Stadtführung in Stuttgart Tour durch die Geschichte der RAF

Das Oberlandesgericht gehört zu den RAF-Schauplätzen in  Stuttgart. Foto: Horst Rudel
Das Oberlandesgericht gehört zu den RAF-Schauplätzen in Stuttgart. Foto: Horst Rudel

Konspirative Wohnungen, eine Anwaltskanzlei, das Oberlandesgericht – Auf den ersten Blick sind es unscheinbare Orte. Das Haus der Geschichte deckt bei einer Stadttour, den RAF-Hintergrund dieser Plätze auf.

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Stuttgart - Nichts erinnert mehr an die bleierne Vergangenheit des Sandsteinhauses am Fuße der Sünderstaffel – außer ein paar alte Geschichten, die der Historiker Rainer Schimpf bei seinen umfangreichen Recherchen in einschlägigen Archiven ausgegraben hat. Hier, im Erdgeschoss der Pfitzerstraße 10, sollen einst die führenden Köpfe der RAF, Andreas Baader und Gudrun Ensslin, in einer ihren vielen konspirativen Wohnungen regelmäßig zusammengekommen sein, um Aktionen zu planen und Waffen zu beschaffen.

Entdeckt hat Rainer Schimpf die Geschichte des Hauses in einem alten „Spiegel“ von 1972, in dem ein gewisser Hans-Peter „Conny“ Konieczny, gelernter Schriftsetzer und als solcher für einige Zeit Unterstützer der RAF, eine Begegnung in Stuttgart schildert. Demnach hatte er sich im Mövenpick auf dem Kleinen Schlossplatz mit einem Anwalt getroffen, der ihm die Pfitzerstraße aufzeichnete und das Haus markierte. Um Mitternacht sei er losgegangen und habe an der Metalltür das genannte Zeichen geklopft. Aufgemacht habe eine Frau in rotbraunem Wildledermantel und einer Pistole in der rechten Hand. Drinnen sei ein Typ mit einer Knarre im Gürtel und bleichem Gesicht an einem Schränkchen gelehnt und habe gesagt: „Nun schieß mal los.“

Geeignete Plätze gibt es viele

Das unscheinbare Haus mit den Sprossenfenstern, einst Unterschlupf von Gudrun Ensslin und Andreas Baader, ist dabei nur einer von vielen Schauplätzen, über die Rainer Schimpf solche Geschichten erzählen kann. Der Historiker vom Haus der Geschichte hat eine besondere Tour zusammengestellt, begleitend zur Ausstellung „RAF – Terror im Südwesten“, die zeigen soll, dass Stuttgart eine zentrale Rolle in der Geschichte der Rote-Armee-Fraktion spielt. Geeignete Plätze, um mit der Zeitreise zu beginnen, gäbe es viele, so Schimpf: die Martin-Luther-Kirche in Bad Cannstatt, in der Gudrun Ensslins Vater Pfarrer war, jenes Apartment in der Wohnanlage Asemwald, in dem der Schotte Ian James Torquil McLeod durch die geschlossene Tür irrtümlich von Polizisten erschossen wurde, das Grab Hanns-Martin Schleyers in Sillenbuch, Stammheim, den Dornhaldenfriedhof, die Seidenstraße in Degerloch oder eines der Erdverstecke und Depots.

Bei der Premiere seiner Tour führt der Historiker aber zunächst an einen anderen Ort, das Oberlandesgericht in der Olga­straße. Hier wurde 2012 der letzte große RAF-Prozess verhandelt, bei dem Verena Becker wegen Beihilfe zum Mord an Siegfried Buback zu vier Jahren Haft verurteilt worden ist. An den 77 Verhandlungstagen habe man sie oft im Café sitzen sehen, eine ältere Frau mit Rollkoffer, erzählt Schimpf. Nicht fehlen darf bei seiner Führung natürlich die einstige Kanzlei des RAF-Anwalts und verurteilten Unterstützers Klaus Croissant in der Langen Straße, zweifellos einer der bekannten Schauplätze. Im Verborgenen steht dagegen das Hinterhaus in der Schlosserstraße 28 A, in dem die Terroristen Volker Speitel und Willy Peter Stoll mit ihren Frauen und Kindern in einer WG lebten, mit eigener Druckerei im Keller.

Weitreichende Bekanntschaften

Zu den legendären Orten der Zeit zählt allen voran der einstige Club Voltaire in der Leonhardstraße, 1964 unter anderem von Peter Grohmann gegründet. In dem Lokal, Treff der linken Szene, seien weit reichende Freundschaften geschlossen worden, so Schimpf. Croissant habe hier verkehrt, der Schriftsteller Peter Chotjewitz und ein gewisser Joschka Fischer, von dem überliefert ist, dass er auf seine Weise beim Renovieren des Kellers half. Er habe lässig seine Kippe in den Eimer mit weißer Farbe geschnippt, so Schimpf, begleitet von der Frage: „Was soll der kleinbürgerliche Scheiß?“




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