Stadtkirche Leonberg Das Verbindende in der Verschiedenheit

Von Ute Jenschur 

Evangelische und katholische Kirchen begehen gemeinsam den Reformationstag.

Pastoralreferent Jürgen Oettel (links) und Pastor Thomas Schmückle streicheln das Kreuz. Foto: Ute Jenschur
Pastoralreferent Jürgen Oettel (links) und Pastor Thomas Schmückle streicheln das Kreuz. Foto: Ute Jenschur

Leonberg - Im Altarraum der Leonberger Stadtkirche drängen sich die Besucher. Alle wollen das Holzkreuz anfassen, das gerade aus acht Einzelteilen zusammengefügt wurde. Mit einem Glas Sekt in der Hand ergeben sich jetzt Gespräche über die Konfessionen hinweg. Die Gemeinsamkeiten zu suchen und zu leben, das ist die Idee dieses ökumenischen Gottesdienstes. Und sie ist gelungen. Das Besondere an diesem Reformationstag ist, dass er von allen Kirchengemeinden der Stadt Leonberg gemeinsam begangen wird.

Der Tag startet mit kurzen Gottesdiensten in den Stadtteilen. Dann machen sich die Gemeinden auf den Pilgerweg zur Stadtkirche. Sie bringen die Einzelteile für das Kreuz aus den evangelischen und katholischen Kirchen von Gebersheim, Warmbronn, der Gartenstadt, Eltingen, vom Blosenberg und dem Ramtel in die Innenstadt. Zunächst liegen die acht Holzstücke aus Douglasie, Buche, Akazie und Eiche noch ungeordnet vor dem Altar. Das Durcheinander stört den evangelisch-methodistischen Pastor Thomas Schmückle.

Ein Symbol des Miteinanders

Diese Unordnung sei Sinnbild für den Zustand von Gesellschaft und Kirche, überall gebe es Stolperfallen. „Kann aus diesem Durcheinander etwas Sinnvolles werden?“, fragt Schmückle. Der katholische Pastoralreferent Jürgen Oettel ist zuversichtlich. Er rät, zunächst auf das Verbindende, das Gemeinsame zu schauen, nicht auf das Trennende. Obwohl die Holzstücke von ganz unterschiedlichen Bäumen stammen, haben sie etwas gemeinsames, das es zu erkennen gelte. Dekan Wolfgang Vögele vom evangelischen Kirchenbezirk Leonberg betont in diesem von den drei Pfarrern durchaus humoristisch vorgetragenen Gleichnis, dass Unterschiede doch bleiben werden und auch nicht unter den Teppich gekehrt werden sollten. Letztlich sind sich die Kirchenmänner aber schnell einig: Die Unordnung vor dem Altar kann so nicht bleiben, etwas Sinnvolles, ein neues Ganzes soll aus den Teilen entstehen.

Gesagt, getan, Jürgen Oettel klettert auf die Leiter, Wolfgang Vögele und Thomas Schmückle reichen ihm die Holzstücke zu. In kürzester Zeit entsteht eine rechteckige Skulptur, im oberen Teil quer unterbrochen und zusammengehalten von einem nach allen Seiten sichtbaren goldenen Kreuz. Das an diesem Tag gemeinsam geschaffene Holzkreuz ist ein Symbol für ein gelebtes Miteinander der Konfessionen.

Getrennt sind die beiden Kirchen seit jetzt 500 Jahren, auch wenn der Mönch Martin Luther keine Spaltung der katholischen Kirche vorhatte, als er am 31. Oktober 1517 der Legende nach seine 95 Thesen an das Tor der Wittenberger Schlosskirche nagelte. Er wollte den Ablasshandel und andere Missstände in der katholischen Kirche anprangern. Seine Forderung nach Reformen trafen aber den Nerv der Zeit. Es begann eine Entwicklung, die letztlich zur Bildung evangelisch-lutherischer Kirchen führte und die Reformation einleitete. Diese Erneuerung revolutionierte nicht nur Kirche und Theologie, sie setzte auch die gesellschaftspolitische Entwicklung zur modernen Gesellschaft der Neuzeit in Gang. Auch Leonberg wurde von der Reformation stark beeinflusst.

Die Zeichen der Zeit erkennen

„Ohne sie gäbe es zum Beispiel die Lateinschule nicht, die vielen zum Lesen und Schreiben verhalf und die auch der Astronom Johannes Kepler besuchte“, sagt Oberbürgermeister Bernhard Schuler im Grußwort. Die Reformation war laut Schuler Ausdruck einer Fehlentwicklung der katholischen Kirche, der es an Toleranz mangelte, die die Zeichen ihrer Zeit nicht erkannte und im eigenen Denken verharrte.

Mit Blick auf heute mahnt Bernhard Schuler, dass auch die Politik in der Pflicht sei, die Zeichen der Zeit zu erkennen und nach Gemeinsamkeiten zu suchen. „In unserer heterogenen Gesellschaft muss diese Botschaft dringend aufgenommen werden“, so der OB. „Wir müssen nach dem Verbindenden in der Verschiedenheit suchen, weit über Kirchengrenzen hinaus.“




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