Studie zu Neandertalern Langes Stillen nicht Ursache für Aussterben der Neandertaler

Vermutlich beim Zahnwechsel verlor ein Neandertaler-Kind vor 40 000 bis 70 000 Jahren diesen Milchzahn. Foto: ERC project Success, University of Bologna, Italy/www.uni-frankfurt.de/93639226
Vermutlich beim Zahnwechsel verlor ein Neandertaler-Kind vor 40 000 bis 70 000 Jahren diesen Milchzahn. Foto: ERC project Success, University of Bologna, Italy/www.uni-frankfurt.de/93639226

Wissenschaftler haben die Milchzähne von vier Neandertaler-Babys in hauchdünne Scheiben geschnitten. In den Schmelzringen konnten sie lesen wie in den Jahresringen eines Baums. Ergebnis: Langes Stillen war nicht die Ursache für das Aussterben der Neandertaler.

Leben: Markus Brauer (mb)
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Frankfurt/Main - Neandertaler-Mütter haben ihre Kinder wohl ähnlich lange gestillt wie Mütter heute. Das schließen Forscher aus Italien und Frankfurt aus der Analyse von 40 000 bis 70 000 Jahre alten Milchzähnen. An der in den „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS) veröffentlichten Studie waren Anthropologen, Archäologen, Chemiker, Physiker und Geologen beteiligt.

Die Ergebnisse weisen laut Goethe-Universität darauf hin, dass spätes Abstillen vermutlich nicht zum Aussterben der Neandertaler beigetragen hat.

Neandertaler-Zähne stammen aus Höhlen in Italien

Die Zähne, die das Forscherteam untersuchte, ähnelten chemisch jenen heutiger Babys. „Ein Hinweis darauf, dass die Ernährung und Entwicklung erstaunlich ähnlich verliefen“, wie die Hochschule mitteilte.

Die Forscher widerlegen damit eine von anderen Experten vertretene These, der zufolge die Neandertaler ausgestorben sein könnten, weil die Mütter ihre Säuglinge vergleichsweise lange stillten und die Säuglinge nicht früh genug vielfältige Nährstoffe für eine Höherentwicklung des Gehirns erhielten.

Die Neandertaler-Milchzähne stammen aus Höhlen in Nordostitalien und gehörten vier Kindern. Wissenschaftler des Instituts für Geowissenschaften der Goethe-Universität betteten die Zähne in Harz ein und schnitten sie in hauchdünne Schichten. Mit Hilfe der Massenspektrometrie suchten sie nach Elementen wie Strontium und Kalzium.

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Zahnschmelz gibt Auskunft über Ernährung

Deren Verhältnis gebe Hinweise auf die Nahrung, erklärte der Leiter der Arbeitsgruppe, Wolfgang Müller. Bei Muttermilch ist das Verhältnis anders als bei Körnern, Gemüse, Fleisch oder Milch. Ähnlich wie bei den Wachstumsringen eines Baumes lagert sich bei Milchzähnen jeden Tag eine Schicht Zahnschmelz ab, so dass jeder Zahn die Lebenstage widerspiegelt.

Wird das Kind gestillt, gibt es mehr Kalzium und weniger Strontium. Mit Beginn des Abstillens sieht man höhere Konzentrationen von Strontium. Die Arbeitsgruppen konnten diesen Zeitpunkt sehr genau datieren: auf 3,8 bis 5,3 Monate, je nach Individuum.

Magenbakterien rotteten Neandertaler aus

Wenn es nicht am Stillen lag, warum starb der „Homo neanderthalensis“ dann aus? Britische Wissenschaftler vermuten, dass Bakterien und Viren, die vor Zehntausenden Jahren vom Homo sapiens von Afrika nach Europa mitgebracht wurden, zum Aussterben maßgeblich beigetragen haben könnten.

Danach hatte das Bakterium „Helicobacter pylori“, bis heute die Ursache vieler Magengeschwüre, bereits vor 88 000 bis 116 000 Jahren den modernen Menschen in Afrika infiziert. Es sei dann vor rund 52 000 Jahren mit Homo sapiens nach Europa gelangt, glauben Charlotte Houldcroft und ihre Kollegen von den Universitäten Cambridge und Oxford Brookes der Universitäten Cambridge und Oxford Brookes.

Außer dem Magenkeim „Helicobacter pylori“ dürften ihnen auch der Bandwurm, der Tuberkulose-Erreger und das Herpes-Virus zum Verhängnis geworden sein. In Europa dürften die Einwanderer aus Afrika ihre Vettern unter anderem beim Geschlechtsverkehr zwischen den beiden Homo-Arten infiziert haben. Einige Jahrtausende später – vor etwa 30 000 – verschwanden die Neandertaler – aus bisher ungeklärter Ursache.




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