Zum ersten Mal wurde untersucht, welche wirtschaftliche Bedeutung die private Krankenversicherung für Baden-Württemberg hat. Sie sichert demnach viele Arbeitsplätze.

Politik/ Baden-Württemberg: Rainer Pörtner (pö)

Stuttgart - Die privaten Krankenversicherer sind politisch unter Druck. SPD und Grüne würden am liebsten eine Bürgerversicherung einführen, die das Nebeneinander von gesetzlicher und privater Krankenversicherung in Deutschland beendet. Die in Berlin mitregierende FDP sorgt zwar dafür, dass es in Zeiten der Ampelkoalition nicht zu einer durchgreifenden Reform kommt. Aber die Diskussion über die Bürgerversicherung geht weiter – und die private Krankenversicherung (PKV) braucht Argumente, die ihre Zukunft absichern.

Zum ersten Mal hat jetzt das Darmstädter Forschungsinstitut Wifor untersucht, welchen „ökonomischen Fußabdruck“ die private Krankenversicherung im Land Baden-Württemberg hinterlässt, also welche ökonomische Wirkung diese Branche im Südwesten entfaltet: Für das Jahr 2019 kamen die Forscher auf 4,9 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung, die von der privaten Krankenversicherung als eigenständigem Wirtschaftsakteur sowie als Finanzier von Gesundheitsleistungen ausging.

„Erhebliche Wertschöpfung für Baden-Württemberg“

Von dieser Bruttowertschöpfung hingen „direkt, indirekt und induziert rund 97 730 Arbeitsplätze in Baden-Württemberg ab“, heißt es in der Studie, die unserer Zeitung vorliegt. Die Untersuchung entstand im Auftrag des Verbands der Privaten Krankenversicherung.

Die PKV erbringe damit für Baden-Württemberg „eine erhebliche Wertschöpfung“, sagt Ralf Kantak, Vorstandsvorsitzender der Süddeutschen Krankenversicherung mit Sitz in Fellbach. „Damit liegt das Land unter den Top 3 in Deutschland – direkt neben den klassischen Versicherungsstandorten Bayern und Nordrhein-Westfalen.“

Noch wichtiger als diese Globalzahlen sind für die privaten Versicherer allerdings andere Erkenntnisse der Studie. Denn ein zentrales Argument der PKV-Anhänger ist stets, dass diese Versicherungsart für die Gesellschaft und die Volkswirtschaft insgesamt von großem Nutzen sei. Für sie belegt die Wifor-Studie, dass die ökonomische Wirkung der PKV deutlich über ihren reinen Marktanteil an der Gesundheitsbranche hinausgeht, der in Baden-Württemberg bei zwölf Prozent liegt.

Privat oder gesetzlich versichert?

Ein direkter Vergleich der privaten mit der gesetzlichen Krankenversicherung, die im Südwesten knapp 90 Prozent Marktanteil hat, ist nach Angaben der Wifor-Forscher nicht möglich. Es gebe keine Zahlen zum „ökonomischen Fußabdruck“ der Gesetzlichen. Umso wichtiger sei deshalb, was die PKV-Studie unter dem Stichwort „Mehrumsätze“ erfasse.

Damit sind Umsätze bezeichnet, die unter anderem bei Ärzten oder Kliniken nur deshalb entstehen, weil Patienten privat und nicht gesetzlich versichert sind. In der Gesamtwirtschaft von Baden-Württemberg würde durch die Mehrumsätze der Privatversicherten über direkte, indirekte und induzierte Effekte eine Bruttowertschöpfung in Höhe von 1,9 Milliarden Euro ausgelöst, heißt es in der Studie. „Damit stellen Privatversicherte eine wichtige Finanzierungsquelle für die Ausstattung der Praxen und Krankenhäuser und damit für die medizinische Versorgung in Baden-Württemberg insgesamt dar.“ Diese Mehrumsätze führten insgesamt zu 45 940 Arbeitsplätzen.

„Unsere Regionaldaten zeigen: Von den PKV-typischen Mehrumsätzen profitieren in Baden-Württemberg vor allem ländliche Gebiete“, sagt der Fellbacher Versicherungschef Kantak. „So erzielt eine Arztpraxis in der Metropolregion Stuttgart im Schnitt einen Realwert von rund 54 000 Euro zusätzlich pro Jahr, die sie in Personal und Geräte investieren kann. Noch deutlich mehr erhalten Arztpraxen im Landkreis Schwäbisch Hall, dort sind es fast 69 000 Euro zusätzlich im Jahr. Die PKV stärkt also besonders die medizinische Versorgung auf dem Land.“

Finanzier von Operationen, Heilmitteln oder ärztlicher Beratung

Auch sonst empfindet sich die PKV als potente Wirtschaftskraft. Sie ist einerseits selbst Wirtschaftsakteur mit vielen Angestellten, andererseits speist sie Milliarden Euro in das Gesundheitssystem. Als Finanzier von Operationen, Heilmitteln oder ärztlicher Beratung bewirkt die PKV laut Studie eine Bruttowertschöpfung von 4,2 Milliarden Euro. Allein auf diese Weise bezahle sie insgesamt 91 270 Erwerbstätige in Baden-Württemberg.

Jeder einzelne Euro aus den Gesundheitsausgaben der PKV löst 94 Cent zusätzliche Bruttowertschöpfung aus. „Der Vergleich zu anderen Branchen wie etwa dem Maschinenbau (0,70 Euro), der Medizintechnik (0,74 Euro) oder der Humanarzneimittelherstellung (0,66 Euro) verdeutlicht die ökonomische Bedeutung der PKV-Ausgaben für die Gesamtwirtschaft in Baden-Württemberg“, schreiben die Forscher.

In dieser Multiplikatorenwirkung spiegele sich der starke Dienstleistungs- und Inlandsbezug der PKV wider. „Denn die Wertschöpfungskette entfaltet sich im Gegensatz zu anderen, industriell geprägten Branchen insbesondere in Baden-Württemberg und im (personalintensiven) ambulanten und stationären Dienstleistungsbereich.“

Zusatzinformationen

Branche
Die Gesundheitsbranche gehört zu den wichtigsten im Südwesten. Im Jahr 2019 trug sie 11,9 Prozent zum baden-württembergischen Bruttoinlandsprodukt bei. Gleichzeitig arbeitete mehr als jeder sechste Erwerbstätige in dieser Branche.

Versicherte
Mehr als 1,3 Millionen Menschen im Südwesten sind vollständig privatversichert. Hinzu kommt eine noch größere Zahl von Personen, die in der PKV – ergänzend zum gesetzlich verpflichtenden Versicherungsschutz – eine Zusatzversicherung zum Beispiel für die Zähne oder Pflege abgeschlossen haben. Der regionale Marktanteil der PKV in Baden-Württemberg beträgt 12 Prozent und liegt über dem bundesweiten Durchschnitt von 10,6 Prozent.

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