Starker Schwund der Fachkräfte Das Handwerk muss wieder in die Köpfe hinein

Von Arnold Einholz 

Auf den landesweiten Informationstagen werden Schülern die Berufe des Baugewerbes vorgestellt. Die Branche sucht händeringend nach Fachkräften.

Aus  Gips  lassen sich  mit dem nötigen Können viele interessante Foto: factum/Bach
Aus Gips lassen sich mit dem nötigen Können viele interessante Foto: factum/Bach

Leonberg - Wer will selbst versuchen, einen Stein zu legen?“, fragt der Ausbilder in der Werkstatt des Ausbildungszentrums für Stuckateure, wo gerade eine Mauer gebaut wird. Doch niemand aus der Schülergruppe will sein Smartphon aus der Hand geben und sich womöglich mit Mörtel schmutzig machen. Um diese Teenager für einen Beruf im Bauhandwerk zu begeistern, braucht es noch viel Überzeugungsarbeit.

In 18 Ausbildungszentren landesweit haben gestern und heute Informationstage rund um die Bauberufe stattgefunden. Dazu haben die baden-württembergischen Bauverbände Lehrer und Schüler der Klassen 8 der Werkrealschule und 9 der Realschulen, Berufsschulen, Berufsberater und Eltern eingeladen. Im Ausbildungszentrum der Stuckateure in Leonberg haben sich etwa 250 Schüler mit ihren Lehrern aus Leonberg, Stuttgart, Ludwigsburg, Böblingen, Weil der Stadt, Holzgerlingen, Renningen und Rutesheim angemeldet.

Workshops in den Ausbildungshallen

Im Stundentakt empfängt Frank Schweizer, der Leiter des Zentrums, die Schülergruppen. „Die Informationsveranstaltung wurde bei uns auf zwei Tage ausgedehnt, damit jeder Gruppe genügend Zeit gewidmet werden kann und die Jugendlichen auch an den praktischen Workshops teilnehmen können“, erläutert Schweizer. Und bedauert im gleichen Atemzug: „Wir hatten an solchen Tagen auch schon mehr Interessenten.“

Die jungen Leute erfahren, was das Bauhandwerk bedeutet, welche Berufe mitwirken, zudem alles rund um die duale Ausbildung, die Dauer, das Entgelt. „Im dritten Ausbildungsjahr gibt es bei den Stuckateuren 1410 Euro im Monat, in den drei Jahren insgesamt fast 40 000 Euro“, verkündet aus dem Hintergrund laut einer der Leonberger Azubis.

„Die Zahl derer, die etwas über einen Handwerksberuf wissen, wird immer kleiner“, muss Frank Schweizer jedes Jahr immer wieder erfahren. Aus der 30-köpfigen Gruppe, die er gerade zu den Workshops verabschiedet hat, wussten gerade mal drei, was ein Maurer macht, doch keiner und keine, welche Arbeiten ein Stuckateur verrichtet. Und so stehen an den beiden Informationstagen die sechs Berufe des Bauhauptgewerbes im Mittelpunkt: Maurer, Stuckateur, Zimmermann, Fließenleger, Stahl- und Betonbauer sowie Landschaftsgärtner. Außer für den letzten, sind in den Hallen beim Berufsschulzentrum praktische Workshops eingerichtet.

Zahl der Azubis geht dramatisch zurück

Auszubildende begleiten die Schüler und stehen ihnen gemeinsam mit den Ausbildern Rede und Antwort, denn für viele der Jugendlichen ist es der erste Kontakt zu einem Handwerk. Wichtig ist es Schweizer, den Jugendlichen aufzuzeigen, dass ihnen über den zweiten Bildungsweg noch viele Türen offen stehen. „Ein Werkrealschüler, der die dreijährige Gesellenausbildung mit einer guten zwei beendet, hat den Realschulabschluss, und ein guter Meisterbrief befähigt zum weiteren Studium“, sagt der Leiter des Ausbildungszentrums. „Trotz guter Berufschancen und einer angemessenen Bezahlung zeichnet sich in den Bauberufen ein enormer Fachkräftemangel ab“, ist Frank Schweizer besorgt. „In Baden-Württemberg entsteht ein richtiges Vakuum, von den rund 900 Mitgliedsbetrieben in der Landesvereinigung haben gerade mal 200 einen Auszubildenden, dabei hätten viele gern sogar mehrere.“ Eine Zahl, die sich auch im Ausbildungszentrum für Stuckateure niederschlägt. In den drei Lehrjahren sind gegenwärtig rund 400 Jugendliche eingeschrieben. „Anfang der 90- er Jahre hatten wir hier in der dualen Ausbildung sogar mehr als 1200 junge Leute“, sagt Frank Schweizer im Rückblick.

„Unser Hauptziel ist, den jungen Menschen das Handwerk wieder in die Köpfe zu bringen, sie neugierig zu machen, damit sie sich dafür entscheiden“, sagt der Leiter des Ausbildungszentrums. Dabei gelte es für die Ausbilder auch einer gesellschaftlichen Entwicklung entgegen zu wirken. „Die motorischen Fähigkeiten der Jugendlichen sind immer schwächer ausgereift und handwerklichen Fähigkeiten wird in vielen Schulen leider eine immer geringere Bedeutung zugemessen“, mahnt Schweizer. Das soziale Verhalten der jungen Leute sei super. „Aber der eine oder die andere weiß nicht, wie man einen Hammer in der Hand hält, oder mit einem Besen den Hof fegt“, muss Frank Schweizer im Alltag feststellen.