Stationärer Buchhandel in Stuttgart Buchkauf soll zum Erlebnis werden

Im vergangenen Jahr verzeichnete der stationäre Buchhandel nach mehreren Krisenjahren erstmals wieder ein leichtes Umsatzplus. Auch in Stuttgart kommt der Aufschwung an. Doch nicht jeder sieht darin einen Grund zur Freude.

Gerade bei Kinder- und Jugendbüchern stehen klassische Buchläden bei den Kunden hoch im Kurs Foto: Achim Zweygarth
Gerade bei Kinder- und Jugendbüchern stehen klassische Buchläden bei den Kunden hoch im Kurs Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Wenn sich Dan Browns berühmter Symbologe Robert Langdon in ein neues Abenteuer stürzt, bestellen viele seiner Fans den neuen Roman bereits Wochen zuvor beim Online-Versandhändler Amazon vor. Ähnlich verhält es sich auch mit den meisten anderen Bestsellern, bei denen die Kunden schon vor der Veröffentlichung bestens über die Inhalte Bescheid wissen. Der stationäre Buchhandel kann dem Käufer hier keinen Mehrwert bieten: „Bestseller funktionieren im Internet deutlich besser“, sagt Rainer Bartle, Geschäftsführer der Buchhandlung Wittwer in Stuttgart. „Anders sieht es dagegen beispielsweise bei Kinderbüchern oder Fachliteratur aus. Hier wünschen sich die Kunden zunehmend eine persönliche und fachlich kompetente Beratung durch ausgebildete Buchhändler.“

Das bestätigt Maike Giebner vom Kinderfachbuchladen Naseweis, der auf der Leipziger Buchmesse als „kreativste Buchhandlung 2014“ ausgezeichnet wurde: „Mit diesen Umsatzeinbußen musste ich noch nie kämpfen. Bei Kinder- und Jugendbüchern zählt die intensive Beratung mehr als alles andere. Die Leute wollen die Bücher anfassen, um zu sehen, ob sie wirklich zu ihren Kindern passen.“

Die Beratung steht im Mittelpunkt

Der Trend zurück zum kleinen Laden an der Ecke spiegelt sich nach mehreren Krisenjahren nun aber auch erstmals in den Umsätzen der Buchbranche wieder: Während der Online-Handel im vergangenen Jahr bundesweit einen leichten Umsatzrückgang von zwei Prozent verzeichnet hat und der Buchmarkt insgesamt mit einem Umsatz von 9,52 Milliarden Euro stagnierte, fuhr der klassische Buchhandel ein Umsatzplus von 0,9 Prozent ein.

Den Aufwärtstrend spürt auch Wittwer-Geschäftsführer Bartle: „Wir sind sehr glücklich darüber, dass mehr und mehr Kunden, die uns in der Vergangenheit den Rücken gekehrt hatten, wieder zu uns zurückkommen.“ Der stationäre Buchhandel konzentriere sich darauf, die Kunden gut zu beraten und den Buchkauf als Erlebnis zu inszenieren. An die Stelle von Lesungen treten deshalb immer häufiger moderierte Diskussionsrunden. Auch speziell auf Kinder ausgerichtete Veranstaltungen sowie „Lange Nächte“ sollen die Kunden in die Läden locken.

Susanne Martin von der Schiller Buchhandlung in Vaihingen führt das Umsatzplus aber auch auf einen starken Belletristik-Herbst mit gleich mehreren Verkaufsschlagern zurück: „Besonders die Werke der Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro verkauften sich hervorragend. Zudem hat sich natürlich auch die negative Berichterstattung über Amazon bemerkbar gemacht. Wir beobachten seither verstärkt den Trend zu ,buy local‘, also der bewussten Entscheidung den Einzelhandel zu unterstützen.“ Viel sei allerdings auch von lokalen Gegebenheiten und der Zielgruppe der einzelnen Buchhändler abhängig: „Das neue Buch von Sarrazin etwa läuft bei uns überhaupt nicht. Obwohl es auf dem ersten Platz der Bestsellerlisten ist, haben wir davon erst zwei Exemplare verkauft“, so Susanne Martin.

Keine generelle Kehrtwende in Sicht

Reiner Steegmüller, der Geschäftsführer der Buchhandlung Steinkopf, teilt die Euphorie seiner Kollegen indes nicht: „Nachdem es jahrelang immer nur bergab gegangen ist, sehe ich in einem einmaligen Umsatzplus von 0,9 Prozent noch keinen Grund, von einer generellen Kehrtwende sprechen.“ Man müsse sich doch nur mal umschauen: „Fast täglich schließt irgendwo ein Buchhändler seinen Laden, weil ihm nach Jahren der Krise einfach die finanziellen Mittel fehlen.“

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