Steigende Umsätze Die Rückkehr des Whiskeys

Von , Washington 

In den Vereinigten Staaten wird so viel Whiskey gebrannt wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Kleine Distillen boomen. Während die Spirituose damals eher reine Männersache war, ist Whiskey heute auch bei vielen Frauen beliebt.

Whiskey vom Feinsten: diese Fässer lagern in einer  Brennerei in New York. Foto: AFP
Whiskey vom Feinsten: diese Fässer lagern in einer Brennerei in New York. Foto: AFP

Lawrenceburg - Jimmy Russell hat einen dicken Bauch und lacht gerne. Nun sitzt er schon am frühen Morgen vor acht ­Gläsern mit acht verschiedenen Whiskeysorten und gibt den Alleinunterhalter. Früher, sagt Russell, seien Whiskey und Bourbon, wie das Getränk in Kentucky genannt wird, eine Sache für Zigarren rauchende Männer beim Kartenspiel gewesen. Heute dagegen seien auch die Ladys ganz versessen auf seinen Bourbon, sagt der 78-Jährige. ­Das ist eine Beschreibung des Phänomens vom Erfolg des Whiskeys, aber keine Erklärung.

Russell kümmert das nicht. Er will jetzt zeigen, wie eine richtige Whiskey-probe in Kentucky aussieht. Darin hat er Übung, er macht das seit fast 60 Jahren. Er ist der Brennmeister von Wild Turkey, einer Distille in der Hügellandschaft von Kentucky. Russell greift sich eines der Probiergläser, die vor ihm aufgebaut sind, beschnuppert die Spirituose eingehend, nimmt einen Schluck, kaut genießerisch auf der goldbraunen Flüssigkeit, schluckt und gibt ein euphorisch klingendes „Aahh“ von sich. Bis zu 200 unterschiedliche Geschmacksvarianten wollen Kenner im US-Whiskey entdeckt haben.

Die besten Verkaufszahlen seit dem Ende der Prohibition

Wild Turkey, Jack Daniel’s, Jim Beam, George Dickel, Maker’s Mark, Woodford Reserve – es mangelt nicht an Whiskeysorten in den USA. Gemein ist ihnen allen, dass sie seit ein paar Jahren gekauft werden wie noch nie seit dem Ende der Prohibition Anfang der 1930er Jahre. „Wir sind mitten in einer Whiskeyrenaissance“, sagt etwa Fred Noe, der in siebter Generation Brennmeister bei Jim Beam ist.

Die Zahlen geben ihm recht. Im vergangenen Jahrzehnt lag der Umsatzzuwachs der US-Destillen bei 70 Prozent. 2012 wurde einheimischer Schnaps für insgesamt 6,5 Milliarden US-Dollar verkauft. Die Exporterlöse stiegen 2012 auf eine Rekordhöhe von fast 1,5 Milliarden US-Dollar. 2002 lag dieser Wert noch bei knapp über 500 Millionen Dollar. Allein in Deutschland verkauften die amerikanischen Brennereien vergangenes Jahr Spirituosen im Wert von 120 Millionen Dollar. Zehn Jahre zuvor waren es etwas mehr als 64 Millionen.

Das Geschäft lohnt sich. Längst sind die meisten US-Brennereien in der Hand internationaler Konzerne. Russells Wild Turkey etwa gehört inzwischen zu Campari. Andere Brennereien wurden von Diageo gekauft, einem britischen Konzern. Und der Staat verdient kräftig mit. Jimmy Russell, der stets gut gelaunte alte Mann, sagt: „Wir schulden Uncle Sam alle zwei Wochen 1,5 Millionen US-Dollar an Steuern.“

Honig mildert den hölzernen Geschmack ab

Es gibt unterschiedliche Erklärung für den Boom des einheimischen Schnapses in den USA. Die einen sagen, die Brennmeister hätten ein glückliches Händchen gehabt, als sie ihren Whiskey mit Honig versetzten, um ihm den hölzern-herben Beigeschmack zu nehmen und eine neue Sorte zu kreieren. Jimmy Russell etwa hat das schon vor vielen Jahren gemacht, obwohl er sagt, das Zeug schmecke ihm nicht: „Ich mache davon höchstens im Sommer etwas auf das Eis.“

Andere wiederum sagen, der Erfolg liege an den neuen Mischgetränken auf Whiskeybasis. Jim Beam etwa unterhält ein sogenanntes Globales Innovationszentrum auf einer Wiese nahe Clermont in Kentucky. Das ist gewissermaßen das Forschungszentrum der Schnapsindustrie. Dort arbeitet die Lebensmitteltechnikerin Heather Daines gerade an einer Mixtur aus Bourbon, der mit Kirschsaft versetzt ist und später mit Ingwerbrause und Limettensaft gemischt wird.

Wieder andere finden, dass diese Art der Geschmacksbeigabe eine Sünde sei. Der Erfolg des US-Whiskeys liege daran, dass sich immer mehr kleine, aber feine Brennereien einen kleinen, aber feinen Markt erschlössen. Tatsächlich werden von Monat zu Monat neue Destillen in den USA aufgemacht. Raj Peter Bakhta versucht es mit Roggenwhiskey, von dem er kleine Mengen im Neuenglandstaat Vermont herstellt. Das Geschäft laufe ganz gut, sagt der 37 Jahre alte Sohn eines indischen Vaters und einer irischen Mutter. Die Leute wollten ­etwas Originelles haben, nicht immer nur Massenware, sagt Bakhta. Ob er von der Whiskeybrennerei leben kann, will der Mann allerdings nicht verraten. Zweifels­ohne gehört er aber zu jener jungen Generation von Amerikanern, die sich zutraut, den Markt aufzumischen.