Straßenverkehr in Herrenberg Streit um Jahrzehnte des Schepperns

Lastwagen fahren im Minutentakt. Die Horber Straße ist laut, gefährlich, überlastet. Foto: factum/Granville
Lastwagen fahren im Minutentakt. Die Horber Straße ist laut, gefährlich, überlastet. Foto: factum/Granville

Eine neue Bürgerinitiative beschäftigt sich mit einer alten Frage: Warum gelingt es der Stadt nicht, die Blechlawinen aus ihrer Mitte zu verbannen? Die Wortführer halten die Horber Straße für unzumutbar.

Böblingen: Marc Schieferecke (eck)
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Herrenberg - Das Große und Ganze ist erschöpfend diskutiert. Dies ist die Kleinigkeit, die es verbildlicht: Die Ampel springt auf grünes Licht. Fußgänger spazieren über die Straße. Autofahrer an der Querstraße sehen Sekunden später ebenfalls grünes Licht, lang, bevor die Fußgängerampel wieder auf Rot schaltet. Dieser Überweg ist Teil eines Schulwegs. „Fast hätten sie mich erwischt“, sagt Friedhelm Köhnen. Vor ein paar Wochen stakste er noch an Krücken. Eilen kann er noch immer nicht. An der Ampelschaltung „sieht man, wer in Herrenberg Vorrang hat“, meint Dirk Rensmeyer – der Autofahrer.

Wie die Ampel, stehen die beiden an der Kreuzung der Walter-Knoll- zur Horber Straße. Um Letztere geht es ihnen. Gemeinsam mit Niko Frank haben sie ein Bürgerinitiative gegründet. Vor exakt einer Woche haben sie ihre Internetseite freigeschaltet, www.horberstrasse.de, und Flugzettel verteilt. Seither können Herrenberger ihren Namen eintragen, um die Ziele der Initiative zu unterstützen. „Da kommt richtig Rückfluss, sogar überörtlich“, sagt Rensmeyer. Dabei „sind unsere Ideen nicht rasend neu“, sagt Frank. Eher im Gegenteil.

Ein vor 15 Jahren gesprochener Satz gilt noch immer

„Seit 20 Jahren ist in der Verkehrsentwicklung nichts passiert.“ Diesen Satz hatte Otto Beerstecher im Namen einer Initiative gesprochen, die ebenfalls forderte, Herrenbergs Zentrum von den alltäglichen Autokolonnen zu befreien. Dies vor 15 Jahren. Der Satz gilt noch immer. Damals galt ein 900 Meter langer Tunnel als ideale Lösung. Sie ist längst verworfen, allein schon wegen der Kosten von bis zu 120 Millionen Euro.

Etliche Varianten von Unter- und Umfahrungen wurden entworfen, geprüft und verworfen. Aktuell gilt eine I3 opt getaufte Version als ideal. Sie soll 15 Millionen Euro kosten. Ihre „Realisierung wäre in fünf bis zehn Jahren möglich“. So ist es in einer Zusammenfassung der Debatte zu lesen, die aus dem Rathaus stammt und auch schon zwei Jahre alt ist. Überdies ist die Trasse keineswegs unstrittig. Als die Bürger aufgefordert waren, sie zu diskutieren, sprachen sich mehr gegen I3 opt aus als dafür. In Arbeit ist derzeit auch ein Gesamtkonzept für die Zukunft des Verkehrs in Herrenberg, der Integrierte Mobilitätsentwicklungsplan. „Das Bemühen um die optimale Lösung für die Zukunft erkennen wir an“, sagt Rensmeyer, „aber heute hilft uns das gar nichts“. Der nächste Satz verhallt in einem Scheppern. Ein Schwertransporter rattert vorbei. Davon fahren reichlich auf der Horber Straße, an diesem Mittwoch um kurz nach vier im Minutentakt. Die einen wollen zum nahe gelegenen Steinbruch. Die anderen sparen sich auf dem Schleichweg ein paar Euro Autobahnmaut. „Um sechs Uhr in der früh geht hier die Party los“, sagt Köhnen, „ohne Schallschutzfenster wäre sogar Fernsehen unmöglich“.

Unfälle belegen die Gefährlichkeit der Straße

Dass die Straße für Fußgänger gefährlich ist, hat vor wenigen Wochen ein schwerer Unfall bewiesen. Ein Schwertransporter fuhr eine 78-Jährige an. Ebenfalls im aktuellen Jahr fuhr eine Frau beim Abbiegen einen 76-Jährigen um. Ein Mann erfasste zwei Mädchen, als sie bei Grün über die Straße gingen. Er habe wohl die Ampel übersehen, argwöhnte die Polizei. „Das ist Alltag“, sagt Köhnen. Der Augenschein belegt schon innerhalb einer Viertelstunde, dass er damit recht hat. Im Haus dort vorn, erzählt er, leben Körperbehinderte. Ein Stück weiter unten steht ein Kindergarten.

Tempo 30, ein Lastwagenverbot, andere Ampelschaltungen, ein Umbau der Straße – dies ist die Forderungsliste der Initiative. Diese Ideen sind in der Tat nicht neu. Bis 1997 war ein Teil von ihnen sogar Tatsache. Damals wurde die Straße ausgebaut. Die Stadtverwaltung gab ihre Freude über den Erfolg des Umbaus bekannt: „Trotz höheren Aufkommens fließt der Verkehr nun zügiger stadteinwärts.“ Heute ist selbstredend das Gegenteil das Ziel.

Die Frage, ob die Forderungen realistisch sind, beantwortet die Stadt schriftlich. Die Antwort ist nahezu so lang wie dieser Text. Tempo 30 wäre denkbar, steht in ihr. Die Ampelschaltungen sollen geprüft werden. Die Wirkung eines Lastwagenverbots sei fraglich. All dem müsste überdies das Regierungspräsidium zustimmen. Die Abstimmung habe begonnen. I3 opt werde die Horber Straße nicht entlasten. Alles Weitere müsse in der Debatte über den Integrierten Mobilitätsentwicklungsplan geklärt werden. Dessen Zieljahr ist 2030.




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