Stirling-Ausstellung in der Staatsgalerie "Krise der Moderne"

Kultur: Amber Sayah (say)
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Sichtbar wird ein Geist, der unentwegt zeichnend, in winzigen Skizzen Entwürfe durchprobiert, sie variiert, modifiziert, moduliert, dreht und wendet, bis die Lösung gefunden ist. Auf Tickets und Bordkarten der Nepal Airways - Stirling sitzt im Flieger nach Chandigarh, auf der Reise zu Le Corbusier - entsteht so der (ungebaute) Wettbewerbsentwurf für das Landesmuseum Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, das neben dem (ebenfalls unrealisierten) Entwurf für das Kölner Wallraf Richartz-Museum einen wichtigen Vorläufer der Stuttgarter Staatsgalerie bildet.

Sichtbar wird aber auch ein verspielter, erzählender, schalkhafter Kopf, der beispielsweise in seiner Diplomarbeit, dem Entwurf für ein Bürgerzentrum im englischen Newton Aycliffe, in die Schnittzeichnungen liebevoll Squashspieler, tanzende Paare und Turner an der Sprossenwand hineinzeichnet. Auf einem aquarellierten Blatt aus dem Jahr 1949 mit einer in expressionistischer Manier dargestellten Forststation schwebt der Architekturstudent Stirling höchstpersönlich im Helikopter über dem Berggipfel. Und im Grundriss der Ausstellungsräume der Staatsgalerie legt der Hobbyornithologe Stirling den Besucherparcours mit Bleistiftstrichen fest, die aussehen wie kleine Vogeltapper.

Auch der deutsche Ausstellungsuntertitel "Krise der Moderne" trifft den Kern der Ausstellung. Einem spielenden Menschen wie Stirling musste der um die Jahrhundertmitte überall herrschende International Style dogmatisch erstarrt vorkommen: eine selbst auferlegte Verarmung, die den möglichen Formenreichtum der Architektur, ihre unendlichen Ausdrucksmöglichkeiten radikal beschnitt.

Die Versöhnung von Funktionalität und Gestaltung

Schon früh zielt Stirling, der historische Stile und Bauweisen aufsaugt wie ein Schwamm, daher darauf ab, Funktionalität und Gestaltung in seinen Entwürfen zu versöhnen. Die Hochschulbauten in Cambridge und Leicester - Ikonen der britischen Nachkriegsarchitektur - bringen Bewegung in die dürre Kistenästhetik der Moderne, nehmen Einflüsse aus dem Futurismus und dem russischen Konstruktivismus auf - und dem Schiffsbau: Der auf schrägen Stützen lagernde Baukörper des Studentenwohnheims Queen's College in Oxford liegt wie in einer Werft.

Die Ausstellung macht klar, dass zwischen den rationalistischen Bauten der sechziger Jahre und den postmodernen Entwürfen der siebziger und achtziger Jahre kein Bruch in Stirlings Werk stattfindet, sondern eher eine Weiterentwicklung und Erweiterung des Formenrepertoires hin zu einem radikalen Eklektizismus. PopArt, Romanik, Altägypten, Klassizismus, Konstruktivismus, Schinkel, Wright, Rogers und Piano vereinigen sich in den Museumsbauten zu einem Stilmix, der die Staatsgalerie zu dem "informellen Monument" macht, als das Stirling sie gegen ihre Kritiker verteidigte.

Wesentlicher und revolutionärer ist aus heutiger Sicht aber nicht das postmoderne Zitatfeuerwerk, sondern dass Stirling, beginnend mit der Staatsgalerie, keine Monolithen mehr schuf, sondern "urbane Assemblagen", wie die Ausstellung es nennt: Gebäude, die selbst wie kleine Städte sind, sich in das Gewebe der Stadt einfügen und so Stadt schaffen.




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