Stadtkind Stuttgart

Stadtkinder über ihre Stadt: Barchef Julian Klotz "Einen Feinstaub Fizz, bitte!"

Von Björn Springorum 

Stuttgart, für immer erste Liebe: In unserer neuen Reihe erzählen Stadtkinder, was sie an ihrer City so lieben - und was sie so richtig nervt. Heute mit Julian Klotz, Gentleman, Barchef im Paul & George und Wacken-Gänger.

Der Bart sitzt, das Grinsen auch: Julian Klotz in seinem Element. Foto: privat 2 Bilder
Der Bart sitzt, das Grinsen auch: Julian Klotz in seinem Element. Foto: privat

Stuttgart – Eine Stadt ist immer nur so gut wie ihre Bartender. Sind sie fachlich inkompetent oder unentspannt, wird der dringend benötigte Feierabend-Drink nicht zur wohlverdienten Entspannung, sondern zur Zerreißprobe, die man doch eigentlich am Arbeitsplatz hinter sich gelassen glaubte. Gut, dass Stuttgart Julian Klotz hat. Natürlich ist der 27-Jährige nicht der einzige Bartender, der etwas von seinem Handwerk versteht, aber er ist ohne jeden Zweifel einer der angenehmsten, charmantesten und entspanntesten. Wenn er hinter der schicken Theke im Paul & George steht, kann man sich sicher sein, dass stets der richtige Drink im Glas landet. Perfekt gemischt, mit Stil serviert.

Ansonsten fährt der Bartender und Bart-Tender mit dem auffällig gepflegten Gesichtshaar auch schon mal ins Heavy-Metal-Mekka Wacken, wo er im Schlamm badet, Dosenbier mit Jägermeister trinkt und (wie alle anderen 80.000) laut und zufrieden „WACKÖÖÖN!“ grölt. Niveauflexibilität ist eben alles, das weiß Klotz, der abseits des lauten Ackers auch mal Schampus zum Frühstück genießt. Sein Credo: Jeder soll dann mit dem Trinken anfangen, wenn er sich danach fühlt. Vor antiquierter „kein Bier vor vier“-Polemik will er nichts wissen, am Arbeitsplatz genehmigt er sich allerdings höchstens am Wochenende mal einen Gin Tonic. Perfekt gemixt natürlich.

Zum Barchef im Paul & George – und somit zu seinen hochgeschätzten Kollegen und Mentoren Marco Solarino und Dawit Porwich – kam er, das glaubt man eigentlich kaum, über Umwege. Als Student arbeitete er in einer Konstanzer Bar, lernte eine Menge über Whisky und die feine Art, Drinks zu kredenzen. „Vor fast drei Jahren hat mich Jonas Hald dann zu Knud Scheibelt in die Schwarz-Weiss-Bar geholt“, so Klotz. Meistens in Ludwigsburg zugegen, war Uwe Heine dort sein Mentor. „Von ihm habe ich wirklich viel beigebracht bekommen; er hat mein autodidaktisch angeeignetes Wissen geschliffen und mich im richtigen Moment auch mal gebremst.“

Hier soll es aber natürlich um Julian Klotz gehen. Und um seine große Leidenschaft. „Ich bin Gastgeber und will meinen Gästen einen sorgenfreien Abend abseits des Alltags, sowie ein außergewöhnliches Geschmackserlebnis bieten“, so sagt der Bartender selbst über sich. Und empfiehlt gleich noch diesen sorgenfreien Ablauf für einen Abend im wie immer stilvoll-verruchten schummrigen Paul & George direkt im Rotlichtviertel: „Einfach hinsetzen, die Jacke ablegen und sich bedienen lassen. Am liebsten führe ich ein kurzes Gespräch mit meinen Gästen, in dem ich herausfinde, was Ihnen schmeckt.“ Wir Stadtkinder können definitiv bestätigen: Er findet es immer heraus! Also haben wir uns mal wieder zu ihm an den Tresen gesetzt und bei einer kurzen Auszeit über seine Beziehung zu Stuttgart gesprochen.

Seit wann lebst du in Stuttgart? Ich lebe seit meiner Geburt in Stuttgart, war zwischendurch knapp vier Jahre in Konstanz und bin nun seit drei Jahren wieder hier.

Wann und wo hast du dich in Stuttgart verliebt? Als ich wegzog. Man weiß etwas leider oft erst zu schätzen, wenn man es nicht mehr hat.

Wo ist deine Hood? 0711, Digger. Ich fühle mich vor allem im Süden und in Mitte wohl.

Wo ist Stuttgart am schönsten? Wenn man von der Weinsteige runterblickt – und im Sommer am Marienplatz.

Wo am hässlichsten? Zur Wasenzeit am Hauptbahnhof, morgens um halb zehn. Wenn die Leute sich einen ansaufen, um saufen zu gehen...

Wo darfst du dich nicht mehr blicken lassen? Ich habe immer noch meinen Access-All-Areas-Pass...

Wenn Stuttgart ein Song wäre, welcher wäre er? Für die einen „Bruttosozialprodukt“ von Geier Sturzflug, für die anderen „Erste Liebe“ von Max Herre.

Dein Lieblingsort in der Stadt? Die Wilhelma!

Ein Geheimtipp, den du ausnahmsweise mit uns teilst: Die kleine Tapas-Bar La Casona Sanz am Leonhardsplatz.

Welchen romantischen Ort wählst du für ein erstes Date? Meine Küche, ich koche. Oder das Teehaus.

Dein Lieblingsrestaurant? Der Ochsen am Bihlplatz. Er setzt viel auf gute, regionale Qualität und guten persönlichen Service. Man will wirklich jeden Bissen und jeden Schluck genießen.

Beste Kneipe? Kap Tormentoso und Immer Beer Herzen bestechen durch Zwanglosigkeit, gutes Bier und ein aufmerksames Team. Außerdem gibt es im Kap gute Konzerte und einen leckeren Mittagstisch.

Heftigste Absturz-Kneipe? Wikinger. Mehr muss man dazu nicht sagen.

Wo kann man am besten shoppen? Gute Frage, wüsste ich auch gern.

Wo hängst du im Sommer am liebsten ab? Ich pendle von Café zu Bar zu Restaurant.

Was würdest du erlassen oder ändern, wenn du OB wärst? Weniger Franchise-Läden in der Innenstadt, eine Fußgängerzone in der Tübinger Straße. Die Miete für junge Unternehmer/Gastronomen senken, sodass sie eine Chance haben, auch in der Innenstadt Fuß zu fassen. Und natürlich eine Sommerrodelbahn vom Fernsehturm zum Schlossplatz.

Wie bist du in der Stadt unterwegs? Zu Fuß, ich laufe gerne.

Was fehlt dieser Stadt am meisten? Gastronomie mit Herz! Waghalsigkeit. Neugier auf Neues.

Wenn Stuttgart ein Cocktail wäre, was wäre drin und wie würde er heißen? Herrgottsbescheißerle Daiquiri, Feinstaub Fizz oder Kehrwoche Royal: In diesen Drinks sind eine Menge hausgemachte leckere Zutaten, facettenreich, aber nicht zu auffällig in der Gestaltung. Sie punkten durch Raffinesse, nicht durch pompöse Dekoration. Man muss einen geschulten Gaumen haben, um die feine Komplexität und den weichen Abgang erfassen zu können. Ab und zu ein wenig zu viel Feinstaub am Glasrand und für die bittere Beinote ein paar Tropfen Pseudo-Schickeria.

www.paulandgeorge.de




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