Stephen Kings neuer Roman „Der Outsider“ handelt von einem unaussprechlichen Verbrechen, für das so schnell ein Schuldiger gefunden werden muss, dass es einen Unschuldigen trifft. Der Altmeister des Horrors beginnt stark, lässt dann aber nach.

Nachrichtenzentrale : Lukas Jenkner (loj)

Stuttgart - Was ist wahr und was nicht? In Zeiten, in denen ein US-Präsident seine ganz eigene Wahrnehmung der Realität hat, und die Medien, die sich an die seit Jahrzehnten bewährten Maßstäbe von Ethik und politischer Korrektheit halten, als Lügenpresse diffamiert werden, die sogenannte Fake News verbreiten, kommt Stephen Kings neuer Roman „Der Outsider“ zunächst höchst aktuell daher.

 

In der amerikanischen Kleinstadt Flint City wird ein geschändeter, grässlich verstümmelter und getöteter Junge gefunden. Die Spuren am Tatort und Augenzeugenberichte deuten klar auf den beliebten und unbescholtenen Englisch-Lehrer und Baseball-Trainer Terry Maitland hin. Um sich zu profilieren und dem aufgebrachten Volkswillen zügig Rechnung zu tragen, entschließen sich der Detective Ralph Anderson und Staatsanwaltschaft Bill Samuels zu einer spektakulären Verhaftungsaktion.

Mörderische Hysterie in einer amerikanischen Kleinstadt

Doch im Laufe der weiteren Ermittlungen treten Ungereimtheiten zutage. Terry Maitland kann ein wasserdichtes Alibi vorweisen. Es erscheint nahezu unmöglich, dass er der Täter ist, andererseits sprechen die Indizien und Spuren ebenfalls eine eindeutige Sprache. Und dann gerät die Situation vollends außer Kontrolle.

Nahezu die Hälfte des neuen King-Romans handelt von einem klassischen Kriminalfall, an dem zunächst nichts Übernatürliches zu sein scheint. King zeichnet ein Bild der amerikanischen Gesellschaft in der Ära Donald Trumps, in der vieles im Argen liegt. Der Mord an dem elfjährigen Frank Peterson erzeugt in Flint City umgehend eine mörderische Hysterie, von der sich die Ermittler anstecken lassen. Der Mob geifert, nicht nur in den sozialen Medien, sondern auch auf der Straße. Geurteilt wird schnell, vollstreckt auch.

Atmosphärisch dicht geschriebener Horror

Aus „Der Outsider“ hätte ein eindrückliches Werk über das gesellschaftlich gespaltene Amerika unter Donald Trump in Zeiten von Fake News und medialer Hysterie werden können. Doch (und da ist nicht zu viel verraten) bleibt sich Stephen King treu, und so wie in der Bill-Hodges-Trilogie, eine charmante Mischung aus Hard-Boiled-Krimi und King’scher Fabulierkunst, wendet sich die Handlung ins Übernatürliche.

Dadurch bleibt Kings neuester Wurf zwar immer noch ein spannendes, atmosphärisch dicht geschriebenes Stück Horror für alle Fans, aber neu und revolutionär ist das alles nicht. Daraus hätte Stephen King, der ja bekennender Demokrat ist und in den sozialen Medien zu den scharfen Kritikern Donald Trumps zählt, wesentlich mehr machen können.

Stephen King. Der Outsider. Roman. Heyne Verlag München 2018. Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 752 Seiten, 26 Euro, auch als E-Book, 19,99 Euro