen zu lassen.“ Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Christian Hermes: „Priestersein heißt auch, sich rufen zu lassen.“ Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Nach zehn Jahren als katholischer Stadtdekan in Stuttgart hat Christian Hermes Großes vor: Er kandidiert für das Amt des Präsidenten des Deutschen Caritas-Verbandes. Im Interview verrät er, warum.

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Stuttgart - Am 13. Oktober wählt die Delegiertenversammlung des Deutschen Caritasverbandes in Freiburg den Nachfolger von Präsident Peter Neher, der seit 2003 an der Spitze des größten privatrechtlichen Arbeitgebers in Deutschland steht. Neben der Caritas-Vorständin Eva-Maria Welskop-Deffaa und dem Vorstandschef des Caritasverbandes Trier, Markus Matthias Leineweber, bemüht sich auch der Stuttgarter Stadtdekan Christian Hermes um das Spitzenamt. Das Rennen ist offen.

Herr Hermes, vom Stadtdekan zum Caritas-Präsidenten – das wäre ein enormer Karrieresprung. Welche Motivation steht hinter Ihrer Kandidatur?

Um eines vorweg zu sagen: Ich bin sehr gerne hier und nicht etwa auf der Flucht. Seit Dezember hat man mich intensiv bearbeitet, ich möge mich zur Wahl stellen, weil ich hier eng mit der Caritas verbunden bin und im öffentlichen Diskurs profiliert auftrete. Ich habe mir das gut überlegt, auch weil ich hier viele Ämter ausübe, und mich dann für die Kandidatur entschieden. Es gehört zum Grundverständnis meines Dienstes, dass man sich rufen lässt, wenn es eine Aufgabe gibt, die einem zugetraut wird. Für mich heißt Priester sein auch, sich aus der eigenen Komfortzone heraus zu bewegen.

Die Caritas ist der größte Sozialdienstleister Deutschlands mit fast 700 000 Mitarbeitern und 500 000 Ehrenamtlichen. Trauen Sie sich das Amt zu?

Die Caritas besteht aus vielen selbstständigen Rechtsträgern. Gleichwohl habe ich allergrößten Respekt vor dem Amt. Ich traue es mir zu, weil ich viel operative Leitungserfahrung mitbringe und weil mir das Thema Weiterentwicklung der Caritas wichtig ist. Zum Amt des Präsidenten gehört die Repräsentanz des Verbandes, aber auch Caritas International und die Gesellschaftspolitik.

Drückt sich in Ihrer Kandidatur auch ein Stück Resignation aus, weil in der katholischen Kirche nichts so voran geht – trotz des Synodalen Wegs, der als Antwort auf die Missbrauchsfälle eingeschlagen worden ist?

Mir ist wichtig, zu betonen: Auch die Caritas ist Kirche. Ich bin strikt dagegen, verbandliche Caritas und Kirchen auseinanderzudividieren. Das Amt des Caritas-Präsidenten bildet eine Brücke zur Bischofskonferenz. Wer also ein Problem mit der Kirche hat, darf dieses Amt nicht übernehmen. Das Wirken der Caritas ist das, was im Evangelium zentral verkündet wird: Not sehen und handeln. Beim Synodalen Weg geht inzwischen übrigens viel voran. Der Zug fährt. Man wird ihn nicht mehr aufs Abstellgleis stellen können.

Ein wichtiges sozialpolitisches Thema ist die Pflege. In Stuttgart spitzt sich die Situation immer mehr zu. Was tun Verbände wie die Caritas dagegen?

Wir laufen in dieser Stadt schon seit mehreren Jahren in einen massiven Pflegenotstand hinein. Die Politik äußert zwar Verständnis. Die Frage ist aber, was wird konkret dagegen unternommen? Es gibt zu wenig Personal, zu wenige Bauplätze und einen enormen Investitionsbedarf. Da ist auch die Kommune in der Verantwortung, denn wir allein als Träger können das nicht stemmen.

Das Nein der Caritas zum Flächentarifvertrag in der Altenpflege war ein Grund dafür, dass er in diesem Jahr nicht zustande kam. Wie stehen Sie dazu?

In unseren Caritas-Unternehmen hätte der Tarif eine Verschlechterung für die Arbeitnehmer bedeutet. Natürlich wollen wir ein Regelwerk, das verhindert, dass anderswo Dumpinglöhne bezahlt werden. Die Idee muss sein, dass nur abrechnen kann, wer nach Tarif bezahlt. Der Fachkräftemangel zwingt die Träger glücklicherweise dazu, Arbeitnehmer anständig zu bezahlen.

Sie würden sich also als politischen Caritas-Präsidenten verstehen?

Ja, das Amt ist unweigerlich politisch, ob man möchte oder nicht. Die Gesellschaft lebt davon, das sich Verbände politisch aktiv einbringen und mit den Parteien ringen: Wie funktionieren soziale Gerechtigkeit, Generationengerechtigkeit? Auf diese Fragen müssen wir Antworten finden. Gerade für die jüngere Generationen ist es wichtig, was in 50 Jahren ist und nicht nur in fünf Jahren. Man muss bereit sein, den Finger in die Wunde zu legen, um zu nachhaltigen Lösungen zu kommen.

Wenn Sie die Wahl gewinnen, wer kann dann hier in Ihre Fußstapfen treten?

Ich will mich nicht zu Nachfolgefragen äußern, bin aber zuversichtlich, dass sich für alle Positionen Nachfolger finden. Sollte ich ich gewählt werden, ist es mir wichtig, ein gut bestelltes Stadtdekanat zu übergeben. Und wenn nicht, bleibe ich auch gerne hier in Stuttgart.

Zur Person

Werdegang
Geboren wurde Christian Hermes am 5. Mai 1970 in Baden-Baden. Aufgewachsen ist er im Schwarzwald. Er studierte katholische Theologie und Philosophie in Tübingen und Paris. Nach seinem Vikariat kam er 2007 nach Stuttgart und übernahm hier die Pfarrstelle in St. Elisabeth. Seit 2011 ist er Dom­pfarrer der Domkirche St. Eberhard und Leitender Pfarrer der Seelsorgeeinheit Stuttgart-Mitte. Im selben Jahr wurde er zum Stadtdekan gewählt und 2018 für weitere sieben Jahre im Amt bestätigt. Hermes ist auch Vorsitzender des Caritasrates des Caritasverbandes Stuttgart. 2016 gründete er in Stuttgart den Rat der Religionen.




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