Stiko-Chef bei Markus Lanz unter Druck Nur einmal verliert Thomas Mertens die Ruhe

Der Virologe Thomas Mertens leitet die Ständige Impfkommission. Foto: dpa/Kay Nietfeld
Der Virologe Thomas Mertens leitet die Ständige Impfkommission. Foto: dpa/Kay Nietfeld

Die Ständige Impfkommission ist wegen des Zögerns beim Impfen von über 12-Jährigen unter Druck. Ihr Chef Thomas Mertens holte bei Markus Lanz zum Gegenschlag aus.

Politik: Christoph Link (chl)
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Stuttgart - Als Fels in der Brandung wird der Virologe und Vorsitzende der Ständigen Impfkommission Thomas Mertens gerne beschrieben: Neutral und unabhängig nimmt er seine Rolle wahr, aber der Druck der Politiker auf ihn ist groß, und er kommt nicht nur von CDU und CSU, sondern am Donnerstagabend bei Markus Lanz auch vom SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans. Natürlich ging es um die sehr eingeschränkte Impfempfehlung der Stiko bei Kindern und Jugendlichen über zwölf Jahren, die nicht „generell“ geimpft werden sollten, laut Stiko, sondern nur bei Vorerkrankungen oder in einer bestimmten Kontaktsituation.

Söder wünscht ein „Überdenken“

„Wir würden uns sehr wünschen, dass die Stiko mal ihre Entscheidung überdenkt“, hatte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder gesagt, und auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte sich mehrfach ähnlich geäußert. SPD-Chef Norbert Walter-Borjans stieß bei Lanz nun ins selbe Horn: „Der Druck kommt ja von Corona“, sagte er. „Wir müssen auch bei den über Zwölfjährigen die Impfquote erhöhen.“ Im Übrigen habe die Europäische Arzneimittelagentur EMA für diese Altersgruppe ja Impfstoffe zugelassen.

Persönlich ist der Virologe „nicht genervt“

Der Gegenschlag von Thomas Mertens war breit angelegt und Markus Lanz räumte ihm auch Zeit und Rederecht ein: „Wir haben einen klaren Auftrag, nach wissenschaftlichen Erkenntnissen zu entscheiden“, so Mertens, und es sei eigentlich nicht notwendig, dass die Politiker „uns auffordern, diesem Auftrag nachzukommen“. Persönlich nerve ihn diese ständige Kritik aber nicht, er sei das Dauerfeuer gewöhnt: „Bei einigen Entscheidungen werden wir beklatscht, wenn unsere Entscheidungen nicht so genehm ausfallen, dann werden wir nicht beklatscht“, so Mertens. Er erhalte ja viele „böse“ Mails, in jüngster Zeit aber seien 98 Prozent der Mails von Eltern positiv: „Der Tenor ist, lassen Sie sich nicht von der Politik treiben und knebeln!“

Long Covid ist kein Krankheitsbild bei Kindern

Geleitet sei die Stiko bei ihrer Entscheidung von der Frage gewesen, ob die Kinder und Jugendlichen die Impfung „für ihre Gesundheit“ brauchen, dozierte Mertens und da habe das Studium der Literatur weltweit ergeben, dass die Krankenlast wegen Corona für diese Altersgruppe „keine wesentliche Rolle“ spiele. Was das sogenannte Long-Covid-Syndrom anbelange, da gebe es keine brauchbaren Daten für eine Beurteilung, es gebe nur eine Studie aus der Schweiz, wonach eine mit Corona infizierte Kindergruppe die gleichen Werte habe wie eine nicht infizierte Gruppe. Man wisse also nichts oder wenig, jedenfalls sei für ihn Long-Covid noch „kein Krankheitsbild von Kindern“.

Bei Ebola sieht es anders aus

Anders als bei Corona sei beispielsweise eine Krankheit wie Ebola zu betrachten, da liege die Sterberate bei 60 Prozent und natürlich stünden da die Nebenwirkungen einer Impfung „in einem ganz anderen Verhältnis“ zum Risiko einer Nichtimpfung.

Was Corona anbelange, da gebe es eine Studie mit lediglich 1131 Probanden über die Nebenwirkungen bei Kindern und Jugendlichen – viel zu wenig für verlässliche Aussagen. Auf der anderen Seite gebe es Erkenntnisse aus den USA über Herzmuskelerkrankungen bei jungen Leuten nach der Impfung. Da wisse noch keiner, ob dies nicht langfristige Folgen habe etwa in Form einer Herzinsuffizienz. Mertens hält es für besser, eine 75-prozentige Impfquote bei den Älteren zu schaffen, das wäre der beste Schutz für alle: „Erwachsene haben Verantwortung für die Kinder.“ Im Übrigen gebe es für die unter zwölf Jahre alten Kinder, eine Gruppe von neun Millionen und damit eine größere Gruppe als die 12- bis 18-Jährigen, bisher gar keinen zugelassenen Impfstoff.

Seine Enkel lässt Mertens nicht impfen

Einen etwas anderen Akzent als Mertens setzte die Kinder- und Jugendärztin Stefanie Schwarz-Gutknecht. „Die Stiko sieht nur die körperliche Seite des Problems“, sagte sie. Die Kinder und Jugendlichen wollten nach sieben Monaten des Lockdowns „wieder am Leben teilnehmen“ und es mache Kindern und Eltern Angst, wenn im Herbst möglicherweise ein neuer Schullockdown komme.

Schwarz-Gutknecht impft auch über 12-Jährige. Moderator Lanz warf da die Frage auf, ob die Politiker sich nicht mit der Kinderimpfung aus der Verantwortung stehlen wollten, für besser gesicherte Schulen zu sorgen nach dem Motto „impft alle, dann haben wir unser Problem gelöst“. Ähnlich äußerte sich die Journalistin Cerstin Gammelin („Süddeutsche“), die darauf hinwies, dass die Schulen jetzt schon im zweiten Sommer ohne Luftfilter da stünden. Gammelin hält es übrigens für unverantwortlich, dass die Verantwortung für oder gegen das Impfen nun durch Äußerungen beispielsweise auch von Gesundheitsminister Spahn („Entscheidung des Einzelnen“, „wer sich nicht impfen lässt, wird infiziert“ ) auch Zwölfjährigen aufgelastet werde: „Das übersteigt doch deren Entscheidungsvermögen.“

Thomas Mertens ist von Markus Lanz dann gefragt worden, ob er seine eigenen Kinder beziehungsweise Enkelkinder geimpft habe. Der entgegnete, es wäre ja wohl „grotesk“, wenn er gegen seine eigene Empfehlung handeln würde, seine Enkel, seien nicht geimpft und das sei in der Familie auch besprochen worden. Als dann Walter-Borjans kritisch anmerkte, dass eine solche persönliche Äußerung nicht angebracht sei angesichts der öffentlichen Position von Mertens, da fuhr der dann doch ein bisschen aus der Haut: „Das kann doch wohl nicht Ihr Ernst sein!“, so Mertens. Seit 50 Jahren sei er auf Evidenz – also wissenschaftliche Tatsachen – „trainiert“. Davon werde er jetzt nicht abrücken.




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