Stürmer des VfB Stuttgart Silas Wamangituka – der Straßenfußballer aus Kinshasa

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Er ist tempo- und trickreich – doch es gibt noch mehr Gründe, warum Silas Wamangituka in der nun beginnenden Bundesligasaison für den VfB Stuttgart besonders wertvoll werden könnte.

Mit Durchsetzungsvermögen: Silas Wamangituka (links) zieht  an dem Rostocker Björn Rother vorbei. An diesem Samstag versucht es der VfB-Angreifer gegen den SC Freiburg. Foto: Baumann
Mit Durchsetzungsvermögen: Silas Wamangituka (links) zieht an dem Rostocker Björn Rother vorbei. An diesem Samstag versucht es der VfB-Angreifer gegen den SC Freiburg. Foto: Baumann

Stuttgart - Man kann sich gut vorstellen, wie es Silas Wamangituka als Kind schon mit seinen Tricks probiert hat. Auf den Straßen von Kinshasa, wo er geboren wurde. Und auf den staubigen Plätzen der Jugendabteilung des Olympic Matete FC in seiner kongolesischen Heimat. Dribblings, immer wieder Dribblings. Rechts vorbei, links vorbei. Hier eine Körpertäuschung, dort ein Beinschuss.

Oft genug ließ er den Gegner mit dem Ball am Fuß dank seiner Schnelligkeit lässig hinter sich. Oft genug versuchte es Wamangituka aber auch, mit dem Kopf durch die Wand zu stürmen, wenn sich gleich mehrere Verteidiger vor ihm aufbauten.

Später, als er mit 17 Jahren nach Frankreich wechselte, war es nicht anders. Wamangituka spielte weiter seinen wilden Fußball. Unberechenbar zwar, weil er die defensive Ordnung des Gegners durchbrach, aber taktisch und technisch ungeschliffen, weil er nicht wie viele andere Talente einer edlen Nachwuchsakademie entstammt und somit keine Ausbildung in modernem Fußball genossen hat.

Der Junge mit dem gewissen Etwas

Schnell müssen die Jungs heute sein, dann lehrt man sie im perfekten Umgang mit dem Ball und bildet sie in sämtlichen Systemen aus. Häufig ergibt das hochbegabte Spieler mit beeindruckenden Fähigkeiten, aber gelegentlich mangelt es ihnen an Intuition. Wamanagituka trägt dieses gewisse Etwas in sich. „Er gehört zu den Spielern, die noch über ein Straßenfußballer-Gen verfügen“, sagt Sven Mislintat, der Sportdirektor des VfB Stuttgart.

Im Sommer 2019 verpflichtete Mislintat den Angreifer vom Zweitligisten Paris FC für acht Millionen Euro. Dabei scheint der 47-jährige Westfale ein Faible für solche Spielertypen zu haben, da er immer wieder Talente holt, die tempo- und trickreich sind – und die eine hohe Eigenmotivation mitbringen, um es nach oben zu schaffen.

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Beim VfB gibt es aus der Mislintat-Kategorie noch Darko Churlinov, Tanguy Coulibaly und Momo Cissé. Zuvor entdeckte er Pierre-Emerick Aubameyang, Ousmane Dembélé und Jadon Sancho – Spieler, die im Alter von 20 Jahren weiter waren, als Wamangituka es aktuell ist. Vielleicht sind sie begabter, doch auch die Stars mussten lernen, ihre Individualität effektvoll in die Mannschaft einzubringen.

„Er ist einer von mehreren Spielern, denen ich einen Entwicklungssprung in dieser Saison zutraue“, sagt der Trainer Pellegrino Matarazzo. Mit dem Siegtor im Pokalspiel bei Hansa Rostock hat Wamangituka vor dem Bundesligastart an diesem Samstag (15.30 Uhr) gegen den SC Freiburg bereits vorgelegt. Er könnte in dieser Saison sogar eine Schlüsselrolle bei den Stuttgartern einnehmen, wenn sich vermehrt Konterräume ergeben. „Silas Wamangituka hat sich bereits im Verlauf der vergangenen Rückrunde deutlich weiterentwickelt“, sagt Mislintat, „in der Offensive hatte er mit Nicolas Gonzalez erheblichen Anteil am Aufstieg.“

Eine besondere Stärke

Sieben Treffer und acht Torvorlagen lieferte der junge Mann mit der Rückennummer 14 zur Erfolgsgeschichte bei, und ohne den verletzten Gonzalez ruhen einige Hoffnungen auf den Qualitäten des Außenangreifers. Wamangituka bringt mit seinen 1,89 Meter körperliche Voraussetzungen mit, die zur Waffe werden und dem Gegner weh tun werden können. Bei allem Tempo gilt es jedoch, die Technik zu verfeinern. Zum Beispiel beim ersten Ballkontakt. Denn manchmal endet eine verheißungsvolle Aktion noch ehe, sie losgegangen ist. Aber: „Nach einem gescheiterten Dribbling gibt er nicht auf. Er weiß, dass dieses Risiko zu seinem Spiel gehört. Diese Denke ist eine Stärke – die darf man ihm nicht nehmen“, sagt Mislintat.

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Beim VfB sind sie überzeugt davon, diese Eigenschaften konsequent fördern zu müssen. Matarazzo arbeitet sehr viel mit Wamangituka individuell, und der Trainer spricht auch sehr viel mit dem zurückhaltendem Stürmer. Das kommt an. „Ihm muss noch etwas bewusster werden, wann und wo er seine Stärken einsetzen kann und soll“, sagt Matarazzo. Ein Reifeprozess, und im Gegenzug soll die Mannschaft bereit sein, die aufregende Spielweise des Flügelflitzers zu stützen und gegebenenfalls Fehler abzusichern. Ohne auf dessen Beitrag nach hinten zu verzichten. „Er taucht immer tiefer in seine Defensivaufgaben ein“, sagt Matarazzo.

Der Blick richtet sich jedoch nach vorne. Die Zahl seiner gelungenen Aktionen steigt, und sein Timing für ein passendes Dribbling hat sich verbessert. Was den einstigen Straßenkicker aus Kinshasa zu einem spannenden Spieler macht. Weil er seinen Wert für den VfB sportlich wie finanziell noch steigern kann. Denn Wamangituka gehört zu jener Spezies, die wohl nie ein Spiel perfekt lesen wird, aber er kann es mit einem Sprint verändern.




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